Lise Meitner – das übergangene Genie

  • Dienstag, 05. April 2005, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Als Mädchen hoch begabt

Foto: Das Foto zeigt Lise Meitner um die Jahrhundertwende

Lise Meitner um die Jahrhundertwende, etwa in der Zeit, als sie Abitur machte

War diese Frau ein Genie? Schon als Kind auffallend mathematisch begabt, eine der ersten Physikerinnen überhaupt, die erste preußische Professorin, Entdeckerin eines Elements, entscheidende Impulsgeberin in der Entdeckung der Kernspaltung. Die wichtigste Auszeichnung der Welt, die sie nach Ansicht vieler verdient hätte, blieb der Physikerin Lise Meitner aber versagt – beispielhaft für die männliche Dominanz in der Wissenschaft. Lise Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Schon als Mädchen fielen ihre Intelligenz und ihre mathematische Begabung auf. Ihr Vater, ein Rechtsanwalt, unterstützte sie darin. Weil Ende des 19. Jahrhunderts Mädchen in Österreich noch kein öffentliches Gymnasium besuchen durften, bereitete sich Lise mit einem Privatlehrer auf das Abitur vor. 1901 – die österreichischen Universitäten hatten Frauen gerade erst zum Studium zugelassen – schrieb sie sich in Wien für das Fach Physik ein. Sie war begeistert von ihrem Studium und promovierte 1906 mit Auszeichnung als eine der ersten Physikerinnen überhaupt.

Für Frauen galt: Zutritt verboten!

1907 fuhr sie nach Berlin, damals ein Weltzentrum der Naturwissenschaften, um beim berühmten Max Planck Vorlesungen zu hören. Das war nicht einfach - Frauen konnten in Berlin nicht ohne Weiteres am Lehrbetrieb teilnehmen. Eine persönliche Erlaubnis des Dozenten war nötig, die Planck zuerst wohl nur widerwillig erteilte. Doch erkannte er ihr außergewöhnliches Talent und machte sie zu seiner Assistentin – unbezahlt. Lise Meitner nahm an, diese Chance wollte sie sich nicht entgehen lassen. Allerdings durfte sie, weil sie eine Frau war, nur in den Kellerräumen des Instituts arbeiten und musste durch den Hintereingang hereinkommen. Erst 1909, als Preußen offiziell Frauen das Studium erlaubte, konnte sie sich frei bewegen.



Ein kreatives Team

Foto: Das Foto zeigt das Gespann Lise Meitner und Otto Hahn 1910 im Labor

Das Gespann Lise Meitner und Otto Hahn 1910 im Labor

Schon 1907 traf sie in Berlin auf Otto Hahn, der sich mit radioaktiven Substanzen befasste - eine Begegnung, die Wissenschaftsgeschichte schreiben sollte. Die beiden wurden sofort ein Team: er der Praktiker, sie die systematische und konzeptionelle Denkerin. Das Gespann sprudelte über vor Entdeckungen und Erkenntnissen, unter anderem identifizierten sie ein neues Element, das Proaktinium. Lise Meitners Ruf drang nach außen, 1913 bot die Universität Prag ihr einen Lehrstuhl an. Jetzt wollten auch die Berliner sie halten, und so bekam die Wissenschaftlerin zum ersten Mal ein richtiges Gehalt. Am neu gegründeten "Kaiser-Wilhelm-Institut" in Berlin-Dahlem arbeitete sie mit Hahn weiter an den radioaktiven Elementen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde sie die offizielle Leiterin der "physikalisch-radioaktiven" Abteilung.

Der entscheidende Impuls

In den nächsten fünfzehn Jahren habilitierte sich Lise Meitner, führte als erste Frau in Deutschland den Professorentitel mit Lehrerlaubnis und lieferte Erkenntnisse über radioaktive Strahlen und Substanzen, die von großer Bedeutung für die Physik waren. 1934 machte sie ihrem Partner Otto Hahn einen Vorschlag: Sie wollte genauer untersuchen, welche Substanzen entstehen, wenn man die Atome von radioaktiven Stoffen mit Neutronen beschießt. Diese Arbeiten hatte der Italiener Enrico Fermi begonnen. Gemeinsam entwarfen Meitner und Hahn die Versuchsanlage, als Dritten im Bunde zogen sie den jungen Chemiker Fritz Strassmann hinzu. Mitten in den Experimenten marschierte Hitler 1938 in Österreich ein – jetzt waren alle Österreicher auch Deutsche und unterlagen damit den Rassengesetzen der Nazis. Schon 1933 hatte die Jüdin Meitner deswegen ihre Lehrerlaubnis verloren, jetzt war sie in Berlin nicht mehr sicher. Schon 60 Jahre alt, floh sie nach Schweden. Dort wurde sie Professorin am Stockholmer Institut für Physik, und Otto Hahn führte die Atomkern-Experimente alleine weiter.

Fantastische Erklärung

Er schrieb Lise regelmäßig und unterrichtete sie über die Fortschritte des gemeinsamen Projekts. Schließlich kam es zu dem berühmten Brief an Lise Meitner vom 9. Dezember 1938. Hahn und Strassmann hatten einen Urankern mit Neutronen beschossen und ein Ergebnis erzielt, das sie nicht deuten konnten. Otto Hahn wörtlich: "Vielleicht kannst du eine fantastische Erklärung vorschlagen..." Sie konnte. Ihr war klar, was in einem Urankern passierte, der mit Neutronen beschossen wird: er wird instabil, platzt und es entstehen zwei ungefähr gleich große Kerne eines leichteren Elements. Sie prägte dafür den Begriff "Fission" (Spaltung) - die Kernspaltung war entdeckt. Lise Meitner berechnete dazu gleich die Energiemenge, die dabei frei wurde.

Die ewige Assistentin

1939 veröffentlichte sie ihre Ergebnisse, sie stießen am Vorabend des Zweiten Weltkrieges auf ein gewaltiges Interesse. Physiker in aller Welt stürzten sich darauf und arbeiteten weiter. Die atomare Kettenreaktion wurde entdeckt – und das Rennen um die Entwicklung der Atombombe begann. Die Amerikaner boten Lise Meitner an, sich an der Entwicklung der Bombe zu beteiligen, doch die überzeugte Pazifistin lehnte ab. Andere griffen zu -  1945 explodierten die Bomben über Hiroshima und Nagasaki. In demselben Jahr sprach man Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie zu, für die Entdeckung der Kernspaltung. Lise Meitner ging leer aus, obwohl sie dreimal für den Physik-Nobelpreis nominiert war. Viele andere Auszeichnungen machten sie zwar zu einer der bekanntesten Forscherinnen überhaupt, doch die wissenschaftliche Elite in Deutschland nahm sie vorwiegend als Assistentin Otto Hahns wahr. Im Oktober 1968 starb Lise Meitner, 90 Jahre alt, in Cambridge. Eine späte Ehrung erfuhr sie noch 1992: das 109. Element trägt ihren Namen, es heißt "Meitnerium".



: Johanna Bayer


Stand: 05.04.2005



Grafik: Ranga Yogeshwar mit Bilderrahmen im Hintergrund

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