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Sendung vom 14. Juni 2005
Gespür für Gefahr – Sinne bei Tieren
Alles scheint normal und friedlich, aber die Tiere spielen plötzlich verrückt: Hunde bellen, Ratten rennen aus den Häusern und Schlangen kriechen aus ihren Erdhöhlen. Dann, wenige Stunden später: ein Erdbeben. Menschen aus verschiedenen Epochen und Kulturen erzählen von diesem Phänomen, einem seltsamen Verhalten der Tiere vor einem Erdbeben. Aber können Tiere ein nahendes Beben wirklich fühlen, riechen oder vielleicht sehen? Haben sie möglicherweise einen sechsten Sinn, der sie warnt? Und sollte man solchen Berichten überhaupt glauben?
Viele Tiere haben Sinne, die den Menschen fehlen - Fledermäuse orientieren sich mit Hilfe von Ultraschall, und einigen Schlangen verrät ein spezielles Infrarot-Organ, wo sich Beutetiere verstecken. Andere Sinne sind bei vielen Tieren besser entwickelt als beim Menschen, zum Beispiel der Geruchssinn bei Hunden. Doch welcher Sinn den Tieren ein nahendes Erdbeben verraten soll, ist schwierig herauszufinden. Forscher wissen bis heute wenig darüber, was sich Tage oder Wochen vor einem Beben im Boden abspielt - jedes Beben scheint anders zu verlaufen. Große Testreihen zu einem möglichen Erdbebensinn von Tieren lassen sich kaum durchführen, da schwere Beben zu selten sind. Auch die Berichte von Laien über ungewöhnliches Tierverhalten liefern den Wissenschaftlern keine sicheren Daten. Wie welche Tiere wann reagiert haben, oder ob den Beobachter nur seine Erinnerung täuscht, lässt sich daraus kaum entnehmen.
Manchmal können Wissenschaftler einen angeblichen sechsten Sinn der Tiere aber auch erklären. Zum Beispiel beim Seebeben vor Sumatra im Dezember 2004. Damals sind viele Tiere der riesigen Flutwelle - dem Tsunami - entkommen. Das berichten zum Beispiel Naturschutzbehörden aus Sri Lanka. Um den Tsunami vorauszusehen, brauchten die Tiere aber keine geheimnisvollen Fähigkeiten, sondern nur einen feinen Sinn für Erschütterungen. Bei einem Seebeben breiten sich die Erschütterungen im Boden viel schneller aus als im Wasser. In Sri Lanka kam schon zwei Stunden vor der Wasserwelle eine Bodenwelle an. Viele Tiere sind für solche Erschütterungen sehr empfindlich, zum Beispiel bodenlebende Reptilien oder auch Elefanten. Deshalb konnten sie möglicherweise schon vor der Ankunft des Tsunamis das Beben wahrnehmen und sich in Sicherheit bringen.
Bei Beben an Land bleibt den Tieren nicht so viel Zeit zur
Flucht. Denn wenn die Erde rumort, bewegen sich verschiedene Arten
von Wellen unterschiedlich schnell vom Zentrum des Bebens weg. Die
schnellsten Wellen haben noch wenig Zerstörungskraft. Die
eigentliche Katastrophe lösen Beben aus, die langsamer sind
und den ersten Wellen folgen. Sie sind es, die Höhlen,
Häuser und Brücken einstürzen lassen. Je nach
Entfernung vom Erdbebenzentrum kommen die leichten Wellen wenige
Sekunden bis einige Minuten vor dem schweren Beben an. Wer dann
empfindlich genug ist und weiß, was zu tun ist, ist im
Vorteil – wie die
Kängururatte, die im von Erdbeben
geplagten Kalifornien lebt. Dieser Nager hat einen feinen Sinn
für Erschütterungen. Der kann dem Tier helfen, innerhalb
weniger Sekunden nach den ersten Vorzeichen aus seinem Bau ins
Freie zu flüchten.
Warum Tiere schon Tage oder Wochen vor einem Erdbeben unruhig
werden sollen, bleibt noch rätselhaft. Warum springen zum
Beispiel Fische wie Welse lange vor einem Beben an der
Wasseroberfläche herum, wie viele Menschen berichten? Forscher
stellen darüber einige Vermutungen an, die mit den
elektrischen Feldern im Erdinneren zusammenhängen. Die
verändern sich bisweilen vor einem Erdbeben, und Welse
könnten das bemerken. Sie haben so genannte Ampullenorgane in
der Haut, mit denen sie elektrische Felder wahrnehmen können.
Normalerweise helfen ihnen diese Organe, Beute zu fangen oder sich
zu orientieren. Auch Tauben drängen Tage vor einem Erdbeben
aus dem Schlag ins Freie. Das könnte an einem Sinn liegen, der
ihnen normalerweise hilft, sich zu orientieren: Sie haben einen
inneren
Kompass, mit dem sie das Magnetfeld der Erde
wahrnehmen - und auch das kann sich vor einem Beben verändern.
Besonders häufig ist in Augenzeugenberichten aber von Hunden
oder Schweinen die Rede, die lange vor einem Beben in Panik geraten
und versuchen auszubrechen. Dabei haben sie weder elektrische noch
magnetische Sinne. Aber eine feine Nase. Auch die könnte
Hinweise auf Erdbeben geben, denn man hat einige Male beobachtet,
dass vor Beben verschiedene Gase frei werden und ins Grundwasser
und in die Luft gelangen.
Alexandra Hostert
Stand: 21.10.2006
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