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Quarks & Co
Sendung vom 03. Mai 2005
Warum sterben Männer früher?
Fast überall auf der Welt gibt es dasselbe Phänomen:
Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer. Am
größten ist der Unterschied in Russland. Dort
überlebt das so genannte "schwache Geschlecht" die
Männer um stolze zehn Jahre. In Frankreich sind es acht, in
Japan sieben und in Deutschland immerhin noch
sechs Jahre. In nur acht Ländern der
Welt haben die Männer eine höhere
Lebenserwartung.
Seit vielen Jahren sind Wissenschaftler verschiedener
Fachrichtungen dem Geheimnis auf der Spur. Sie sind sich einig,
dass die Erklärungen für die unterschiedliche
Lebenserwartung der Geschlechter in zwei großen Kategorien zu
finden sind. Zum Einen sind da die biologischen Faktoren, zum
Beispiel Gene und Hormone. Sie sind weitgehend festgelegt. Seit
geraumer Zeit untersuchen Forscher zum Beispiel den Einfluss der
Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron auf das
Immunsystem. Aber es gibt noch keine eindeutigen Ergebnisse, denn
auch die biologischen Faktoren sind sehr vielfältig und
beeinflussen sich gegenseitig.
Zum Anderen sind da die verhaltens- und umweltbedingten Faktoren.
Diese sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängen vom
Lebensstil des Einzelnen ab: Essverhalten, der Konsum von
Zigaretten und Alkohol, die Stressbelastung, die
Gesundheitsvorsorge, die Risikofreude und noch vieles andere.
Bis vor wenigen Jahren konnten die Fachleute aber nur darüber
spekulieren, wie groß der Anteil der biologischen Faktoren
und der Anteil der verhaltens- und umweltbedingten Faktoren
jeweils ist. Denn innerhalb der Bevölkerung gibt es sehr
unterschiedliche Lebensstile, und teilweise sind Männer und
Frauen auch anderen Belastungen in Beruf und Familie ausgesetzt.
Also war es sehr schwierig, beide Gruppen miteinander zu
vergleichen – bis ein junger Geograph eine Idee hatte.
Marc Luy, inzwischen Juniorprofessor an der Universität Rostock, suchte nach einer Gruppe Menschen, in der Frauen und Männer unter nahezu gleichen Bedingungen leben. Und er fand sie im Kloster: Nonnen und Mönche. Sie leben alle unter nahezu identischen Bedingungen: sie pflegen einen einfachen Lebensstil, haben keinen gesellschaftlichen Stress, keine finanziellen Probleme, keine Konkurrenz um beruflichen und sozialen Aufstieg, keine Partnerkonflikte und müssen sich nicht um die Erziehung eigener Kinder kümmern. Mit den Ordensleuten hatte Marc Luy daher eine Bevölkerungsgruppe gefunden, deren Lebenserwartung fast ausschließlich von den biologischen Faktoren abhängt. Also überprüfte er die Lebensdaten von fast 12.000 Nonnen und Mönchen und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: männliche Geistliche leben im Durchschnitt nur ein bis zwei Jahre kürzer als die Nonnen. Und diese werden genauso alt wie Frauen, die nicht im Kloster leben. Mönche können sich also über ein vier bis fünf Jahre längeres Leben freuen als ihre Geschlechtsgenossen jenseits der Klostermauern.
Dank der Klosterstudie und einer vergleichbaren Untersuchung in Frankreich sind sich die Fachleuten inzwischen einig: für den größten Teil der unterschiedlichen Lebenserwartung der Geschlechter sind die verhaltens- und umweltbedingten Faktoren verantwortlich. Unter diesen lassen sich fünf Hauptgründe finden, warum Männer außerhalb der Klöster früher sterben:
Der wichtigste Faktor: Mönche rauchen viel
seltener als Männer außerhalb der Klöster und
trinken auch sehr viel weniger Alkohol. So beängstigend das
klingt - der Durchschnittsmann raucht und trinkt sich um sein
Leben.
Das Tier im Manne. Das "starke
Geschlecht" setzt sich mit Vorliebe und besonders gern hohen
Risiken aus. Egal ob beim Auto fahren, beim Sport oder bei der
Berufswahl: Männer setzen sich viel häufiger Gefahren aus
als Frauen – und natürlich auch als Mönche.
Pommes, Currywurst und Schokolade –
Männer ernähren sich im Allgemeinen mächtig
ungesund. Die meisten essen zu viel und auch viel zu fett. Fast
zwei Drittel aller Männer haben mit mehr oder weniger
Übergewicht zu kämpfen. Mönche hingegen sind
gehalten, sich beim Essen zu mäßigen, und werden aus
Klosterküchen verköstigt, in denen auf ausgewogene
Ernährung geachtet wird.
Der gesellschaftliche Stress spielt eine
wesentliche Rolle. Mönche leben ihr Leben in festen sozialen
Strukturen. Andere Männer dagegen kämpfen eigentlich
ständig um ihren beruflichen und sozialen Aufstieg - das
verschleißt.
Auch das Leben in einer Familie bringt eine Menge Stress mit sich. Mönche müssen sich keine Sorgen um die Finanzierung einer Familie machen, müssen keine Energie in die Erziehung von Kindern stecken und bleiben von Beziehungskonflikten verschont.
Die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männern
war aber nicht immer so hoch. Im Jahre
1871 lebten die Frauen in Deutschland im
Durchschnitt nur drei Jahre länger. Nach dem zweiten Weltkrieg
wurde der Unterschied dann schnell größer. Sein Maximum
erreichte er Mitte der achtziger Jahre – mit gut sieben
Jahren. Inzwischen schließt sich Lücke zwischen Frauen
und Männern wieder ein wenig. Das liegt vor allem daran, dass
Frauen inzwischen sehr viel mehr rauchen und häufiger dem
Alkohol zusprechen als noch vor wenigen Jahren. Natürlich
spielt auch eine Rolle, dass heute deutlich mehr Frauen arbeiten
gehen und so dem Stress genauso ausgesetzt sind wie die
Männer. Alles in allem holen Frauen auf, was den
männlichen Lebensstil angeht – mit sämtlichen Vor-
und Nachteilen.
Silvio Wenzel
Stand: 23.10.2006
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