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Quarks & Co
Sendung vom 26. Oktober 2004
Wie das Gehirn altert
Das Gehirn zählt zu den wenigen Organen, die nach der
Geburt noch nicht ausgereift sind. Es muss erst reifen, um dann
auch tatsächlich altern zu können. Im Alter von drei
Jahren verfügt jede Hirnzelle über etwa 15.000
Kontaktstellen zu anderen Nervenzellen — bei der Geburt waren
es nur 2.500. In den ersten drei Lebensjahren kommen also viele
neue Verbindungsstellen hinzu. Aber es bleibt nicht bei dem Maximum
von 15 000 Kontakstellen pro Hirnzelle: Bis zum Alter von 18 Jahren
werden immer mehr Verbindungen zwischen
Nervenzellen abgebaut — bis es nur
noch ungefähr 10.000 sind.
Dann erst ist der Reifungsprozess des Gehirns abgeschlossen:
Denn die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen bilden sich durch Erfahrungen und Lernen so lange zurück, bis nur noch die Verbindungen übrig bleiben, die wir auch tatsächlich brauchen. Diese wichtigen Verbindungen werden durch das Lernen verstärkt.
Die für das Lernen notwendigen Umbauprozesse an den
Verbindungsstellen der Nervenzellen funktionieren mit zunehmendem
Alter nicht mehr ganz so gut. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher
von der Harvard Medical School: Sie untersuchten die so genannte
Genaktivität im Gehirn von Menschen im Alter von 26 bis
106 Jahren. Es stellte sich heraus, dass die speziell für
Lernprozesse wichtigen
Gene im Verlauf des Alterns immer
weniger aktiv sind.
Das gilt vor allem für einen Hirnbereich: das Vorderhirn. Hier hört das Lernen als Erstes auf. Denn dort sitzt sozusagen die Hardware für die höheren kognitiven Fähigkeiten. Dazu zählt zum Beispiel das Abstraktionsvermögen. Das Vorderhirn ist übrigens auch der Hirnbereich, der als Letztes ausgereift ist. Der Abbauprozess beim Altern des Gehirns beginnt hier als Erstes, weil die Funktionen des Vorderhirns nicht lebenswichtig sind. Zuletzt altert das Stammhirn. Es kontrolliert schließlich so wichtige Prozesse wie unsere Atmung.
Außerdem wirken alte Gehirne oft so, als seien sie ein wenig geschrumpft. Das liegt allerdings nicht daran, dass wir so viel Hirnmasse verlieren. Das alte Gehirn hat einfach zu wenig Wasser. Wer ausreichend trinkt, wirkt dem entgegen.
Babys können bis zu 156 Laute voneinander unterscheiden.
Wenn sie dann sprechen lernen, spezialisieren sie sich immer mehr
auf ihre eigene Muttersprache. Für einen erwachsenen Deutschen
etwa sind manche Laute aus der Hindusprache nicht zu unterscheiden.
Neugeborene haben damit jedoch kein Problem.
Während das Gehirn altert, verliert es ständig an
Fähigkeiten – aber es gewinnt auch neue hinzu. Das
lässt sich auch im Alltag beobachten: Oder sind Sie vielleicht
noch nie von einem fünfjährigen Kind im
"Memory" geschlagen worden? Das Arbeitsgedächtnis
der Kinder funktioniert in diesem Alter noch besonders gut. Mit elf
bis zwölf Jahren aber fangen Kinder an, sich vom bildhaften
Denken zu lösen. Sie gewinnen dafür mit der Zeit immer
mehr an Abstraktionsvermögen und können immer besser
logisch denken. Diese Fähigkeiten haben bei jungen Erwachsenen
im Alter von etwa 20 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Kein
Wunder also, dass viele naturwissenschaftliche Genies ihre
Höchstleistungen bereits sehr früh erbrachten. So
veröffentlichte Albert Einstein die spezielle
Relativitätstheorie bereits mit 26 Jahren. Bereits mit Anfang
zwanzig hatte er begonnen, an ihr zu arbeiten. Im Alter hatte er
jedoch keine großen Entdeckungen mehr vorzuweisen.
Stattdessen engagierte er sich in der Friedensbewegung und
gründete mit 66 Jahren eine Initiative von Wissenschaftlern
gegen den Atomkrieg. Auch bei dieser Arbeit war Albert Einstein
sehr einflussreich. Die folgenden Zitate werden seit vielen Jahren
immer wieder veröffentlicht und auf Plakaten gedruckt:
Ich weiß nicht, welche Waffen im nächsten Krieg zur
Anwendung kommen, wohl aber, welche im übernächsten:
Pfeil und Bogen.
Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied
marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus
Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon
völlig genügen würde.
Dass Albert Einstein sich im Alter stärker politisch als
naturwissenschaftlich engagierte, hat sicherlich auch mit seiner
persönlichen Lebensgeschichte als von den Nazis verfolgter
Jude zu tun. Aber es ist dennoch auffällig, dass in der
Politik und in den Geisteswissenschaften vor allem ältere
Menschen Erfolge feiern. Das liegt möglicherweise auch daran,
dass die Sprachgewandtheit — beispielsweise die
Fähigkeit eine Rede zu halten — im Alter besser ist als
noch in jungen Jahren.
Andere Fähigkeiten lassen schon früh nach. Bereits mit
Mitte 30 ist das Reaktionsvermögen herabgesetzt. Und das
Arbeitsgedächtnis ist auch nicht mehr das, was es einmal war.
Dabei lernen wir immer besser, mit alltäglichen Problemen
umzugehen. Wir können die eigenen Schwächen besser
erkennen und abmildern. Altern bedeutet also den konstanten Verlust
und Gewinn von Fähigkeiten.
Letztlich ist das Gehirn, wie jedes andere Organ auch, den natürlichen Alterungsprozessen unterworfen. Es lässt sich mit einem alten Computer vergleichen: Die Hardware ist schon ziemlich altersschwach und der Speicher relativ voll. Der alte Computer ist also ziemlich langsam. Die Software funktioniert aber noch einwandfrei und was bereits einmal gespeichert wurde, lässt sich immer noch abrufen. Die vielen gespeicherten Erfahrungen führen manchmal sogar dazu, dass alte Menschen in bestimmten Tests besser abschneiden als junge.
Das bewies Michael Falkenstein vom Institut für Arbeits
physiologie in Dortmund. Er ließ
alte und junge Versuchspersonen unter Zeitdruck einfache
Reaktionstests absolvieren, bei denen sie auf ein Signal am Monitor
hin bestimmte Tasten drücken mussten. Dabei waren die Alten
ein wenig langsamer als die Jungen. Aber Schnelligkeit ist nicht
alles: Die jungen Studienteilnehmer machten doppelt so viele Fehler
wie die Alten.
Die Auswertung der Hirnströme der Versuchspersonen zeigte, warum das so ist: Alte und Junge trafen zur selben Zeit die Entscheidung, welche Taste sie drücken wollten. Aber die Alten brauchten länger, um den Tastendruck auch tatsächlich auszulösen. Dadurch blieb ihnen aber mehr Zeit, eine falsche Entscheidung rückgängig zu machen. Sie waren also vorsichtiger — und das ist sicherlich kein Nachteil.
Kristin Raabe
Stand: 02.11.2006
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