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Sendung vom 27. April 2004
Biografie einer Eiche
Ein kleines Gedankenspiel: Deutschland hat über 80 Millionen Einwohner. Davon haben etwa 60 Millionen die Terrortage der 70er Jahre erlebt. An die Gründung der Bundesrepublik Deutschland können sich theoretisch nur noch etwa 15 Millionen erinnern. Aber es gibt keinen Augenzeugen mehr, der noch von Carl Benz' erster Autofahrt berichten könnte, geschweige denn von Napoleon oder gar von Christopher Kolumbus' Entdeckung. Trotzdem gibt es ein Wesen, das davon berichten könnte: eine 600 Jahre alte Eiche – wenn sie doch nur sprechen könnte ... Aber wovon würde sie erzählen? Sicherlich nicht von großen politischen Ereignissen oder Personen, sondern von ihrem Jahrhunderte währenden Kampf ums Überleben.
Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1404 nach Christus. England und Frankreich führen seit 50 Jahren gegeneinander Krieg. Und irgendwo in einem Wald vergräbt ein Eichhörnchen seinen Wintervorrat.
Doch es ist ein vergessliches Eichhörnchen und so regt sich bereits im nächsten Frühjahr ein neues Eichenpflänzchen im Boden. Aber sein Leben zwischen Gräsern und anderen kleinen Bäumen ist hart. Es kämpft um Licht und Nährstoffe. Wer am schnellsten wächst, hat die besten Aussichten auf Erfolg – vorausgesetzt, er wird nicht gefressen.
Nach etwa drei Jahren ist unsere Eiche bereits über einen Meter hoch – sie hat sich einen guten Platz erobert und kann von nun an nicht mehr ohne weiteres von den anderen Pflanzen überwuchert werden.
In den kommenden Jahrzehnten passiert etwas, das sich für unsere Eiche als Glück erweisen wird: Die Menschen roden den Wald. Die junge Eiche bleibt davon unberührt, denn sie ist noch zu klein und dünn. Jetzt steht sie auf freiem Feld und niemand macht ihr den Platz am Licht mehr streitig. Sie kann ungehindert wachsen.
Mit 100 Jahren, im Jahr 1504, ist unsere Eiche endlich erwachsen. Sie steht auf fruchtbarem Boden mit Kontakt zum Grundwasser. Selbst trockene Jahre können ihr nur wenig anhaben. So hat sie es auf eine stattliche Höhe von über 20 Metern und auf einen Stammdurchmesser von fast einem halben Meter gebracht.
Aber so groß und stark sie auch ist, besonders jetzt im Sommer droht eine neue, mikroskopisch kleine Gefahr: Microsphaera alphitoides – Mehltau. Dieser Pilz befällt die jungen Blätter und die Triebe, dringt in die äußeren Blattschichten ein und entzieht so dem Baum Nährstoffe. Blätter sterben ab und auch die Triebe nehmen Schaden.
Es könnte schlecht für unsere Eiche ausgehen, doch sie
hat Glück im Unglück: Etwa seit 1550 kühlt das Klima
ab und es wird feuchter – die "Kleine Eiszeit"
beginnt. Die Eiche wächst bei diesem Klima zwar langsamer,
aber der Mehltau stirbt ab und
Parasiten wie Blattläuse oder
Gallwespen sind nicht mehr so zahlreich.
Im Jahr 1648 geht der Dreißigjährige Krieg zu Ende. Nach 250 Jahren ist unsere Eiche zu einem Riesen geworden. Sie hat einen Stammdurchmesser von über zwei Metern und ist über 30 Meter hoch. Das macht sie anfällig für eine tödliche Gefahr: Ihr Blätterwerk wirkt wie ein Windfang und bei jedem Sturm zerren und reißen tonnenschwere Kräfte an Ästen, Stamm und Wurzeln. Schließlich passiert es: Im August des Jahres 1789, vier Monate vor Goethes Geburt, verliert unsere Eiche durch einen gewaltigen Blitzschlag einen Teil ihrer Krone. Innerhalb der kommenden Jahre kann sie die Wunde zwar wieder schließen, aber in die Verletzung sind Pilz- und Bakteriensporen eingedrungen – sie beginnen, den Baumstamm von innen her zu zersetzen.
1805 stirbt Friedrich Schiller am 9. Mai in Weimar. Die Eiche lebt nun schon seit 400 Jahren. Mit der aufkommenden Industrialisierung beginnt für sie eine schwere Zeit. Saurer Regen, Grundwasserabsenkung und die Ausdünnung der Ozonschicht machen ihr zu schaffen. Sie ist bereits geschwächt. Damit ist sie nicht allein: Ende des 20. Jahrhunderts sind bereits 80 % aller Eichen krank. Pilze wie der Hallimasch und Mikroorganismen führen zu einer Wurzelinfektion, Stammfäulnis und dem so genannten Eichensiechtum.
Der Rekordsommer von 2003 schneidet unsere Eiche für einige Zeit vom Grundwasser ab. Ihre Blätter verdorren frühzeitig – der Baum stirbt ab. Doch kurz vor ihrem Tod produzieren Bäume noch einmal eine Vielzahl von Samen. Einer davon geht auf und wird bald den Platz unserer Eiche einnehmen.
Jo Siegler
Stand: 27.04.2004
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