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Sendung vom 27. April 2004
Die Sprache der Bäume
Bäume sind nicht so hilflos und still, wie sie aussehen. Sie können sich gegen blattfressende Insekten wehren und sich in ihrer eigenen "Sprache" gegenseitig vor Fressfeinden warnen. Das haben Forscher der Universität Göttingen und des Max-Planck-Institutes für chemische Ökologie in Jena am Beispiel der Schwarzerle und des Erlenblattkäfers untersucht.
In jedem Frühjahr beginnt der Kampf zwischen Erle und
Erlenblattkäfer von neuem: Wenn die Käfer im
Frühling aus der Laubstreu kriechen, streckt der Baum gerade
seine ersten Blätter in die Sonne. Die Erle braucht jetzt
jedes Blatt, um
Photosynthese zu treiben und ihre leeren
Nahrungsspeicher wieder aufzufüllen. Aber die Käfer haben
Hunger. Bevor sie Eier legen können, müssen sie sich an
den Erlenblättern satt essen.
Dagegen wehrt sich der Baum. Jeder Biss in ein Erlenblatt setzt
eine chemische Abwehrreaktion in Gang, bei der das
Pflanzenhormon
Jasmonsäure eine zentrale Rolle
spielt. Über verschiedene Zwischenprodukte bildet die Erle
Stoffe, die die
Verdauungsenzyme der Käfer hemmen.
Sie können die Blätter dieses Baumes nicht mehr verdauen.
Aber da Erlen oft in langen Reihen entlang von Bächen wachsen,
ist die nächste Futterquelle meist nur ein paar Meter
entfernt.
Doch auch die Blätter der Nachbarbäume sind für
die Käfer schwer verdaulich. Der angefressene Baum hat sie
durch eine Duftbotschaft gewarnt. Er hat in seinen Blättern
ein spezielles Gemisch aus leichten, flüchtigen Substanzen wie
Terpenen und Ethylen gebildet. Diese Stoffe verlassen die
Blätter des geschädigten Baumes durch die
Spaltöffnungen. Die Bäume in der
Umgebung nehmen die Duftstoffe über ihre Blattoberfläche
auf. Daraufhin beginnen sie ebenfalls Abwehrstoffe zu bilden.
Solche Duftbotschaften wirken etwa 10 Meter weit. Forscher der Universität Göttingen haben dies in einem Freilandversuch beobachtet. Auch im Labor haben die Käfer die Blätter von Bäumen, deren Nachbarn bereits befallen waren, deutlich seltener angefressen als die Blätter der anderen Erlen.
Schwarzerlen sind nicht die einzigen Pflanzen, die durch solche
Duftbotschaften miteinander "sprechen". Auch Tomaten oder
Baumwollpflanzen warnen ihre Nachbarn auf diese Weise. Bei
tropischen Pflanzen der Gattung Macaranga haben Forscher der
Universität Würzburg außerdem beobachtet, dass
angefressene Pflanzen tierische Hilfe gegen Schädlinge rufen.
Wie die Erle bildet auch die Macaranga tanarius verstärkt
Jasmonsäure, wenn Käfer oder Raupen ihre Blätter
anfressen. Nach mehreren Zwischenprodukten endet die Abwehrreaktion
der Pflanze hier in der verstärkten Bildung von Nektar auf den
Blättern der Macaranga. Dieser
Blattnektar lockt Insekten wie Ameisen
und Blattwespen an. Die räuberischen Insekten fressen den
Nektar und verteidigen im Gegenzug den Baum gegen die Raupen.
Alexandra Hostert
Stand: 27.04.2004