Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 04. November 2003
Vitamine in Überdosen
"Viel hilft viel!" Das ist die Überzeugung von so manchem Vitamin-Verfechter. Dass Vitamine in Überdosen aber durchaus auch Nebenwirkungen haben können, ist vielen Verbrauchern nicht bewusst. Gerade fettlösliche Vitamine, die im Körper lange gespeichert werden, können sogar gefährlich sein. Beispiel: Vitamin A.
Vitamin A bzw.
Retinol ist nur in tierischer Nahrung enthalten. In Pflanzen finden
sich nur Carotinoide. Diese Provitamine können teilweise vom
Menschen zu Vitamin A umgewandelt werden. Das wohl bekannteste
Carotinoid ist Beta Carotin. Es kann in zwei
Vitamin-A-Moleküle umgewandelt werden.
Unter unseren Lebensmitteln haben Leber, Butter und Eigelb einen
besonders hohen Gehalt an Vitamin A. Auch Seefische weisen sehr
viel Vitamin A auf. Fischfressende Säugetiere wie
beispielsweise der Eisbär haben aus diesem Grund in ihrer
Leber solch hohe Vitamin-A-Gehalte, dass Polarforscher oder Eskimos
deren Verzehr vielfach mit schwerwiegenden Nebenwirkungen wie
Kopfschmerzen, Übelkeit und Lebervergrößerungen
büßen mussten. Im Extremfall endete die
Überdosierung tödlich.
Hierzulande wurden in den Nachkriegsjahren viele Kinder mit
Lebertran "gequält", der viel Vitamin A und D
enthält. Man wollte einen Vitaminmangel unbedingt vermeiden.
Als leichte Nebenwirkungen wurden etwa Hornhautschäden
beobachtet.
Heutzutage kann eine Überdosierung mit Vitamin A nur in
Einzelfällen bei übermäßigem Verzehr von
tierischen Produkten - besonders Leber - auftreten. Bei einer
ausgewogenen Ernährung ist eine Vitamin-A-Vergiftung nicht zu
erwarten.
Seit 1946 wird Vitamin A künstlich hergestellt, die
Vorstufe Beta Carotin (Provitamin A) seit 1954. Vitamin A
(chemische Bezeichnung: Retinol) wurde zunächst in relativ
hohen Dosierungen verkauft. Bei dauerhafter Einnahme hoher Dosen
traten aber zunehmend Leberschäden auf. Mitte der 60er Jahre
häuften sich dann Hinweise darauf, dass Vitamin A in der
Schwangerschaft zu Missbildungen führen kann. Der freie
Verkauf des Retinols wurde auf kleine Dosen beschränkt.
Größere Mengen gibt es seither nur noch auf
Rezept.
Beta Carotin ist von dieser Regelung nicht betroffen. Denn eine
Überdosierung kann nur bei Einnahme von Vitamin A entstehen;
Provitamin A (Carotinoide, dazu gehört auch Beta Carotin) darf
man in beliebiger Menge zu sich nehmen. Die Umwandlung dieser
Vorstufe in Vitamin A passt der Körper dem Bedarf an. Die
überschüssige Menge an Carotinoiden wird vor allem in der
Haut abgelagert und färbt diese dann gelblich-orange.
Zwischen 1970 und 1980 wurden zahlreiche Studien
durchgeführt, um die Brauchbarkeit von Beta Carotin in
Verbindung mit Lebensmitteln und seine Aktivität im
Körper zu untersuchen. Besonders Anfang der 80er Jahre erlebte
Beta Carotin dann einen wahren Boom: Man vermutete, dass es vor Krebs
schützt. Und tatsächlich fand man heraus, dass Beta
Carotin eine
antioxidative Wirkung hat. Es entwickelte
sich ein blühender Handel mit Vitaminzusätzen, die Beta
Carotin enthielten. Sogar als "Rauchervitamin" zur
Vorbeugung von Krebs wurde es empfohlen.
Ein Versprechen, das das Beta Carotin nicht halten konnte. In mehreren großen Studien erhielten Raucher über mehrere Jahre Beta Carotin, Beta Carotin im Gemisch mit anderen Vitaminen oder ein Scheinpräparat, ein sogenanntes Placebo. In keiner dieser Untersuchungen hatte Beta Carotin einen Schutzeffekt. Bei Rauchern war entgegen der Erwartung die Häufigkeit von Lungenkrebs und Todesfällen im Zusammenhang mit Erkrankungen des Herzkreislaufsystems sogar erhöht. Die Studie wurde abgebrochen.
Vitamin-angereicherte Lebensmittel gibt es vor allem in den
Industrieländern - obwohl sie kaum zu den Ländern
zählen, in denen eine Vitamin-A-Mangelversorgung herrscht.
Studien haben gezeigt, dass jeder fünfte Amerikaner zu hohe
Vitamin-A-Mengen zu sich nimmt. Bei der
Vitamin-Supplementierung fordern Experten ein
Umdenken. Und das hat bei den Vitaminproduzenten bereits begonnen:
Der Marktführer sendet inzwischen nicht nur
Vitamin-A-Präparate in Mangelländer, sondern investiert
auch in die Ernährungsafuklärung.
Katrin Buchwalsky
Stand: 04.11.2003
Seite teilen