Gibt es Leben auf der Venus?

  • Dienstag, 08. Juni 2004, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Eine wissenschaftliche Detektivgeschichte

Foto: Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch

Detektivische Kleinarbeit gehört für den deutschen Astrobiologen Dirk Schulze-Makuch zum Alltag

Die Suche nach Leben auf der Venus hielt Forscher jahrzehntelang in Atem. Die dichte Atmosphäre, der enorme Druck und die dort herrschende Hitze ließen Weltraummissionen immer wieder scheitern. 1982 war der große Augenblick gekommen: 57 Minuten widerstand die sowjetische Raumsonde "Venera 14" der Gluthölle und funkte Messdaten zur Erde. Das Ergebnis war enttäuschend: Auf dem erdähnlichsten Planeten schien es kein Leben zu geben. 20 Jahre später durchforscht der junge deutsche Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch in seinem Institut in Texas noch einmal die Messergebnisse der Venusmissionen. In ihm reift ein spektakulärer Verdacht: Haben die Raumsonden vielleicht an der falschen Stelle nach Leben gesucht? Leben fände nämlich in der Atmosphäre der Venus im Vergleich zur Gluthölle auf der Planeten-Oberfläche noch recht akzeptable Bedingungen vor. Dort ist es beispielsweise in 50 Kilometern Höhe 30 bis 80  °C. warm und es herrscht ein Druck wie auf der Oberfläche der Erde.

Die Indizien

Schulze-Makuch war überrascht, dass seine Hypothese gleich eine ganze Reihe von rätselhaften Befunden der Venusmissionen erklären konnte.

Erstens: Die Einstrahlung der Sonne erzeugt Kohlenmonoxid. Man fand davon jedoch viel weniger als erwartet. Mikroorganismen könnten es abgebaut haben.

Zweitens: In der Venusatmosphäre fand man sowohl Schwefelwasserstoff als auch Schwefeldioxid. Stoffe, die miteinander reagieren und deshalb gar nicht zusammen vorkommen dürfen – es sei denn, sie werden ständig neu produziert: zum Beispiel von Mikroorganismen.

Drittens: Besonders mysteriös ist das Vorhandensein von Carbonylsulfid. Dieses ist auf anorganischem Wege äußerst schwer herzustellen und gilt deshalb als starker Hinweis auf biologische Aktivität.

Es gibt noch ein viertes Indiz: Die Sonde "Pioneer Venus 2" registrierte bei ihrem Flug in den unteren Wolkenschichten unregelmäßig geformte Partikel, genau in der Größe von Bakterien.

Dirk Schulze-Makuch gesteht zwar ein, dass jedes einzelne dieser Indizien auch anders erklärt werden könnte, die Vielzahl jedoch dafür spreche, dass auf der Venus Leben existiert.



Wie soll Leben auf der Venus entstanden sein?

Auf diese Frage sieht Schulze-Makuch zwei mögliche Antworten. Entweder haben Meteoriten Leben von Erde oder Mars dorthin gebracht, oder aber Leben ist auf der Venus ohne äußere Einflüsse entstanden.

Andere Wissenschaftler halten dem entgegen, dass sich Leben, wie wir es kennen, nur dort bilden kann, wo ausreichend Wasser vorhanden ist. Und das fehle auf der Venus.

Schulze-Makuch weist jedoch darauf hin, dass die Venus früher kühler war und es dort sogar einmal Ozeane gegeben haben könnte – also perfekte Lebensräume! Dann sei es immer heißer geworden, das Wasser sei verdampft und die Mikroorganismen der Venus seien immer weiter verdrängt worden – bis in die Atmosphäre, wo es auch heute noch Wasserdampf gibt.



Wie sollten sich Mikroorganismen dort oben mit Energie versorgen?

Foto: Ansicht des Ultraviolettbereiches der Venus

Die Herkunft von Streifen im ultravioletten Bereich beschäftigt Forscher schon lange

Mikroorganismen könnten in der Venus-Atmosphäre ultraviolette Strahlung als Energiequelle nutzen. Auch dafür gibt es ein Indiz: Messungen im Ultraviolettbereich zeigen seltsame dunkle Streifen. Es gibt dort also tatsächlich etwas, das  UV -Licht herausfiltert.

Überleben in den sauren Schwefelwolken?

Die Schwefelwolken der Venus sind unglaublich sauer. Bei einem pH-Wert von 0 gibt es auf der Erde nur wenige Beispiele für Leben, z.B.  Ferroplasma acidarmanus. Aber dieser Organismus betreibt keine Fotosynthese  und käme deshalb als Venusbewohner nicht infrage.

Schulze-Makuch entgegnet dem jedoch, dass die Urozeane der Venus anfangs längst nicht so sauer gewesen seien. Als dort der pH-Wert langsam sank, hätten die Organismen ausreichend Zeit gehabt, ihren Fotosyntheseprozess anzupassen.



Mörderische UV-Strahlung zerstört alles Leben?

Von irdischen Mikroorganismen ist bekannt, dass sie effektive Strategien entwickelt haben, um entstandene Strahlenschäden zu reparieren. Zudem nutzen Mikroorganismen eigene Schutzschilde. Unter den Bedingungen in der Venusatmosphäre ist es am wahrscheinlichsten, dass sie sich mit Cycloota-Schwefel umhüllen. Der kann die  UV-Strahlung abfangen und in ungefährliches sichtbares Licht verwandeln – ideal zur Fotosynthese.

Der endgültige Beweis steht noch aus

Foto: Heißluftballon am Himmel

Dirk Schulze-Makuch hat bereits genaue Vorstellungen, wie eine künftige Venus-Mission Leben in der Atmosphäre nachweisen könnte.

Am Ende kann die Streitfrage um mögliches Leben auf der Venus nur durch eine neue Mission geklärt werden. Dazu hat Dirk Schulze-Makuch verschiedene Vorschläge gemacht. Doch bisher ist eine solche Mission nicht in Sicht. Deshalb wird wohl noch einige Jahre weiterspekuliert werden können, ob sich tatsächlich etwas regt auf der Venus.

: Reinhart Brüning


Stand: 08.06.2004


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Ferroplasma acidarmanus
Die Mikrobe Ferroplasma acidarmanus ist ein besonders widerstandsfähiges Lebewesen. Sie kann auch bei einem extrem sauren pH-Wert überleben.
Fotosynthese
Bei der Fotosynthese wandelt die Pflanze Lichtenergie in chemische Energie um. Sie speichert diese Energie meist als Zucker. Die Photosynthese findet in den grünen Pflanzenteilen statt.

Foto/Grafik: Ranga Yogeshwar mit Galaxis um sich herum

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