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Quarks & Co
Sendung vom 21. Dezember 2004
Chronobiologie
Warum vergessen wir so leicht Vernunft, Diäten oder das
Soll auf dem Konto, wenn die schönste "und für
viele" stressigste Zeit des Jahres beginnt? Haben wir im
Winter besondere Bedürfnisse, die von all dem
Süßen, den Lichtern und der Gemütlichkeit
befriedigt werden? Wie macht sich die Werbewirtschaft unsere
Gefühlsduselei zu nutze? Welche Rolle spielt die Musik, und
warum sind wir jetzt so empfänglich für bestimmte
Klänge? Und wer hat das Weihnachtsfest eigentlich erfunden?
All diese Frage versuchen wir zu beantworten. Außerdem macht
Quarks & Co einen Schokoladentest und zeigt, wie
Wissenschaftler den Genuss von Schokolade mit physikalischen
Methoden beurteilen.
Der Tag der Sonnenwende, war in vielen Kulturen ein besonders
wichtiger Tag. Ob Römer oder Germanen, auch in diesen Kulturen
spielte der kürzeste Tag des Jahres eine Rolle: Quarks
& Co erklärt, warum auch Weihnachten zur
Wintersonnenwende gefeiert wird und deshalb keine christliche
Erfindung ist.
Schenken und Beschenkt werden die einen weigern sich, diesen
"Konsumterror" mitzumachen, für die anderen
gehören viele bunte Päckchen unterm Tannenbaum einfach
dazu. Aber ganz freimachen kann sich niemand von der Schenkerei. Zu
sehr werden wir von Ritualen, Kindheitserinnerungen, geschickten
Marketingstrategien, sozialen Bindungen und Erwartungen
beeinflusst. Quarks & Co sieht sich die Psychologie des
Schenkens einmal genauer an.
Die innere Uhr ist zwar fest in uns verankert, wird aber ständig durch äußere Einflüsse neu gestellt. Dafür ist vor allem das Licht der Sonne als "Zeitgeber" verantwortlich. Die Schaltzentrale für diese Vorgänge befindet sich in einem kleinen Bereich in unserem Gehirn, dem Suprachiasmatischen Nucleus (SCN). Dieser reiskorngroße Kern (Nucleus) liegt über (supra) der Kreuzung der Sehnerven (Chiasma opticum). Im SCN werden die vom Auge wahrgenommen Lichtreize verarbeitet und zur Zirbeldrüse (Epiphyse) weitergeleitet. Dieses kleine System aus SCN und Zirbeldrüse beeinflusst durch das Ausschütten von Hormonen unter anderem die Körpertemperatur, den Blutdruck und die Stoffwechselvorgänge. Es stellt abends den Körper sozusagen von Tag- auf Nachtbetrieb um und lässt uns morgens wieder in Gang kommen.
Im Zentrum chronobiologischer Forschungen steht vor allem die so genannte circadiane Rhythmik. Dabei untersuchen die Wissenschaftler besonders den Einfluss des steten Wechsels von Tag und Nacht auf den menschlichen Körper. Doch wie steht es um die rhythmischen Veränderungen, die sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten ergeben? Nimmt im Verlauf des Herbstes unser Körper den allmählichen Rückgang des Lichtes bis hin zur Wintersonnenwende wahr? In der Natur beobachten wir wie selbstverständlich einen Jahresrhythmus: Mit den kürzer werdenden Tagen verlieren die Bäume ihre Blätter. Viele Pflanzen speichern ihre Energie in ihren Wurzeln oder Knollen, um im nächsten Frühling wieder neu auszutreiben. Einige Tiere bereiten sich auf den Winterschlaf vor, während andere es vorziehen, die dunkle Jahreszeit in wärmeren Gefilden zu verbringen. Folgt nur der Mensch scheinbar unbeeindruckt seinem gewohnten Tagesablauf?. Eine Antwort darauf könnten die Chronobiologen geben.
Bei einigen Tierarten wurde sogar eine Jahresrhythmik
beobachtet, obwohl sie vollkommen von der natürlichen
Außenwelt abgeschirmt waren. So bereitet sich ein
Feldhamster, der im Labor geboren wurde, auf seinen Winterschlaf
vor, obwohl er noch nie das Tageslicht gesehen hat. Auch beim
Menschen, so vermuten die Chronobiologen, scheint eine solche
circaanuale Rhythmik im Wandel der Jahreszeiten fest verankert zu
sein. Doch das lässt sich im Experiment jedoch nicht
darstellen, da man menschliche Probanden nicht über mehrere
Jahre hinweg von jeglichen Umwelteinflüssen abschotten kann.
Auch hat sich der Mensch im Industriezeitalter immer weiter von den
natürlichen Rhythmen entfernt. Beheizte Wohnungen
schützen ihn vor Kälte, und künstliches Licht
verlängert den Tag, auch wenn die Sonne im Winter schon
längst untergegangen ist. Und doch finden die Chronobiologen
immer wieder Indizien dafür, dass es einen Einfluss der
Jahreszeiten auf den menschlichen Organismus gibt.
Auch das menschliche Gehirn nimmt den jahreszeitlichen Wechsel des
Lichts wahr. Im Winter sind wir dadurch antriebsärmer und
brauchen nach Ansicht von Schlafforschern mindestens eine halbe
Stunde mehr Schlaf. Unser Stoffwechsel verlangt anstelle von
Eiweißen nach mehr Kohlenhydraten - wir essen mehr
Süßes. Mediziner beobachten, dass jetzt beim Menschen
eine höhere Anfälligkeit für negative Emotionen
besteht. Sie erkennen einen Hang zu Feindseligkeit und Ärger,
sowie zu Irritierbarkeit, bis hin zur Angst. Bei einigen Menschen
kann der Lichtmangel sogar zu einer Winterdepression führen,
die jedes Jahr etwa zur gleichen Zeit wieder auftritt. Zur Therapie
derartiger Depressionen werden starke Tageslichtlampen verwendet,
deren Intensität bis zu 25 mal höher ist, als normale
Wohnraumbeleuchtung. Die übliche künstliche
Wohnraumbeleuchtung erreicht lediglich eine Beleuchtungsstärke
von 100 bis 500 Lux, wohingegen Tageslicht selbst bei bedecktem
Himmel bis zu 10.000 Lux aufweist. An einem sonnenreichen
Sommermittag können sogar Werte von über 100.000 Lux
erreicht werden.
Selbst der menschliche Hormonhaushalt und das Immunsystem
unterliegen einem jährlichen Rhythmus. So können
Fachleute bei zwei Blutproben derselben Person unterscheiden,
welche im Sommer und welche im Winter abgenommen wurde.
In unserer fortschreitend technisierten Welt fällt es
jedoch immer schwerer, unsere innere Uhr mit der natürlichen
Länge des Tages zu synchronisieren. Der berufliche Alltag
findet häufig in künstlich erleuchteten Räumen statt
und am Abend wird diese Art der Beleuchtung fortgeführt.
Die Grenzen zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter sind für
die Bewohner von Industrienationen unschärfer geworden.
Chronobiologen wollen nun zum Beispiel herausfinden, ob sich die
innere Uhr von Winterdepressiven eventuell noch im Sommer
wähnt und die Patienten dadurch einfach ein
grßößeres Bedürfnis nach Licht
verspüren. Es gilt zu erforschen, was es auf lange Sicht
für Folgen haben kann, wenn unsere innere Uhr immer mehr aus
dem Gleichgewicht gerät. Übrigens: Dass die
Menschen auf der Nordhalbkugel in ferner Zukunft das Weihnachtfest
im Sommer feiern werden, ist ein chronobiologisches
Märchen.
Falko Daub
Stand: 21.12.2004