Hattersheim und das Stromkartell

  • Dienstag, 31. Mai 2005, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Kampf gegen die Konzerne

Deutschlandkarte mit Stromnetz und Regelzonen der Betreiber

Vier große Stromunternehmen versorgen Deutschland

Der Strommarkt in Deutschland ist in der Hand von vier mächtigen Energieunternehmen - in ganz Deutschland? Nein! Eine kleine Stadt in Hessen, Hattersheim am Main, hat es gewagt, sich mit den Großen anzulegen. Die Hattersheimer wollten ein eigenes Kraftwerk bauen und ihrenStrom ins Netz einspeisen. Doch dabei gerieten sie in das Hoheitsgebiet der vier großen Stromerzeuger. Die haben das Land unter sich aufgeteilt: die  RWE  versorgt vor allem den Westen, E.ON  die Mitte des Landes, im Süden liefert EnBW Elektrizität, und Vattenfall Europe im Osten. Trotz Liberalisierung des Strommarktes kann es für andere schwer werden, sich gegen die Macht der vier Großfirmen durchzusetzen - und das bekam auch die hessische Kleinstadt zu spüren.

Abwärme umweltfreundlich nutzen

Die Umweltdezernentin von Hattersheim, Karin Schnick, hatte 1999 die Idee, für ein Neubaugebiet im Südwesten der Stadt ein kleines, mit Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk zu bauen. Der Vorteil gegenüber den Großkraftwerken: das eigene Werk sollte mit Kraft-Wärme-Kopplung arbeiten. Dieses System nutzt die Wärme, die bei der Stromerzeugung entsteht, und leitet sie direkt in die benachbarten Häuser. Das ist bei den Großkraftwerken nicht möglich, da sich Wärme nur über kurze Strecken transportieren lässt und der Weg von den großen Kraftwerken in die Wohngebiete zu weit ist. So verpuffen bis zu 60 Prozent der erzeugten Energie bei Großkraftwerken als Abwärme.

Dumping-Preis blockiert den Plan

Stadtzentrum von Hattersheim

Hattersheim, die unbeugsame Stadt in der Nähe von Frankfurt am Main

Die Hattersheimer planten ein Nahwärmenetz, das direkt ans eigene Kraftwerk angeschlossen sein sollte. So wollten sie mit der Abwärme ihres kleinen Kraftwerks direkt alle Häuser im Neubaugebiet heizen. Den Strom, der eigentlich in dem neuen Blockheizkraftwerk entstehen sollte, wollten die Hattersheimer an den örtlichen Energieversorger verkaufen. So weit der Plan, um den umweltfreundlichen Energiebetrieb rentabel zu machen. Doch die Süwag Energie  AG, ein Tochterunternehmen von RWE, bot einen zu niedrigen Preis für den Strom der Hattersheimer. Dieser Preis hätte unter den Produktionskosten gelegen - das ganze Projekt drohte zu scheitern.

Hattersheim am Netz

Plan des Stromnetzes im Neubaugebiet

Arealnetz im Neubaugebiet

Karin Schnick und ihre Hattersheimer ließen sich jedoch nicht entmutigen. Sie planten jetzt nicht nur ihr eigenes Kraftwerk, sondern auch ein eigenes kleines Stromnetz, ein Arealnetz. Das wollte der Energieversorger verhindern. Er berief sich auf einen Konzessionsvertrag, den die Hattersheimer schon 1988 mit dem Stromlieferanten abgeschlossen hatten. Dieser Vertrag erlaubte nur der Süwag die Energieversorgung. Doch die Hattersheimer blieben standhaft und bauten das Netz. Ihr Argument: Der Vertrag stammte aus dem Jahr 1988, und mit Beginn der Liberalisierung auf dem Strommarkt 1999 war er nicht mehr gültig. Damit setzten sie sich durch, und so konnten alle Häuser im Neubaugebiet Strom und Wärme von der Stadt beziehen. Doch für eine reibungslose Versorgung waren die Hattersheimer weiterhin auf fremde Hilfe angewiesen. Denn mittags oder abends, wenn besonders viel Energie verbraucht wird, konnte das kleine Werk den Bedarf nicht alleine decken.

Stromversorgung: das große Geschäft

Für solche Spitzenzeiten müssen die Stromlieferanten vorsorgen und rechtzeitig einschätzen, wie hoch der Verbrauch wird. Das beruht auf Erfahrungswerten, die im Stromgeschäft eine große Rolle spielen. Das Stromnetz ist kein Speicher. Es muss immer genauso viel Strom in das Netz gespeist werden, wie aus der Steckdose entnommen wird. Jeder Stromversorger hat dafür schon Jahre vorher den größten Teil des Stroms gekauft, der an einem bestimmten Tag benötigt wird. Hat er zuviel oder zuwenig eingekauft, wendet er sich an die Strombörse, etwa in Leipzig. Hier werden Milliardenumsätze mit Strom gemacht. Genau wie an der Börse für Aktien ermitteln Computer aus Angebot und Nachfrage für jede Stunde des kommenden Tages einen eigenen Strompreis. Der kann schwanken, je nachdem wie knapp der Strom gerade ist. Wenn nun überraschend mehr Strom verbraucht wird, als ursprünglich geplant, muss der Betreiber des Stromnetzes schnell eingreifen. Vorsorglich hat er schon eine Reserve eingekauft - die Regelenergie. Sie wird zusätzlich ins Netz gespeist, damit die Bilanz ausgeglichen ist. Der Verkauf von Regelenergie ist in Deutschland ein Markt von rund einer Milliarde Euro.

Der Friede von Hattersheim

Innere des Blockheizkraftwerkes mit einer Frau

Karin Schnick im Blockheizkraftwerk von Hattersheim

In Hattersheim ist der Stromstreit mittlerweile vorbei. Die Stadt und der Energieversorger arbeiten zusammen. Beide haben erkannt, dass sie voneinander profitieren können. Die Hattersheimer haben ihre Strominsel mit den großen Versorgern verbunden und das Neubaugebiet bekommt jetzt Strom und Wärme von seinem eigenen Kraftwerk. Das Arealnetz ist über einen Transformator mit der Leitung der Süwag verbunden. Das große Unternehmen deckt so den Bedarf zu Spitzenzeiten. Jetzt können die Stromproduzenten von Hattersheim mit ihrem System der Kraft-Wärme-Kopplung ausreichend und umweltfreundlich Energie liefern, die auch noch günstig ist. Die Stadt will deshalb weiterhin auf Blockheizkraftwerke setzen und überlegt jetzt sogar, ob sie demnächst das komplette Stromnetz von Hattersheim selbst betreiben soll. Denn ihr Fall zeigt, dass kleine, dezentrale Arealnetze im Geschäft der großen Stromversorger eine Chance haben.

: Carsten Binsack


Stand: 31.05.2005


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Strom

Der deutsche Strom wird auf verschiedene Arten erzeugt, im Jahr 2003 setzte sich die Gesamtleistung so zusammen:

27,6 % - Kernenergie

24,5 % - Steinkohle

26,6 % - Braunkohle

9,6 % - Erdgas

4,1 % - Wasserkraft

3,1 % - Windkraft

0,9 % - Heizöl

3,4 % - Übrige Energieträger

(Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit; Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) e.V.; 2003)

Kraftwärme-Kopplung
In Deutschland liegt der Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung derzeit nur bei rund 14 Prozent – möglich wäre aber bis 2030 ein Anteil von etwa 38 Prozent. Denn in Deutschland bietet sich jetzt eine historische Chance, da etwa ein Drittel der Kraftwerke veraltet ist und in den nächsten 15 Jahren ausgetauscht werden muss.
Arealnetz
Ein Arealnetz ist ein kleines dezentrales Stromnetz, auch "Strominsel" genannt. Es beliefert die Verbraucher in einem bestimmten Gebiet und wird nicht von den großen Energieversorgern betrieben.