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Endlager Salzstock?

  • SendeterminDienstag, 19. April 2005, 21.00 - 21.45 Uhr .

Atommüll im Umlauf

Foto: Zwei Castor Behälter in einer Lagerhalle
Ein Castor Behälter wird im Zwischenlager abgeladen

Jedes Jahr rollen die StichwortCastor-Behälter mit hochradioaktivem Abfall aus der Wiederaufbereitung nach Gorleben. Und jedes Jahr begleiten Demonstrationen und Warnungen die Fracht – denn auch wenn die Behälter doppelt und dreifach gesichert sind, möchte keiner die gefährliche Ladung vor seiner Haustür haben. Das eigentliche Dilemma aber ist: seit Anfang der 60er  Jahre wird StichwortAtommüll produziert, doch bis heute gibt es keinen Ort, an dem er endgültig gelagert werden kann.

Endstation Salzstock?

Foto: Überblick über Erkundungsbergwerk
Auf den ersten Blick ein Bergwerk – doch unter der Erde soll in Zukunft Atommüll sicher lagern

Das Gorlebener Zwischenlager ist eine Halle, in der die Behälter oberirdisch gelagert und gekühlt werden. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Zwischenlösung. Denn bis zum Jahr 2035 soll der erste Atommüll endgültig untergebracht werden – unter der Erde, im Salzstock von Gorleben. Seine Kernfläche zieht sich unterirdisch über eine Länge von rund 12 und eine Breite von vier Kilometern, er ist bis zu 3.500 Meter tief. Um ihn zu untersuchen, begann man 1985, Schächte zu bauen und den Salzstock systematisch zu erkunden.

Endlager auf dem Prüfstand

Geowissenschaftler begannen 1983 überirdisch mit verschiedenen Tests und Probebohrungen in und um den Salzstock herum. Der Salzstock beginnt nach einer 250 Meter dicken StichwortTonschicht. Mit ihren Untersuchungen konnten die Forscher nicht nur feststellen, wie der Salzstock auf Erschütterungen reagiert, sondern bekamen auch einen Überblick darüber, wie er in seinen verschiedenen Schichten aufgebaut ist. Nach ihren Auswertungen erschien das Gestein erdbebensicher. Doch ob es wirklich für die gefährlichen Zwecke geeignet war, war nicht nur mit Versuchen über der Erde zu klären. Deshalb grub man Stollen - 600.000 Tonnen Salz wurden in tausend Metern Tiefe aus dem Berg gefahren, sieben Kilometer Tunnel entstanden. Um mögliche Endlagerplätze zu finden, kartierten Wissenschaftler dort alle Gesteine, denn kein Untergrund ist gleich aufgebaut. Mit Farbe markierten sie die Übergänge in neue Schichten und prüften so, welche Gesteinsarten übereinander lagen, ob sie sich verschoben und ob der Salzstock trocken war.

Steinsalz und Radioaktivität

Foto: Heizstab auf Salzfläche nach zwei jahrenlangem Test
Hitzetest im Forschungsbergwerk Asse

Parallel dazu wurden in einem anderen Salzstock, im Forschungsbergwerk Asse bei Wolfenbüttel, seit den  70er Jahren Grundlagenexperimente gemacht. Hochradioaktives Brennmaterial entwickelt je nach Spaltprodukten große Wärme. Beim Umfüllen in die Behälter kann es noch 1200 Grad heiß sein und muss erst auf 200 Grad abgekühlt werden, bevor man es einlagert. Deshalb stellte sich die Frage: Wie verhält sich Salz bei dieser Hitze? Um das herauszufinden, bestückten Forscher ein Rohr mit elektrischen Heizelementen und ließen es 270 Grad heiß werden. Zwei Jahre lang blieb der Heizstab im Salz von Asse unter der Erde, permanent auf derselben hohen Temperatur. Danach sah der dünne Eisenstab zwar etwas mitgenommen aus, der hohe Druck in der Salzschicht hatte Spuren hinterlassen. Aber die Salzfläche war ohne Risse geblieben – Salz hält solchen Temperaturen also stand.

Grab für die Ewigkeit

Foto: Überblick über Erkundungsbergwerk
Das Erkundungsbergwerk Gorleben

Eine weitere Eigenschaft des Salzes schien den Forschern geeignet für die Endlagerung: das Salz unter der Erde ist nicht starr, sondern es Stichwortfließt. Das liegt an dem hohen Druck, der in Gorleben in 800 Metern Tiefe herrscht. Unter diesem Druck verhält sich das Steinsalz wie eine sehr zähe, plastische Masse, es fließt. Würden die Gefäße mit ihrem hochradioaktiven Inhalt in Salz gelagert, so wären sie in einem Zeitraum von mehreren Jahren bis einigen Jahrzehnten umschlossen und wie von einer Schutzhülle umgeben. Der Druck verteilt sich dann gleichmäßig. Ein Nachteil wäre allerdings, dass man den Müll nicht mehr empor holen könnte, zum Beispiel, wenn man eine neue, bessere Entsorgungslösung gefunden hat. 1983 starteten die Forscher im Bergwerk Asse einen ersten Versuch mit radioaktivem Material – sie lagerten hochradioaktives Kobalt-60 im Salz ein. Nach zwei Jahren entfernten sie die Kobaltquelle und untersuchten die Salzschicht, die das Testmaterial umgeben hatte. Das Ergebnis: das Salz hatte die Strahlung abgefangen. Im Bereich von einem halben Meter um die Quelle hatte sich das Steinsalz bläulich-dunkel verfärbt, ab einem halben Meter war keine Verfärbung mehr zu sehen.

Giftmüll unter Tage

Foto: Verfüllen der Hohlräume in Asse
Im Forschungsbergwerk Asse werden die Kammern mit Salz verfüllt

Salzstöcke haben sich als Deponien schon bewährt, zum Beispiel die Untertagedeponie im hessischen Herfa-Neurode. Allerdings lagert hier kein heißer Atommüll, stattdessen sind in verschiedenen Kammern Fässer mit Arsen, Dioxin und anderen hochgefährlichen Giften verstaut. Sie stammen aus Medizin, Forschung und Haushalten. Dieser Giftmüll fällt in erheblich größeren Mengen an als Atommüll. Die Steinsalz-Deponie ist seit 1972 in Betrieb, und bis zum Jahr 2004 wurden zweieinhalb Millionen Tonnen Giftmüll eingelagert. Ist eine Kammer voll, wird sie zugemauert - eine Vorsichtsmaßnahme, falls doch giftige Substanzen aus den Behältern austreten sollten. Bei einer atomaren Endlagerung würden Hohlräume nicht einfach nur zugemauert.

Bei den Atomfässern würde man anders vorgehen: man will Kammern bohren, die Fässer einlagern und die Kammern dann künstlich mit Salz auffüllen, so dass sie sicher sind. Das geschieht zur Zeit im Forschungsbergwerk Asse. Spätestens nach 40 Jahren, sagen Geowissenschaftler, sollten Hohlräume in einem Salzstock geschlossen werden, sonst wird das Erdreich instabil. So würde man es auch in Gorleben machen.

Die Suche ist nicht beendet

Foto: Langer Stollentunnel
Die Maschinen stehen seit 1995 still, bis die Experten ihr endgültiges Urteil gefällt haben

Doch ist der Salzstock in Gorleben wirklich der sicherste Ort für Atommüll? In Gorleben herrscht momentan Ruhe. Die Erkundung ist von der Regierung unter Kanzler Schröder seit 1995 für maximal zehn Jahre gestoppt worden. Der Sinn dieser Pause: Forscher sollen neu untersuchen, ob nicht auch andere Plätze geeignet sind. In der gesamten norddeutschen Tiefebene gibt es große, tief liegende Salzvorkommen. Auch andere Gesteinsarten könnten in Frage kommen. Denn nicht alle Experten sind sich darüber einig, ob Gorleben wirklich die beste Lösung ist. Das Thema ist zu heikel, um Risiken einzugehen. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht: Forscher können vielleicht Prognosen über 50.000 Jahre stellen, aber in Sachen Radioaktivität muss man über noch längere Zeiträume nachdenken. Und ein Restrisiko bleibt immer. Eine Menge von 24.000 Kubikmetern hochradioaktiven Müll müsste Gorleben als Endlager fassen. Bis andere Orte und Gesteinsarten auf ihre Tauglichkeit geprüft sind, können Jahre vergehen. So lange bleibt der Atommüll oben im Zwischenlager - und der Salzstock in Gorleben leer.

Stichwörter

1 Castor
Ein wesentlicher Bestandteil der Sicherheit ist der Behälter: Die Castor-Behälter, die zur Zwischenlagerung verwendet werden, bestehen aus dickwandigem Schmiedestahl. Bei einer Endlagerung würde, abhängig vom Einlagerungskonzept, in einen anderen Behälter umgefüllt. Der Pollux-Behälter besteht aus einem Innenbehälter aus Feinbaustahl und einem Abschirmbehälter aus Gusseisen. Falltests aus großer Höhe, Feuer und Explosionstests wurden durchgeführt. Zurück zum Absatz
2 Atommüll
Man unterscheidet zwischen schwach- und mittelradioaktiven Abfällen einerseits und hochradioaktivem Abfall andererseits. Nur dieser entwickelt Wärme. Während der hochradioaktive Abfall zwar nur wenige Prozente der Menge ausmacht, macht er jedoch 98 Prozent der radioaktiven Gefährlichkeit aus. Zurück zum Absatz
3 Tonschicht
Die Schicht oberhalb eines Salzstockes nennt sich auch Deckgebirge. Kritiker, die sich gegen den Salzstock Gorleben aussprechen, sind der Meinung, dass das  Deckgebirge nicht stabil und mächtig genug ist. Zurück zum Absatz
4 fließt
Salz hat die Fähigkeit, unter hohem Druck, der im Berg herrscht, sich wie eine zähe, plastische Masse zu verhalten und damit eine Art Selbstreparaturmechanismus  herzustellen. Fachleute sprechen auch von "Konvergenz". Zurück zum Absatz
:

Anke Rau

Stand: 19.04.2005


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