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Sendung vom 14. Juni 2005
Vermischte Sinne
Musik hören – das ist für die meisten Menschen
alltäglich. Wie es sich aber anfühlt, wenn man Musik
nicht nur hört, sondern sie auch sieht oder sogar schmeckt,
das können sich Normalsterbliche nur mit Mühe vorstellen.
Und doch gibt es solche Menschen:
Synästhesie ist der Fachbegriff
für das Phänomen. Schätzungsweise einer von 2000
Menschen hat diese Fähigkeit. Am häufigsten ist die
Verkoppelung von zwei Sinnen, zum Beispiel das Sehen von Farben,
wenn man Musik hört. Doch der Neuropsychologe Lutz Jäncke
von der Universität Zürich hat Anfang des Jahres 2005
einen Aufsehen erregenden Fall beobachtet: bei der 27-jährigen
Musikerin Elisabeth S. sind gleich drei Sinne miteinander gekoppelt
– ein extrem seltener Fall.
Wenn die junge Flötistin Elisabeth S. Musik hört, sieht sie dazu Farben, und mehr noch: sie kann die Töne sogar schmecken! Quinten schmecken nach Wasser, eine Terz nach Zucker, eine kleine Sexte nach Sahne. Diese spezielle Synästhesie prägt auch ihre eigenen Musikvorlieben - zeitgenössische Popmusik ist für sie überweigend ungenießbar: zu viele Dissonanzen. Durch ihre ungewöhnliche Synästhesie ist sie ihren Musiker-Kollegen gegenüber im Vorteil: sie kann Tonarten und Intervalle schneller erkennen. Besonders schnell ist sie, wenn die gehörten Intervalle mit ihren entsprechenden Geschmackswahrnehmungen gekoppelt sind. Das zeigte ein Experiment an der Universität Zürich, bei dem die Wissenschaftler der Musikerin zu einem vorgespielten Intervall einen Geschmacksreiz anboten. Und die Tests zeigten auch: selbst nach Monaten blieben ihre Intervall-Geschmacks-Zuordnungen identisch.
Allgemein gesprochen handelt es sich bei der Synästhesie um eine Vermischung der Sinne. Kommt ein bestimmter Sinnesreiz im Gehirn an – ein Ton, ein Duft oder ein visueller Eindruck – dann reagiert das Gehirn gleichzeitig mit einer weiteren Sinneswahrnehmung. Bekannt ist das Phänomen seit Jahrhunderten, erforscht wird es allerdings erst seit wenigen Jahren. Die Wissenschaftler erhoffen sich, dadurch bald nicht nur bizarren Sinnesvermischungen auf die Spur zu kommen, sondern Grundsätzliches über die Mechanismen der Wahrnehmung zu erfahren. Kurz gesagt geht es um die Frage: Wie verbinden sich im Gehirn verstreute Neuronensignale zu einer einzigen Wahrnehmung? Denn wie das Gehirn aus der Flut von Nervenreizen, die es durch die Sinne empfängt, einheitliche Wahrnehmungen macht, weiß man erst in Ansätzen.
Auch bei den synästhetischen Wahrnehmungen tappt die Wissenschaft noch weitgehend im Dunklen. Doch es gibt eine Reihe von Erklärungsversuchen. Der Hannoveraner Synästhesie-Experte Hinderk Emrich geht davon aus, dass die synästhetische Verkopplung in einem entwicklungsgeschichtlich eher ursprünglichen Teil des Gehirns geschieht, im so genannten limbischen System. Es steuert Gefühle, und nach Emrichs Theorie schaltet es sich zwischen zwei Hirnareale, in denen verschiedene Sinneseindrücke verarbeitet werden – er nennt das Phänomen die "limbische Brücke".
Eine andere Hypothese verfolgt Lutz Jäncke von der Universität Zürich. Er glaubt, dass die Nerven-Verbindung zwischen Hirnregionen eine Rolle spielt, die normalerweise für die einzelnen Sinnesreize zuständig sind. In Zürich sollen Verbindungen zwischen dem für Geschmackswahrnehmungen zuständigen Areal im vorderen Hirnbereich und dem Gehörzentrum im Schläfenlappen untersucht werden. Jäncke will herausfinden, ob diese verschiedenen Bereiche bei Synästhetikern möglicherweise stärker vernetzt sind als bei anderen Menschen. Mit Hilfe des DTI-Verfahren (Diffusion Tensor Imaging ) könnte es möglich sein, solche Verbindungsstrukturen zwischen verschiedenen Gehirnarealen nachzuweisen.
Bei DTI handelt es sich um eine Variante der Magnetresonanztomografie. Mit dem neuen Verfahren hofft man, speziell den Nerven-Vernetzungen des Gehirns auf die Spur zu kommen. Denn mit DTI können die Hirnforscher die Ausbreitungseigenschaften von Wassermolekülen im Hirngewebe messen - und dadurch den Verlauf von Nervenfasern verfolgen: innerhalb einer Nervenfaser bewegen sich die Wassermoleküle nämlich in einer bestimmten Richtung, während sie sich im umliegenden Hirngewebe nach allen Seiten frei ausbreiten können. Dieser Unterschied schlägt sich in unterschiedlichen magnetischen Signalen nieder, die die Moleküle aussenden. So hoffen die Wissenschaftler herauszufinden, welche Hirnregionen bei Synästhetikern normalerweise über eine direkte Verbindung kommunizieren und welche nur über ein gemeinsam angesteuertes drittes Areal miteinander verbunden sind. Die DTI-Messungen des Instituts für Neuropsychologie der Universität Zürich haben gerade erst begonnen, eine genaue Analyse der ersten Daten steht noch aus. Doch noch 2005 wollen die Züricher Forscher erste Ergebnisse präsentieren.
Jakob Kneser
Stand: 21.10.2006
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