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Quarks & Co
Sendung vom 27. April 2004
Die ältesten Eichen Deutschlands
Bei unseren Recherchen stellten wir fest, dass es in Deutschland mindestens 60 so genannte "1000-jährige Eichen" gibt. Mit dabei sind ebenso berühmte wie beliebte Ausflugsziele wie die bizarre Femeiche von Raesfeld in Westfalen, die Ivenacker Eichen in Mecklenburg-Vorpommern oder die Begräbniseiche von Nöbdenitz in Thüringen. Auf den ersten Blick scheinen sie alle tatsächlich uralt zu sein. Groß, knorrig, sagenumwoben und vor allem: einen Stammdurchmesser jenseits der Dreimetermarke. Ihr Äußeres drängt sogar die Vermutung auf, diese Riesen seien sogar noch älter als 1000 Jahre. Aber Vorsicht, der Augenschein trügt!
Niemand konnte uns einen wirklich stichhaltigen Beweis für ein so hohes Alter der Eichen präsentieren. Die alten Eichen scheinen sich einer genauen Analyse ihres Alters zu entziehen. Die einfachste Methode, das Zählen der Jahrringe, scheitert nicht nur daran, dass die Bäume als eingetragene Naturdenkmäler nicht gefällt werden dürfen. Pilze haben die meisten Stämme der "1000-jährigen Eichen" über die Jahre fast vollständig ausgehöhlt – Jahrringe Fehlanzeige!
Wir machten uns also auf die Suche nach einer
"1000-jährigen Eiche", die einen noch intakten Stamm
hat – und wir glaubten sie im niedersächsischen
Groß Schneen gefunden zu haben. Äußerlich schien
sie für unsere Altersbestimmung geradezu ideal, kein Hohlraum
war zu entdecken. Hilfe bekamen wir vom Baumexperten Frank Rinn,
der bereits mehrere Geräte zur Zustands- und Alterbestimmung
von Bäumen erfunden und entwickelt hat. Exklusiv für
Quarks & Co erstellte er eine spannende
Expertise...
Dieses Ergebnis überraschte uns: statt 1000 Jahre ist unsere Eiche doch nur etwas mehr als 300 Jahre alt. Die Rieseneichen sind nur deshalb so groß und vor allem so dick geworden, weil sie im Grunde zeitlebens verwöhnte Einzelgänger waren. Es gab keine Konkurrenz um Licht und Nährstoffe. Aber das Rekordwachstum hat seinen Preis: Frei stehende Bäume sind sehr viel anfälliger für Sturm oder Blitzschäden. Und derartige Wunden erleichtern Pilzen und Bakterien das Eindringen in das Holz. In der Folge beginnen sie, Äste und den Stamm von innen heraus zu zersetzen.
Wirklich alte Bäume muss man nach Expertenmeinung an anderer Stelle suchen. Nämlich dort, wo die Bedingungen für gutes Wachstum erschwert sind: zum Beispiel im Gebirge, in Trockengebieten, auf mageren Standorten oder in dichten Wäldern. Mit Frank Rinn machten wir uns auf die Suche und wurden im Hessischen Reinhardswald fündig. Dort entschieden wir uns für eine Eiche, die auf den ersten Blick überhaupt nicht alt aussah: maximal 20 Meter hoch und etwa einen Meter dick. Aber der Baumstamm war offensichtlich durch und durch gesund, eine Bohrung also viel versprechend und das Ergebnis schließlich verblüffend: diese Eiche ist mit rund 270 Jahren nur wenig jünger als die Eiche von Groß Schneen! Besondere Dicke und uraltes Aussehen sind also noch lange kein Beweis für hohes Alter.
Vielleicht wird man irgendwann, irgendwo einmal eine Eiche entdecken, die beweisbar die älteste in Deutschland ist. Aber 1000 Lenze wird auch sie wahrscheinlich nicht zählen, denn fast alle Baumexperten, die wir danach gefragt haben, glauben nicht an die Möglichkeit eines so hohen Alters für Eichen. Die bisher älteste Eiche Deutschlands wurde im Jahr 1957 im Spessart gefällt. Das Auszählen ihrer Jahrringe ergab ein stolzes Alter von 588 Jahren.
Jo Siegler
Stand: 27.04.2004
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