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Sendung vom 14. Juni 2005
Welt in Scherben neurologische Wahrnehmungsstörungen
Dass jeder Mensch die Welt mit eigenen Augen sieht, ist eine Binsenweisheit. Und trotzdem: Bei allen subjektiven Wahrnehmungs-Unterschieden glauben wir, dass die Wirklichkeit mit ihren Strukturen von Raum oder Zeit unveränderlich ist und für alle gilt. Zu unrecht. Denn das, was wir als Wirklichkeit zu kennen glauben, ist ein Produkt unseres Gehirns. Nur vergleichsweise winzige Teile des Hirns müssen zerstört werden, damit die Wirklichkeit eine ganz andere wird.
Oft geschieht es nach einem Schlaganfall: Menschen, die bis
dahin ein normales Leben geführt haben, verhalten sich
plötzlich merkwürdig. Alles, was auf der einen Seite des
Raumes geschieht, scheint für sie nicht mehr zu existieren.
Das betrifft Teile des eigenen Körpers, aber auch
Gegenstände und Personen. Sinnesreize kommen aber an –
Töne, Bilder, auch Berührungen registriert das Gehirn.
Doch sie werden den Patienten nicht mehr oder nur noch schwach
bewusst. "Räumliches Neglect" nennt man dieses
neurologische Syndrom. Der Ausfall betrifft eine ganze
Körperseite: es ist die, die von der beschädigten
Hirnhälfte gesteuert wird.
Neben dem Hirnschlag können auch andere Verletzungen für das Neglect-Syndrom verantwortlich sein. Eine zentrale Rolle scheint in allen Fällen ein Gehirnbereich im unteren Scheitellappen zu spielen, der sogenannte Gyrus angularis, er ist besonders wichtig für die Raumwahrnehmung. Erstaunlich dabei: die Patienten selbst wissen nicht, dass ihnen ein Teil der Welt fehlt, es ist vor allem die Umwelt, die das veränderte Verhalten registriert - wenn die Patienten sich nur die eine Hälfte ihres Gesichts rasieren oder schminken, wenn sie nur einen Teil ihres Tellers leer essen oder wenn sie nahe Angehörige, die sich auf der falschen Seite befinden, schlicht ignorieren.
Der deutsche Arzt Rudolph Balint war es, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal eine merkwürdige Krankheit beschrieb: Die Patienten hatten zwar eine normale Sehschärfe und ein weitgehend intaktes Gesichtsfeld, trotzdem bewegten sie sich wie Blinde im Raum - unfähig, sich zu orientieren oder einfachsten Vorgängen zu folgen. Heute gilt das sogenannte Balint-Syndrom als seltene, aber schwere neurologische Erkrankung, die nach sehr unterschiedlichen Hirnverletzungen auftritt. Gemeinsam ist den Betroffenen eine massive Störung der visuellen Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung des Raumes. Entfernungen oder Größenverhältnisse abzuschätzen, etwa die Tiefe von Treppenstufen, ist für sie fast unmöglich. Patienten mit Balint-Syndrom haben dazu größte Probleme, mehr als einen Gegenstand im Blick zu behalten. Einem komplexeren Vorgang zu folgen, zum Beispiel einer Unterhaltung, ist für sie fast unmöglich. Aber auch einzelne Gegenstände oder Personen konzentriert anzuschauen, ist schwierig.
Manche Betroffene beschreiben ihre neue Wirklichkeit als zersplittertes oder mehrfach zerbrochenes Bild. Bis heute wissen die Hirnforscher nicht genau, wo im Gehirn die Störung ihre Ursache hat. Sicher scheint nur, dass bei allen Patienten im hinteren Bereich des Gehirns Schaden entstanden ist, oft als Folge eines Schlaganfalls oder einer Hirnblutung. Dieser Teil der Hirnrinde wird mit der visuellen Vorstellungskraft in Zusammenhang gebracht.
Dieser Fall war eine wissenschaftliche Sensation. Im Jahr 1983 berichtete der Münchner Neurologe Josef Zihl von einer 43-jährigen Frau, die nach einer Gefäßverengung im Gehirn keine bewegten Objekte mehr wahrnehmen konnte. Goss sie eine Tasse Tee ein, erschien ihr der Strahl aus der Kanne als fest gefrorene Masse. Sie konnte daher auch nicht abschätzen, wann die Tasse voll war – sie schüttete weiter, bis der Tee über den Tisch lief. Wenn sie eine Straße überqueren wollte, geriet sie in Lebensgefahr, denn sie war nicht in der Lage, Bewegungsrichtungen oder Geschwindigkeitsunterschiede wahrzunehmen. Mit still stehenden Gegenständen hatte sie keine Probleme, doch je schneller sich etwas bewegte, desto mehr verflüchtigten sich für sie die Dinge. Kleine Hunde schienen für sie in der Luft zu schweben: die Bewegung der Beine war so schnell, dass sie für die Patientin schlicht nicht mehr existierten. Diese totale Unfähigkeit, Objekte in Bewegung zu sehen, wurde erst ein einziges Mal diagnostiziert. Sie tritt nur dann auf, wenn das für das Bewegungs-Sehen zuständige Hirnareal MT/V5 im unteren Scheitellappen auf beiden Seiten des Gehirns zerstört ist. Ist nur eins von beiden Arealen zerstört, ist das Sehen von Bewegung immer noch, wenn auch mit Einschränkungen, möglich.
Nur drei Beispiele aus einer fast unübersehbare Zahl von Syndromen und Krankheiten, bei denen Hirnschädenzu einer gestörten Wahrnehmung führen - alle zeigen, dass die normale Wahrnehmung alles andere als selbstverständlich ist: Unsere Wirklichkeit beruht auf einem prekären Gleichgewicht der Neuronen.
Jakob Kneser
Stand: 20.10.2006
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