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Quarks & Co
Sendung vom 14. Juni 2005
Blind für Veränderungen
Wie realistisch ist unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit? Normalerweise gehen wir davon aus, dass wir ein recht realistisches Bild haben und zum Beispiel unsere Umgebung wie auf einem hochaufgelösten Panoramafoto in allen Einzelheiten sehen. Doch das ist ein Trugschluss. Wir nehmen nur winzige, vage Ausschnitte wahr und sind darüber hinaus rund ein Viertel der wachen Zeit blind. Denn wenn wir blinzeln oder wenn sich unsere Augen von einem Punkt zu einem anderen bewegen, können wir nichts sehen. Die wenigen Informationen, die unserem Gehirn zu Verfügung stehen, werden allerdings so geschickt kombiniert und aus der Erfahrung ergänzt, dass wir die Illusion haben, ständig eine komplette Welt zu sehen. Passiert etwas Ungewöhnliches oder – im wahrsten Sinne des Wortes - Unvorhergesehenes kann es sein, dass wir das Ereignis nicht wahrnehmen, obwohl es vor unseren Augen stattfindet.
Wir haben vor dem Kölner Dom ein einfaches Experiment mit versteckter Kamera gemacht. Unser Lockvogel war als WDR-Reporter getarnt, der eine Straßenumfrage macht. Er zeigte Passanten ein Foto mit einer optischen Täuschung und forderte sie auf, es in die Hand zu nehmen und zu kommentieren. Während des Gesprächs drängelten sich plötzlich zwei Helfer mit einem Paket zwischen Reporter und Passant hindurch. So war der Versuchsperson der Blick auf den Reporter kurz verstellt. Während dieser Zeit tauschten wir den Reporter gegen einen Kollegen aus. Der führt das Interview einfach weiter. Überraschenderweise hat weniger als die Hälfte der Probanden bemerkt, dass sie sich mit zwei unterschiedlichen Personen unterhalten hat. Selbst als wir einen Mann gegen eine Frau austauschten, zeigten einige keine Reaktion.
Die meisten Versuchspersonen, denen etwas aufgefallen ist, haben
die Veränderung zunächst nicht gesehen, sondern
gehört - sie haben die andere Stimme erkannt Man könnte
daraus schließen, dass sie sich den Reporter einfach nicht
richtig angesehen haben. Doch so einfach ist es nicht.
Wahrnehmungsforscher der Technischen Universität Dresden
beschäftigen sich mit diesem Phänomen der Blindheit
für Veränderung; auch "Change Blindness"
genannt. Für uns haben sie das Interview aus Sicht der
Passanten analysiert: Wohin blicken sie während des
Gesprächs?
Ergebnis: Die größte Aufmerksamkeit widmen die Passanten
dem Foto mit der optischen Täuschung. Trotzdem blicken sie dem
Reporter sowohl vor als auch nach dem Personentausch mindestens
einmal mitten ins Gesicht. Sie haben die Veränderung vor
Augen, sehen sie aber trotzdem nicht.
Wieso es zu diesem Phänomen der Blindheit für Veränderung kommt, ist bis heute nicht ganz geklärt. Sicher ist nur, dass es etwas mit der eingeschränkten Kapazität unseres Gehirns zu tun hat. Wollten wir alle visuellen Reize, die unser Auge erreichen, gleichzeitig erfassen, wäre unser Gehirn hoffnungslos überfordert und müsste vermutlich mehrere Tonnen wiegen. Es trifft stattdessen immer eine kleine Auswahl: Im Grunde genommen nehmen wir nur die Objekte bewusst wahr, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. Für die anderen Dinge gibt es darüber hinaus offenbar nicht einmal ein visuelles Kurzzeitgedächtnis. Auch dies würde zuviel Gehirnleistung fordern. Stattdessen ist die Welt unser visueller Speicher. Wollen wir wissen, wo ein Objekt ist, oder wie es genau aussieht, schauen wir einfach hin. Im Normalfall ändert sich die Welt ja nicht von einem Wimpernschlag zum anderen. Tut sie es doch - so wie in unserem Experiment – dann nehmen wir es einfach nicht wahr.
Glauben Sie, Ihnen entgeht nichts? Dann schauen Sie sich unseren kleinen Film an. Hier haben wir bewusst Fehler eingebaut: von einer Einstellung zur nächsten verändern sich Dinge oder verschwinden plötzlich. Testen Sie, worauf Sie wirklich achten, was Ihr Gehirn wahrnimmt und wie viel Ihnen entgeht - zumindest beim ersten Hinsehen.
Ulrich Grünewald
Stand: 20.10.2006
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