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Frauen, Männer und die Evolution

Von haltlosen Spekulationen über die Steinzeit

  • SendeterminDienstag, 03. Mai 2005, 21.00 - 21.45 Uhr .

Es grenzt an ein Wunder

Wenn nur der Sex nicht wäre. Dann würden sich Männer und Frauen auf verschiedenen Planeten aufhalten und mit ihren Geschlechtsgenossen friedlich ihren Interessen nachgehen. Denn eigentlich sind sie so verschieden, dass sie nicht einmal miteinander reden, geschweige denn miteinander leben können. Der Geschlechterkampf hat neuen Auftrieb bekommen, seit sich populäre Beziehungsratgeber auf die Evolution des Menschen stützen: Männer und Frauen sind angeblich deshalb so verschieden, weil sie sich im Laufe der Evolution auf verschiedene Aufgaben spezialisiert haben. Deshalb haben sie ganz unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und Vorlieben, und ihre Gehirne sind anders strukturiert.

Haltlose Spekulationen über die Steinzeit

Illustration: Frau und Kinder in der Höhle
Die Steinzeit-Hausfrau war abhängig von ihrem Mann

Zur Begründung der Unterschiede bemühen zum Beispiel Allan und Barbara Pease in ihren Büchern Szenarien aus der Steinzeit: schweigsame, tollkühne Jägersmänner stehen unablässig quasselnden, auf Beziehungen fixierten Frauen gegenüber. Die Männer waren nach dieser sehr speziellen Version der Menschheitsgeschichte seit Millionen von Jahren die Ernährer der Familie, die auf der Jagd ihr Leben riskiert haben, um Fleisch nach Hause zu bringen. Frauen waren von Männern abhängig, was die Ernährung angeht, denn für die Jagd waren sie ja nicht geeignet. Sie haben sich vor allem mit filigranen Handarbeiten und den Kindern beschäftigt und sich kaum je aus der Höhle gewagt – höchstens, um in der unmittelbaren Nähe einige Beeren zu pflücken.

Doch diese Behauptungen sind wissenschaftlich haltlos - was Archäologen, Anthropologen und Völkerkundler heute wirklich über die Lebensweisen der frühen Menschen sagen, sieht ganz anders aus: Der Mann als Jäger und Ernährer ist nichts als "ein Konstrukt der Forschungsgeschichte", sagt zum Beispiel Gerd-Christian Weniger, Direktor des Neanderthal-Museums in Mettmann bei Düsseldorf.

Konstrukte aus dem 19. Jahrhundert

Illustration: Steinzeit-Mann kommt mit Jagdbeute zur Höhle
Der Vater als Ernährer der Familie

Dieses Konstrukt stammt noch aus dem 19. Jahrhundert und geht auf den Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin, zurück. Und auf die damalige Vorstellung einer sinnvollen, natürlichen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen – oder was die Gelehrten im späten 19. Jahrhundert dafür gehalten haben. Doch was bis heute in der populären Literatur als Erkenntnis über die Steinzeitmenschen verbreitet wird, hält Linda Owen, Dozentin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Tübingen und Spezialistin für Geschlechterrollen in der Steinzeit, schlicht für "ideologisch und verdummend". Und das gilt wohl auch für Vermutungen, die Hirnforscher oder Genetiker gerne mal anstellen, wenn es darum geht, vor dem breiten Publikum ihre Ergebnisse anschaulich zu machen: Sie spekulieren munter über die Urzeit, doch haben sie die Fachkollegen aus der Archäologie oder Ur- und Frühgeschichte nicht dazu befragt.

Jäger und Sammler-Völker als Modell

Seit den 1970er Jahren müssen jedenfalls Anthropologen und Ur- und Frühgeschichtler die altväterlichen Fantasien revidieren. Ihre vorsichtigen Rekonstruktionen möglicher Lebensweisen der frühen Menschen beziehen sie aus Beobachtungen von Völkerkundlern, die sich mit noch existierenden Jäger- und Sammlergesellschaften beschäftigt haben. Bei diesen Völkern gibt es zwar eine Arbeitsteilung, also Aufgaben, die nur von Männern oder nur von Frauen verrichtet werden. Doch die sind so vielfältig, dass von einer Trennung in jagende, umherschweifende Männer und an den Lagerplatz gebundene, in nächster Nähe sammelnde Frauen nicht die Rede sein kann.

Frauen als Jägerinnen

Illustration: Frauen, die jagen
Sammeln ist eine vielseitige Tätigkeit

Bei vielen Völkern erbeuten die Sammlerinnen auch Tiere: sie stellen Hasenfallen, fangen Fische, Eidechsen und Schlangen. Männer gehen eher in Gruppen auf Großwildjagd, doch gerade diese Jagden sind Treibjagden, bei denen viele gebraucht werden, und wo Frauen eingebunden sind. Besonders bei Eskimos und nordamerikanischen Indianern, wo die Ernährung ganz entschieden von Fleisch und Fisch abhängt, gibt es Jägerinnen. Die Arbeitsteilung hat also nichts mit grundlegend anderen kognitiven Fähigkeiten zu tun. Die sind im übrigen zwischen Männern und Frauen sehr gleich verteilt – wo es Unterschiede gibt, sind sie gering, und die Überlappungen bei beiden Geschlechtern überwiegen bei weitem. Sie sind sogar so groß, dass es keinen kognitiven Test gibt, mit dem man sicher vorhersagen könnte, ob man einen Mann oder eine Frau vor sich hat.

Das Neanderthalmuseum in Mettmann, das einen Einblick in die Lebensformen der frühen Menschen in Europa geben will, aber auch das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle haben diese Erkenntnisse in ihren Ausstellungen umgesetzt: sie zeigen Nachbildungen von Frauen mit Wild, das sie erlegt haben, oder als Teilnehmerinnen bei der Treibjagd auf Waldelefanten.

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Johanna Bayer

Stand: 23.10.2006


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