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Sendung vom 20. Mai 2003
Zwei Seiten eines Medikaments: Contergan
Die Wirksamkeit vieler Medikamente hängt nicht allein von ihren Inhaltsstoffen ab, sondern auch von deren Händigkeit - der so genannten Chiralität. Was damit gemeint ist, wissen die wenigsten - die meisten kennen allerdings den Skandal, der sich in den 1960er Jahren rund um das Arzneimittel Contergan entspann. Frauen, die das Schlafmittel in den ersten Schwangerschaftswochen einnahmen, brachten zum Teil schwer geschädigte Kinder zur Welt. Denn der Wirkstoff von Contergan hat eine ganz besondere Eigenschaft: Er ist chiral.
Viele chemische Verbindungen sind - wie auch unsere Hände -
chiral. Das heißt, sie besitzen neben ihrem "Bild"
auch ein seitenverkehrtes "Spiegelbild". Es gibt also von
einer bestimmten Verbindung sowohl rechtshändige, wie auch
linkshändige Moleküle.
Bei der Herstellung einiger Arzneimittel entstehen so genannte
Racemate, d.
h. ein Gemisch von beiden Händigkeiten. Dabei
besitzt nur die eine Form die gewünschte Wirkung. Das
Spiegelbild ist häufig wirkungslos oder verursacht sogar
unerwünschte Nebenwirkungen.
Daher versuchen Chemiker schon seit 40 Jahren, die Herstellung
von Medikamenten so zu steuern, dass nur noch eine Form der
spiegelbildlichen Moleküle entsteht. Diesen Prozess nennt man
chirale Katalyse. Für ihre bahnbrechende Arbeit auf diesem
Gebiet wurden im Jahr 2001 gleich drei Wissenschaftler mit dem
Nobelpreis für Chemie
ausgezeichnet: William
Knowles, Ryoji Noyori und Barry Sharpless.
Es ist eine Geschichte von Bild und Spiegelbild. Und es ist die Geschichte des größten deutschen Arzneimittelskandals. Als das Medikament Contergan am 1. Oktober 1957 auf den Markt kam, wurde es als wahres Wundermittel gepriesen: Ruhe und erholsamen Schlaf sollte das neue Medikament schenken. Und das ohne schädliche Nebenwirkungen - versprach der Beipackzettel. Die vom Wirtschaftswunder gestresste Bevölkerung war begeistert und Contergan der Kassenschlager der kleinen deutschen Firma "Grünenthal". Jeden Monat wurden über 20 Millionen Tabletten mit dem Wirkstoff "Thalidomid" produziert. Das neue Medikament wurde nicht nur bei Schlaflosigkeit, sondern auch gegen Übelkeit in der Schwangerschaft eingesetzt.
Kurze Zeit später wurden Kinder mit verstümmelten Gliedmaßen geboren. In Deutschland häuften sich die Fälle. Immer mehr Kinder kamen mit verkümmerten Armen oder Beinen, taub oder mit geschädigten Organen zur Welt. Als Grund wurden Strahlungsschäden vermutet. Nach vier Jahren entdeckte der Kinderarzt Dr. Widukind Lenz als Erster den Zusammenhang mit dem Schlafmittel Contergan. Er warnte die Herstellerfirma "Grünenthal", doch die Verantwortlichen glaubten ihm nicht. Erst 1961 wurde das Medikament unter massivem Druck der Öffentlichkeit vom Markt genommen.
Heute weiß man: Schon die Einnahme von nur einer Tablette Contergan in den ersten fünf bis sechs Wochen der Schwangerschaft führt zu massiven Schäden in der Entwicklung des Embryos. In vier Jahren sind durch die Einnahme von Contergan 2.700 Kinder in Deutschland mit verstümmelten Gliedmaßen zur Welt gekommen. Ungefähr weitere 3.000 Kinder überlebten die ersten Monate nicht, da Contergan auch die Entwicklung der inneren Organe schädigte. Weltweit wurden über 10.000 Kinder mit Contergan-Schäden geboren.
Bis heute weiß man nicht, wie die Substanz Thalidomid genau wirkt. Forscher vermuten, dass die linkshändige Form des Thalidomid erholsamen Schlaf schenkt, während die rechtshändige Form Gewebe und vor allem Blutgefäße am Wachstum hindert. Doch bisher konnte das nicht bewiesen werden, da die eine Form von Thalidomid niemals ohne die andere vorkommt. Der Körper selbst baut nämlich die eine Form in die andere um.
Der Wirkstoff Thalidomid begann jedoch bereits 1964 seine zweite Karriere. In Jerusalem entdeckte der Arzt Dr. Sheskin durch Zufall eine besondere Eigenschaft von Thalidomid. Ein Leprakranker konnte vor Schmerzen schon seit vielen Tagen und Nächten nicht mehr schlafen. Dr. Sheskin gab ihm einige Tabletten Contergan, damit er wenigstens eine ruhige Nacht verbrachte. Schon am nächsten Morgen waren die entzündlichen Hauterscheinungen der Lepra viel besser.
Heute ist Thalidomid in vielen Ländern der Welt zur
Behandlung von Leprasymptomen wieder zugelassen. Außerdem
wird es bei Mundgeschwüren im Zusammenhang mit AIDS und
in zahlreichen Studien gegen Krebs eingesetzt. Thalidomid ist eine
der am besten untersuchten Substanzen der Welt. Doch bis jetzt kann
kein Wissenschaftler erklären, wie es genau wirkt. Vermutlich
ist die wachstumshemmende Wirkung auf Blutgefäße ein
Grund für seine Wirksamkeit bei der Bekämpfung der
Symptome von Lepra, AIDS und Krebs. Zudem wirkt Thalidomid auf
einen Entzündungsfaktor, der bei vielen Autoimmunkrankheiten
eine wichtige Rolle spielt: der Tumor-Nekrose-Faktor-Alpha.
Für die Entstehung der Schäden am Embryo gibt es seither
über 24 verschiedene Theorien. Inzwischen soll sichergestellt
sein, dass das Medikament nicht mehr an schwangere Frauen
ausgegeben wird. In den USA gibt es ein
strenges Verfahren für die Vergabe des Medikaments. Doch in
Brasilien sollen laut Expertenschätzungen bereits wieder 500
Contergan-Kinder der neuen Generation auf die Welt gekommen sein.
Contergan: Fluch oder Segen? Diese Frage kann bis heute nicht
beantwortet werden.
Corinna Sachs
Stand: 20.05.2003
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