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Die Psychologie des Schenkens

  • SendeterminDienstag, 21. Dezember 2004, 21.00 - 21.45 Uhr .
Foto: Das Foto zeigt Familie Beimer unter dem Weihnachtsbaum
Alle Jahre wieder… auch in der Lindenstraße, Folge 160 vom 25.12.1988. Familie Beimer ist unter dem Weihnachtsbaum versammelt

Längst nicht jedes Geschenk kommt nur direkt von Herzen. Das jedenfalls haben Soziologen, Psychologen und Verhaltensforscher herausgefunden und intensiv studiert. Was sie in ihren Studien herauspräpariert haben, könnte für uns alle, die wir schenken, von Interesse sein. So sind wir – unbewusst – durch unsere sozialen Bindungen, Erwartungen und durch andere Schenkende beeinflusst.

Hier einige Beispiele und "Gesetze des Schenkens" zu Weihnachten, die Quarks & Co mit Weihnachtsfolgen aus der  ARD -Serie "Lindenstraße" bebildert hat:

Es gibt kein selbstloses Schenken

Der Ethnologe Theodore Caplow von der Universität von Virginia erforschte in der amerikanischen Musterstadt Middletown weihnachtliches Schenkverhalten.

Foto: Das Foto zeigt Andy und Gabi Zenker aus der
Lindenstraße
Weihnachtsgeschenk bei den Zenkers, Folge 473 vom 25.12.1994. Andy und der kleine Max haben Gabi einen neuen Fisch geschenkt – Gabi ist zu Tränen gerührt, denn das Geschenk soll sie über den Tod ihres geliebten Fisches Cyril trösten… es kommt auf die Emotionen an!

Bei Geschenken an entferntere Bekannte, also Menschen, die nicht aus dem unmittelbaren Familienkreis stammen, fühlen sich die Beschenkten zu einem Gegengeschenk im gleichen Wert verpflichtet. Solche Geschenke ähneln einem Tauschgeschäft, bei dem man sich gegenseitig der Aufmerksamkeit, Achtung und Wertschätzung versichert. 90 Prozent der Geschenke zu Weihnachten gelten aber den Mitgliedern der engsten Familie. Hier kommt es auf etwas anderes an, nämlich auf Emotionen. Mit dem Geschenk bringt man den Beschenkten in eine emotionale Abhängigkeit, die die Beziehung stabilisiert. Ein Gegengeschenk im gleichen Wert wird nicht erwartet. Was dagegen erwartet wird, ist, dass sich der Gegenüber freut. Und genau das sorgt in den meisten Familien für Stress unter dem Weihnachtsbaum.

Schenken ist "Frauensache"

David Cheal, ein amerikanischer Soziologe an der Universität Winnipeg in der kanadischen Provinz Manitoba, musste lange suchen, um  genug Männer für seine Forschungen zum Schenken zu finden. Der Grund wurde schnell klar: Trotz Gleichberechtigung betrachten die meisten Menschen die jährlichen Gedanken zu den Weihnachtsgeschenken als "Frauensache". Cheal fand heraus, dass Frauen sich länger und intensiver Gedanken über die Geschenke machen – Männer dagegen entschließen sich viel schneller in Spontankäufen, die auch teurer sein dürfen. Darin spiegelt sich auch die gesellschaftliche Wahrheit wieder, dass Frauen im Schnitt weniger Geld zur Verfügung steht als Männern.

Geschenke spiegeln, welches Bild der Schenker vom Beschenkten hat

Foto: Das Foto zeigt Onkel Franz aus der Lindenstraße
Ein kleines verspätetes Weihnachtsgeschenk… Folge 317 vom 29.12.1991. Onkel Franz ist auf Freiersfüßen und hat sich seiner Meinung nach viele Gedanken gemacht – aber seine Gedankenlosigkeit wird demaskiert

Geschenke zeigen, welches mentale und emotionale Bild der Schenker vom Beschenkten hegt – und auch, wie er oder sie ihn und sie haben will. So gehören die "klassischen" Geschenke wie der Kochtopf für die Ehefrau, die Socken und Schlipse für den Ehemann und Ernährer der Familie, das Auto und die Eisenbahn für den Jungen und die Puppe für das Mädchen in diese Kategorie. So werden gesellschaftliche Stereotypen bedient.

Das weihnachtliche Schenken folgt ganz offenbar diesen Regeln und beachtet gesellschaftliche Tabus, fanden Carole Burgoyne und Stephen Lea von der Universität Exeter in England mit ihren Forschungen heraus. So verraten offensichtlich für den Beschenkten unpassende Geschenke den schlechten Geschmack des Schenkenden – oder seine Gedankenlosigkeit. Das birgt das Risiko, mit dem Geschenk zurückgewiesen zu werden.

Die Forscher aus Exeter interessierten sich für solche Fehltritte beim Schenken. Schlimmster Fauxpas ist, wenn das Geschenk nicht zum Selbstbild des Beschenkten passt. Also Achtung: Geschenke verraten, wie wir die anderen sehen.

Foto: Das Foto zeigt Isolde und Fausto aus der Lindenstraße
Isolde will ihren Fausto an sich binden und schenkt dem Sprachlosen ein Drittel ihres Restaurants Casarotti, Folge 786 vom 24.12.2000

So fand auch der Psychologe Adrian Furnham vom University College in London heraus: Wenn das Motiv, aus dem der Schenkende schenkt, missverstanden wird, ist eine Beleidigung fast vorprogrammiert.

Zu teure Geschenke setzen unter Druck

Da zu Weihnachten sehr viel geschenkt wird, sind die Geschenke oft weniger persönlich als zum Beispiel zu einem Jubiläum, runden Geburtstag oder zur Hochzeit. Aber dabei ist Vorsicht geboten – so die Forscher der Universität Exeter: Zu teure Geschenke können einen Grad an Verpflichtung und Nähe signalisieren, der dem Empfänger unangenehm sein kann und als Druckmittel verstanden werden könnte.
:

Heinz Greuling

Stand: 21.12.2004


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