Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 22. März 2005
Giftige Schatten der Weltkriege
Am 22. April 1915 beginnt im belgischen Ypern eine neue Art der Kriegsführung. Die Deutschen setzen erstmals in großem Stil Giftgas ein. Rund 180 Tonnen ätzendes Chlorgas wehen über das Schlachtfeld in die feindlichen Stellungen. Über 10.000 alliierte Soldaten werden vergiftet, 3.000 sterben. Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 ist der Einsatz von giftigen Waffen ausdrücklich verboten. Doch die Deutsche Heeresleitung kümmert sich nicht mehr um völkerrechtliche Verträge oder um die militärische Tradition, die Giftwaffen als unehrenhaft und unsoldatisch einstuft. Sie sehen in der neuen Waffe die einzige Möglichkeit, den festgefahrenen Stellungskrieg zu gewinnen.
Als die Deutschen Soldaten im Sommer 1914 in den Krieg zogen, hatte man ihnen noch versprochen, dass sie Weihnachten zu Hause verbringen könnten. Doch der deutsche Angriff gerät nach anfänglichen Erfolgen ins Stocken. Am 3. November stoppt unter anderem der Vormarsch der deutschen Truppen vor dem belgischen Ort Ypern. Beide Seiten setzen sich fest und bauen ein riesiges System von Schützengräben. Es kommt immer wieder zu Scharmützeln, aber mit den herkömmlichen Waffen scheint man die Schlacht nicht gewinnen zu können. Die Heeresleitung folgt daher einer Empfehlung des deutschen Chemikers Fritz Haber. Er schlägt vor, Chlorgas als Kampfstoff einzusetzen. Es soll die Feinde aus ihren Stellungen treiben. Chlorgas hat den Vorteil, dass es in großen Mengen in der chemischen Industrie entsteht. Außerdem lässt es sich leicht in Flaschen abfüllen und transportieren. Die Vorbereitungen werden zunächst unter dem Deckmantel einer "Desinfektionskompanie" durchgeführt. Als der Wind günstig steht, werden am 22. April die Ventile geöffnet und das Gas weht in die gegnerischen Schützengräben.
Das Gas treibt die alliierten Soldaten aus ihren Stellungen, doch die Deutschen können den Überraschungseffekt kaum nutzen. Ihnen fehlt der Nachschub. Der erhoffte Frontdurchbruch bleibt aus. In der Folge setzen trotzdem alle kriegsführenden Staaten Giftgas ein. Schnell kommen neue Kampstoffe dazu, z.B. Phosgen oder Senfgas. Und statt des umständlichen und gefährlichen Gasblasens entwickelt man Gasminen und Gasgranaten, die verschossen werden können. Doch oft weht der Wind das Gas zurück in die eigenen Reihen, so dass die Gaseinsätze nicht wirklich ein Erfolg sind. Die Bilanz: Im Ersten Weltkrieges wird rund eine Million Soldaten mit den chemischen Kampfstoffen vergiftet, bis zu 70.000 sterben.
Trotz der Erfahrungen aus dem vorigen Krieg wird auch im Zweiten Weltkrieg weiter an Giftgasen geforscht – auf der Suche nach noch wirksameren Mischungen. Deutsche Wissenschaftler entwickeln die Nervenkampstoffe Tabun, Sarin und Soman. Wieder stellen alle Kriegsparteien riesige Mengen her. Parallel dazu arbeitet man an einem wirksamen Schutz, etwa durch Gasmasken. Doch die Deutschen setzen ihr Gas nicht ein, vermutlich, weil sie massive Vergeltungsschläge fürchten. Bei Kriegsende finden die Alliierten fast 300.000 Tonnen Giftmunition. Eine Vernichtung an Land scheint unmöglich. Daher werden ausrangierte Schiffe mit der giftigen Fracht beladen und anschließend im Meer versenkt. Hauptversenkungsgebiete sind besonders tiefe Stellen im Skagerrak zwischen Dänemark und Norwegen und die Ostsee um die Insel Bornholm.
Noch heute liegt die gefährliche Fracht im Meer. Teilweise ist die Munition durchgerostet und der Kampstoff hat sich im Wasser aufgelöst oder zersetzt, teilweise ist die Munition fast noch intakt. In welchem Zustand genau sich diese Altlasten befinden, ist derzeit unklar. In einem Bericht der HELCOM (Baltic Marine Environment Protection Commission) die sich um die Überwachung der Ostsee kümmert, kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, das keine akute Gefahr von den Giftstoffen ausgeht. Bisher scheint es auch keine nennenswerte Vergiftung der Umwelt zu geben. Da sowohl die Munition als auch die Kampstoffe schwerer als Wasser sind und inzwischen zum Großteil vom Schlick bedeckt sind, können sie in der Regel nicht an die Oberfläche gelangen. Doch jedes Jahr holen Fischer mit ihren Schleppnetzen, die über den Meeresboden schleifen, rund eine halbe Tonne Munition herauf. Eine Spezialeinheit der Dänischen Marine muss dann das Fischerboot dekontaminieren und den Kampfstoff entsorgen.
Bisher gibt es kein schlüssiges Konzept für eine Bergung oder Vernichtung. Denn wenn man die Munition hoch holen würde, würde sie wesentlich gefährlicher. Zum einen könnte sie explodieren, zum anderen sind die Stoffe an Luft erst richtig giftig. Und wohin könnte man sie überhaupt zur Vernichtung bringen? Lange Wege erhöhen die Gefahr. Am besten würde die Munition direkt unter Wasser entsorgt. Aber dazu fehlen bisher die Verfahren. Außerdem wäre die Finanzierung völlig unklar. Russische Wissenschaftler haben zwar angeboten, sich um Lösungsmöglichkeiten zu kümmern und die Munition mit bestimmten Gelen oder Planen zu ummanteln. Westliche Wissenschaftler und Behörden sehen darin jedoch mehr eine Geschäftsidee als eine seriöse Lösung des Problems. Fazit: Auf absehbare Zeit bleibt die giftige Munition am Meeresgrund und viele Beteiligte hoffen, dass sie allmählich auf Nimmerwiedersehen im Schlick versinkt.
Ulrich Grünewald
Stand: 22.03.2005
Seite teilen