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Sendung vom 21. Dezember 2004
Der Mithras-Kult
Schon vor über dreitausend Jahren verehrten die Menschen
die Sonne, so auch in Persien, im Iran und in Indien. Die Spuren
dieser Verehrung sind älter als die ersten schriftlichen
Zeugnisse darüber. Geblieben sind steinerne Zeugnisse. Doch
vor über 2600 Jahren zeichneten die Priester des assyrischen
Königs Assurbanipal auf Tontäfelchen ihren Lobgesang auf
ihren "unbesiegbaren Sonnengott" auf. Er hatte in ihrer
Sprache unzählige Namen, die seine Eigenschaften
aufzählen: Shamash - der "Heiße" und viele
andere. In ihrer Sprache hieß er auch Mithras. Diesen Namen
sollte er auch später behalten, als seine Anhänger
längst in anderen Sprachen kommunizierten. Auf dem
monumentalen Denkmal des Königs Antiochus I. von Kommagene aus
dem Jahr 62 vor Christus stehen die vielen Namen des einen
Sonnengottes in einer Reihe: Apollo - Hermes - Helios -
Mithras.
Für die Babylonier und Assyrer war dieser Sonnengott der
Herrscher über das All und die anderen Götter, der
Mittler zwischen Himmel und Erde. Der Sonnengott Mithras hatte
unter den Göttern den Platz in deren Zentrum. Er
verkörperte Weisheit und Ordnung. Ihre Tempel waren heilige
Kultorte und Observatorien zugleich. Die Priester waren auch
Astronomen, die den Himmelslauf ihres Gottes genau studierten und
daraus ihre Schlüsse für die irdischen Geschicke der
Menschen zogen. Der ganze Himmel war lebendig: Die Sterne waren die
Seelen der Verstorbenen, die Wandelsterne Sonne, Mond und alle
Planeten die Herrscher und Götter im Himmel. Die Geburt des
Sonnengottes feierten sie alljährlich exakt am kürzesten
Tag des Jahres, zur Wintersonnenwende. Denn ab da vertrieb die
"unbesiegbare Sonne", der "Sol invictus" die
Dunkelheit der langen Winternächte und die Tage wurden wieder
länger.
Weit über tausend Jahre später breitete sich der
Sonnenkult über Europa aus. Mithras wurde populär und zum
Gott der einfachen Leute. Der Mithras-Kult fand sich im ganzen
Römerreich, vom Rheinland bis nach Syrien. Der griechische
Schriftsteller Plutarch machte in seinem "Leben des
Pompeius" dazu die interessante Notiz, Seeräuber aus dem
Süden von Kleinasien hätten diesen Kult nach Rom
gebracht. In der Tat war der Mithras-Kult gerade unter den
"einfachen" Menschen von damals sehr verbreitet, so auch
unter Söldnern und Soldaten. Die Priester des Mithras-Kultes
wurden Magier, "magoi", genannt, genauso wie im
Evangelium der Christen später die Weisen aus dem Morgenland.
Und aus dem Morgenland, dem Osten, kamen diese Träger des
Kultes tatsächlich.
Mithras wurde – so der Glaube – in einer
Erdhöhle von der "jungfräulichen" Mutter Erde
geboren. Sein Geburtsfest, die Wintersonnenwende, fiel damals, in
der Zeit der römischen Republik um 300 vor Christus, genau auf
den 25. Dezember. Um seine Geburt ranken sich Erzählungen und
Motive, die sehr an die christliche Geburtsgeschichte erinnern.
Hirten waren bei der Geburt dabei – und beobachteten die
Ankunft des Lichtträgers in der Welt. Sie kamen, um ihn
anzubeten und opferten ihm die Erstlinge der Herden und der
Früchte ihres Ackers.
Die Anhänger des Mithras feierten ihre Liturgie in sogenannten
Mithräen, Kultstätten, in denen eigene Priester sieben
Sakramente wie eine Taufe, Firmung und eine Kommunion spendeten,
ein heiliges Mahl der Erinnerung mit Brot und Wein. Man zelebrierte
täglich Gottesdienste. Der wichtigste Tag war aber der
Sonntag, der Tag des Sonnengottes, der erste Tag der Woche. Im
ganzen römischen Reich feierte man die Feste des Mithras. Als
die ersten Christen nach Rom kamen, fanden sie einen
funktionierenden Kult um eine Lichtgestalt vor, die sehr viele
Züge ihres Heilands trug. Diese Ähnlichkeiten brachten es
mit sich, dass die ersten Christen die Geburt ihres Stifters auch
zum gleichen Zeitpunkt feierten - sie übernahmen einfach den
Termin des 25. Dezember aus dem Mithras-Kult. Inzwischen war zwar
der Zeitpunkt der Wintersonnenwende auf den 21. Dezember gewandert.
Aber der Termin hatte sich im Kalender eingebürgert und war an
seinem angestammten Platz geblieben. So verfügte schon der
zweite Bischof von Rom, Telesphorus (129-138), man solle am 25.
Dezember "in der heiligen Nacht der Geburt unseres Herrn und
Erlösers öffentliche Gottesdienste feiern und darin
feierlich den Preis der Engel singen, denn in dieser Nacht wurde
seine Geburt den Hirten von Engeln verkündet." In der
gesamten christlichen Kirche hat sich der 25. Dezember erst
später durchgesetzt. Ähnlich später etablierte sich
auch das Christentum erst im 4. Jahrhundert endgültig
gegenüber dem Mithras-Kult: Der römische Kaiser
Konstantin (280-337), ein Anhänger des Mithras, nahm zwar nach
der entscheidenden Schlacht gegen seinen Widersacher Maxentius im
Jahre 312 in einer Vision das Christentum zwar nicht an, aber er
förderte es danach. Heute spricht keiner mehr vom Mithras-Kult
– der 25. Dezember aber ist geblieben.
Heinz Greuling
Stand: 21.12.2004
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