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Sendung vom 26. Oktober 2004
Theorien des Alterns
Warum Menschen, Tiere und Pflanzen altern, ist bis heute ein Rätsel. Immerhin kennen Wissenschaftler eine Reihe von Mechanismen, die das Altern unserer Zellen bestimmen. Grundsätzlich werden zwei unterschiedliche Erklärungsmuster für den Alterungsprozess herangezogen, die sich teilweise auch widersprechen. Die einen meinen, dass Altern einfach die Folge verschiedener Abnutzungserscheinungen sei, andere Theorien gehen davon aus, dass das Altern bereits in irgendeiner Form genetisch festgelegt sei. Die meistgenannte Erklärung für das Altern der Zelle, die Theorie von den Freien Radikalen, geht von Verschleißerscheinungen aus.
"Freie Radikale" werden Moleküle genannt, die nur
ein einzelnes Elektron haben und leicht mit anderen Molekülen
in ihrer Nähe Verbindungen eingehen.
"Radikal-Moleküle", die in der Zelle beim normalen
Verbrennungsprozess entstehen, tragen zumeist ein
reaktionsfreudiges Sauerstoff-Atom. Neben den Sauerstoffradikalen
kommen im Körper auch Sauerstoff-Stickstoffradikale,
Wasserstoffperoxid und
Hydroxylgruppen vor. "Freie
Radikale" entstehen aber nicht nur beim lebensnotwendigen
Atmungs- und Verbrennungsprozess, sondern auch durch
äußere Einflüsse wie
UV-Licht,
Radioaktivität,
Ozon. Auch das Rauchen produziert
zusätzliche Radikalenmoleküle. In jeder Zelle entstehen
Tag für Tag über 10.000 dieser hochreaktiven
Verbindungen. Eine Zeitlang kann das zelleigene Reparaturprogramm
die von den Radikalen ausgelösten Schädigungen
reparieren. Irgendwann ist die Zelle aber so angegriffen, dass sie
nicht mehr richtig funktioniert. Die Zelle stirbt ab. Die Folge: Je
nach Zelltypus machen die Muskeln schlapp (Muskelzellen) und die
Haut wird grau und faltig (Haut- und Bindegewebezellen).
Eine derzeit diskutierte Theorie beschreibt einen anderen Prozess des Alterns Sie geht davon aus, dass die Anzahl der möglichen Zellteilungen begrenzt ist. Bei jeder Zellteilung trennen sich die DNA Stränge in den Chromosomen der Zelle und verdoppeln sich. Die Enzyme, die für diese Verdoppelung zuständig sind, lassen auf Grund ihrer chemischen Struktur am Ende der DNA-Stränge bei jeder Zellteilung ein Stück weg. Anfangs — davon geht diese Theorie aus — nehmen weder Erbinformation noch Zelle dabei Schaden. Der Grund: Die Enden der DNA Stränge, die so genannten Telomere, enthalten gar keine Erbinformation. Aber irgendwann sind die Telomere am Ende und erste Gene werden gekappt. Da die Zelle dann nicht mehr richtig funktioniert, begeht sie eine Art programmierten Zelltod und stirbt. Auch das ist eine Art Abnutzungserscheinung — auch, wenn sie den Gen-Informationsträger, die DNA der einzelnen Zelle betrifft.
In den vergangenen Jahren haben Forscher in aller Welt immer
wieder postuliert, sie hätten bei verschiedenen Lebewesen
(Mäusen, Würmern, Insekten) ein so genanntes
"Altersgen" entdeckt — ein Gen auf dem sozusagen
ein Programm für das Altern festgelegt sei. Der Idee von einem
einzelnen Gen, das für das Altern verantwortlich sei,
widersprechen jetzt Wissenschaftler aus Freiburg.
Bei ihrem Forschungsobjekt, dem Wurm C. elegans, haben die
Bioinformatiker Ralf Baumeister und Maren Hertweck ein Enzym
gefunden, das als eine Art Biokatalysator für den
Alterungsprozess funktioniert. Fehlt das von ihnen entdeckte Enzym
SGK, reagieren die Zellen der Würmer weniger empfindlich auf
Umweltstress – dazu gehören auch die Freien Radikale.
Die Lebenserwartung der Würmer nimmt zu.
Das SGK – so erklären die Forscher – scheint
über verschiedene Prozesse Auswirkungen auf einen Genschalter
zu haben, der das Altersprogramm der Zelle ein- bzw. ausschaltet.
Altern wäre demnach das Zusammenspiel verschiedener Prozesse:
von Verschleißerscheinungen und von einem genetischem
Programm, das sich allerdings nicht auf ein einzelnes Gen
beschränkt, sondern selbst über verschiedene Faktoren
gesteuert wird, jedenfalls beim Wurm Caenhorhabditis elegans. Einen
direkten Vergleich oder gar Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse
auf den Menschen verneinen die Forscher vehement. Die Lebensspanne
des Wurms misst sich in Tagen, die des Menschen in Jahrzehnten
– für die Ausbildung von krankhaften
Krebsgeschwüren beispielsweise ist beim Wurm gar keine
Zeit.
Tilman Wolff
Stand: 02.11.2006
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