Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 01. Februar 2005
Was ist ein Placebo?
"Ärzte geben Medikamente, über die sie wenig
wissen, in Menschenleiber, über die sie noch weniger wissen,
zur Behandlung von Krankheiten, über die sie überhaupt
nichts wissen."
Noch heute kommt der Hohn des französischen Philosophen
Voltaire der Wahrheit ziemlich nahe – trotz Biotechnologie
und High-Tech-Medizin. Würden in deutschen Apotheken lediglich
Medikamente verkauft werden, über deren Wirkungsweise alles
bekannt ist, wären die Apotheken-Regale ziemlich leer.
Bei den Placebos wissen Mediziner immerhin recht genau, woraus sie
bestehen: Aus Milchzucker, Stärke oder Kochsalzlösung.
Kurzum, aus keiner in irgend einer Art und Weise medizinisch
wirkungsvollen Substanz. Dass sie trotzdem wirken – und zwar
bei mindestens einem drittel der Patienten – ist nach wie vor
rätselhaft. Lange Zeit waren Placebos für die meisten
Schulmediziner nichts anderes als Scheinmedikamente, die lediglich
scheinbar Kranke – also Simulanten – kurieren
können. Aber zunehmend entdecken Wissenschaftler immer
mehr messbare Veränderungen im Körper, die durch Placebos
hervorgerufen werden und zur Heilung beitragen.
Die "Placebopersönlichkeit" gibt es nicht. Es
sind also nicht etwa leicht beeinflussbare Menschen, bei denen die
Placebos anschlagen. Auch rational denkende, selbstbewusste
Patienten reagieren auf Placebos. Warum dennoch manche Menschen
empfänglicher für Placebos sind als andere, bleibt nach
wie vor ein Rätsel der Medizin.
Das wichtigste bei der Verabreichung der Placebos: Der Patient darf
nicht wissen, dass er nur ein Scheinmedikament erhält. Das
bewies der Turiner Wissenschaftler Fabrizio Benedetti. Er hängte Patienten nach
einer Lungenoperation an einen Tropf aus dem stetig wirkungslose
Kochsalzlösung tropfte. Gleichzeitig erhielten die frisch
Operierten eine Spritze mit einem hochwirksamen Schmerzmittel, wann
immer sie danach verlangten. Der einen Gruppe der Patienten
erzählte Benedetti, dass sich in dem Tropf ein neuartiges,
sehr wirkungsvolles Schmerzmittel befände. Eine weitere Gruppe
ließ er absichtlich im Unklaren, was in dem Tropf enthalten
war. Die dritte Gruppe schließlich erfuhr die Wahrheit
über die stetig in ihre Adern tröpfelnde
Kochsalzlösung. Während des ganzen Experiments ließ
der italienische Forscher genau aufzeichnen nach wie vielen
schmerzstillenden Spritzen die Patienten verlangten. Und
tatsächlich: Je mehr sie Grund zu der Annahme hatten, dass
sich in dem Tropf ein Schmerzmittel befand, desto weniger
verlangten sie nach den echten schmerzlindernden Spritzen.
Was dabei im Gehirn passiert, wollten die Hirnforscher Ulrike Bingel und Christian Büchel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wissen. Dazu starteten sie ein Experiment. Ihren Versuchspersonen erzählten sie, dass sie die Funktionsweise einer erwiesenermaßen extrem wirkungsvollen Schmerzsalbe genauer untersuchen wollten. Deswegen cremten sie die eine Hand der Versuchsperson mit der angeblichen Schmerzsalbe ein, auf die andere kam eine Kontrollsalbe. Tatsächlich waren aber beide Salben identisch – keine enthielt einen Wirkstoff.
Dann wurden die Studienteilnehmer im sogenannten Kernspintomographen genauer untersucht. Mit einem Laser gab Ulrike Bingel einen kurzen Schmerzimpuls auf jede der beiden Hände.
Danach musste die Versuchsperson mit einem vorher verabredeten Handzeichen erklären, wie intensiv der Schmerz war. Tatsächlich funktionierte auch bei der Salbe der Placeboeffekt. Die Versuchspersonen gaben an, an der Hand mit der angeblich schmerzstillenden Salbe deutlich weniger Schmerzen zu verspüren. Was dabei im Gehirn geschah, zeigte später die Auswertung der Kernspinbilder.
Ulrike Bingel fand heraus, dass der Schmerz gar nicht in der Großhirnrinde ankommt, und damit auch nicht in das Bewusstsein eindringen kann. Offenbar ist ein Bereich im Frontalhirn, das sogenannte rostrale anteriore Cingulum, an der Entstehung des Placeboeffektes beteiligt. Damit ist klar: Der Placeboeffekt hat nichts mit Einbildung zu tun, sondern führt zu echten Veränderungen im Gehirn.
Mindestens genauso beeindruckend wie der Placeboeffekt, ist der Noceboeffekt. Mit "Nocebo" bezeichnen Experten alle unerwünschten Wirkungen von Placebos. Dazu zählen beispielsweise auch Nebenwirkungen, wie Mundtrockenheit, Übelkeit und Kopfschmerzen, die durch Placebos hervorgerufen werden. Sie entstehen besonders häufig dann, wenn die Ärzte bei der Verabreichung des Placebos gezielt auf diese Nebenwirkungen hinweisen. Auch hier spielt also die Erwartung des Patienten eine wichtige Rolle. Bereits in den 60er Jahren beeindruckte ein Noceboexperiment die Fachwelt. Ärzte sagten ihren Patienten, sie würden ein neues Brechmittel testen. Tatsächlich erhielten die Versuchspersonen nur Zuckerwasser. Trotzdem mussten sich 80% der Studienteilnehmer übergeben.
Angesichts eines so massiven Noceboeffektes ist es fraglich, ob
es wirklich heilsam ist, wenn Ärzte ihre Patienten vor den
Nebenwirkungen ihrer Medikamente warnen oder auf
Zigarettenpackungen Hinweise über die Risiken des Rauchens
stehen. Möglicherweise wecken gerade diese kurzen Sätze
in den Konsumenten die Erwartung, tatsächlich an Lungenkrebs
zu erkranken. Und das macht die Entstehung eines solchen
Krebsleidens möglicherweise nur noch wahrscheinlicher.
Schließlich belegen Placebo- und Noceboeffekt, wie extrem
wirkungsvoll positive und negative Erwartungen sein
können.
Kristin Raabe
Stand: 01.02.2005
Seite teilen