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Die atmende Orgel

  • SendeterminDienstag, 21. Dezember 2004, 21.00 - 21.45 Uhr .

Die innere Uhr

Foto: Das Foto zeigt die zweitgrößte Pfeife der Welt
Die zweitgrößte Pfeife der Welt

Spätestens zur Weihnachtszeit ist ihr Klang wieder in aller Ohr. Ob bei Krippenspielen, bei Adventskonzerten oder in Weihnachtsgottesdiensten – die Orgel ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil für die musikalische Untermalung der Adventszeit. Doch was ist das eigentlich für ein Instrument, was den ein oder anderen nicht nur an Weihnachten verzaubert?

Die Orgel zählt zu der Instrumentengruppe der Aerophone, sie ist also ein Blasinstrument, wenn auch der Spieler sie glücklicherweise nicht selbst blasen muss; das übernimmt das Windwerk, sozusagen die Lunge der Orgel. Das Windwerk verteilt die Druckluft auf die einzelnen anzuspielenden Pfeifen, die alleine oder in zusammengefassten Gruppen, den so genannten Registern, erklingen können.

Die Pfeifen sind entweder aus Metall oder aus Holz. Große Orgeln können mehrere tausend Pfeifen besitzen, von denen die kleinsten nur wenige Millimeter lang sind und die größten bis zu 64 Fuß, also etwa 19,5 Meter. Damit ist die Orgel das einzige Musikinstrument, das gleichzeitig die tiefsten (unterhalb von 20 Hz) und die höchsten hörbaren Töne (oberhalb von 20.000 Hz) erzeugen kann.

Ein Instrument mit scheinbar vielen Möglichkeiten

Die Orgel wird nicht ohne Grund als "Königin der Instrumente" bezeichnet, denn sie hat mit ihrem Tonumfang und ihren Klangfarben das Potenzial, Vokalstimmen, Chöre, verschiedene Instrumente und sogar ganze Orchester zu imitieren. Und trotzdem bleibt sie in gewisser Weise in ihren Möglichkeiten stark beschränkt, denn der Winddruck in den Pfeifen, der den Ton hervorbringt, muss immer gleich stark sein. Die Ventile der Pfeifen dienen lediglich als "Schalter", um den Ton an- oder abzustellen. Im Gegensatz zu anderen Blasinstrumenten, die direkt vom Musiker geblasen werden, muss ein Organist bei der Orgel auf eine veränderbare Dynamik im einzelnen Ton oder auf feine Abstufungen der Klangfarbe verzichten.

Die Idee einer neuen Orgel

Foto: Das Foto zeigt wie ein Mann Orgel spielt
Einer traditionellen Orgel neue Töne entlocken

Diese mitunter nachteilige Eigenschaft der Orgel möchte das Schweizerisch-Deutsche Forschungsprojekt "Innov-Organ-um" verändern. Die Forschergruppe, die aus Orgelbauern, Musikwissenschaftlern und einem Organisten besteht, versucht der Orgel größere Ausdrucksmöglichkeiten zu verleihen. Der Leiter des Projektes ist Daniel Glaus, der als Organist der Stadtkirche Biel und als Dozent für Orgel und Komposition in Zürich und Bern arbeitet. Er ist seit seiner Kindheit von der Orgel und ihrer Musik fasziniert. Dennoch fühlt sich Glaus in seinem Spiel beschränkt:


"Was mir fehlt, ist die Möglichkeit, die Emotionen direkt ins Spiel hineinzugeben, zum Beispiel durch ein Vibrato auf der Taste. Ich möchte gerne die Pfeifen noch etwas weiter anblasen, mit weiteren Möglichkeiten. Eigentlich ist es ja verrückt, man hat so wahnsinnig viele Möglichkeiten mit der Orgel, aber eigentlich hat man keine Möglichkeiten."

Das Projekt wird vom Schweizer Nationalfond gefördert. Die Forscher haben es sich zum Ziel gesetzt, ihre Idee einer neuen Orgel, nur mit den handwerklichen Mitteln zu verwirklichen, die schon zu Bachs Zeiten Verwendung fanden. Die einzige Ausnahme bildet ein Gebläsemotor, der den Orgelwind erzeugen soll.

Die atmende Orgel

Foto: Das Foto zeigt einen Mann vor dem neuen Orgel-Prototyp II
Die atmende Orgel – Prototyp II

Aus der ersten Idee für eine neue Orgel sind inzwischen nach fast sieben Jahren Planung drei Prototypen hervor gegangen. Mit Hilfe von sensiblen Ventilen, kann bei diesen neuartigen Instrumenten die Windzufuhr zu den Pfeifen sehr fein reguliert werden. Je nach Luftdruck spricht die einzelne Orgelpfeife anders an und kann verschieden hohe und laute Töne erzeugen. Das Prinzip ist jetzt anderen Blasinstrumenten ähnlich, bei denen der Musiker über den Atemdruck den Ton steuert und sein Instrument laut oder leise anblasen kann - bis hin zum so genannten Überblasen des gespielten Tones, der dann eine Oktave höher erklingt.

Nachdem die erste neu entwickelte "Orgel" mit ihren drei Tasten eher nur das Prinzip verdeutlichen konnte, sind Prototyp II mit 74 Pfeifen und zwei vollständigen Oktaven und Prototyp III mit 443 Pfeifen und drei Manualen mit je fünf Oktaven voll einsatzfähig. Daniel Glaus zeigt sich begeistert:

"Als ich das Instrument das erste mal unter den Fingern hatte, war es eigentlich unbeschreiblich, was alles durch mich durchging. Ich konnte plötzlich mit meinen Fingern alle diese Töne diesem Instrument entlocken, von denen ich vorher nur geträumt hatte oder zum Teil nicht einmal zu träumen wagte."

Daniel Glaus' Visionen haben der Orgel das Atmen beigebracht und so seiner Vorstellung von Orgelmusik neues Leben eingehaucht.

Die beiden neuen Orgeln stehen inzwischen in der Stadtkirche in Biel und werden vielleicht schon dieses Weihnachtsfest mit ihren Tönen und Klängen ganz neue Emotionen in der Bieler Gemeinde hervorrufen.

:

Falko Daub

Stand: 21.12.2004


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