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Quarks & Co
Sendung vom 14. Juni 2005
Die geheimen Verführer
Wahrnehmen, ohne es zu merken - lange Jahre konnten sich
Psychologen und Mediziner nicht vorstellen, dass das Gehirn
Informationen aufnimmt und verarbeitet, ohne dass das dem Menschen
ins Bewusstsein dringt. Doch inzwischen glauben viele
Wissenschaftler an die Existenz der so genannten "subliminalen
Wahrnehmung". Sie beschäftigen sich intensiv mit ihrer
Bedeutung für das Lernen, für die Gefühle und die
Steuerung des Verhaltens. Es gibt zum Beispiel visuelle Reize, die
nur 50 oder 80 Millisekunden lang andauern.
Nicht länger als ein Blitz und zu kurz für eine bewusste
Verarbeitung - man erinnert sich nicht an sie. Dennoch können
sie eine deutliche Wirkung auf eine spätere Wahrnehmung oder
späteres Verhalten haben. In vielen Untersuchungen stellten
Forscher fest, dass solche Eindrücke tatsächlich die
Reaktion auf einen danach folgenden und bewusst wahrgenommenen Reiz
beeinflussen.
Der schwedische Emotionsforscher Arne Öhmann vom Karolinska Institut in Stockholm präsentierte männlichen Versuchsteilnehmern Bilder schöner Frauen. Jedem dieser Bilder schickte er für einige Millisekunden das Bild einer Schlange, einer Spinne oder wiederum einer schönen Frau voraus. Das erstaunliche Ergebnis: Diejenigen Frauen, vor deren Bild ganz kurz Reptilien oder Insekten aufblitzten, wurden als weniger attraktiv beurteilt als die, denen das Frauenporträt vorausging. Die Fachleute nennen diesen Vorgang "unbewusstes Priming". Priming heißt soviel wie Vorbereitung oder Anbahnung. Vorbereitet oder angebahnt wird eine bestimmte Reaktion, in diesem Fall das Urteil über die Frau: Tiere, die eher als unangenehm empfunden werden, wie die Schlange oder die Spinne stellen einen unbewussten Hinweis dar, der das Urteil prägt.
Doch nicht nur Bilder wirken - sogar Wörter und Begriffe,
die blitzartig auftauchen, können die Wahrnehmung
beeinflussen. In einer aktuellen Studie von Jens Förster,
International University Bremen, zusammen mit der University of
Missouri-Columbia in Amerika, wird die Auswirkung von
Alkohol-Begriffen auf die Urteile männlicher
Versuchsteilnehmer untersucht.
Wohlgemerkt: Es geht nur um Wörter, und dann auch noch um
solche, die nur 80 Millisekunden lang erscheinen - Begriffe wie
Cocktail, Rum, Wein oder Schnaps. Die Versuchsteilnehmer werden
zunächst gebeten, einen Reaktionstest zu machen. Sie sehen
Blitze auf einem PC-Monitor und sollen darauf möglichst
schnell reagieren, indem sie mit der rechten oder linken Hand eine
bestimmte Taste drücken. Es folgt ein Bildertest:
präsentiert werden den Männern 21 Fotografien von Frauen
mit unterschiedlichen Gesichtszügen und verschiedener
ethnischer Herkunft. Die Versuchsteilnehmer sollen jetzt die
Attraktivität der Frauen auf einer Neun-Punkte-Skala bewerten.
Der Trick dabei: Die Blitze des Reaktionstests haben bei einer
Gruppe von Probanden Alkohol-Worte enthalten, bei einer anderen die
Bezeichnungen nicht-alkoholischer Getränke wie Kaffee, Wasser
oder Tee.
Die Ergebnisse der amerikanischen Kollegen der Bremer Arbeitsgruppe sind bereits ausgewertet. An der Universität von Missouri-Columbia machten 82 Männer im Alter zwischen 18 und 27 Jahren den Bilder- und Reaktionstest. Ergebnis:Die Versuchsteilnehmer, denen Alkohol-Bezeichnungen präsentiert wurden, bewerten die Frauenfotos positiver. Allerdings funktioniert dieses Alkohol-Priming nur bei Männern, die glauben, dass Alkohol ihren Sextrieb steigert. Wer der Ansicht ist, Alkohol dämpfe den Trieb, bewertet die Frauenfotos sogar deutlich negativer als der Durchschnitt. Ron Friedman von der Universität von Missouri-Columbia findet das Ergebnis Besorgnis erregend: "Erwartungen, die wir mit Alkohol verbinden, können aktiviert werden, obwohl es uns nicht oder kaum bewusst wird."
Unbewusste Urteile können das Verhalten beeinflussen – und das, was Männer und Frauen übereinander denken. Die Forscher der Uni Bremen haben in einer anderen Studie einen Vorurteils-Test eingesetzt, um herauszufinden, welche Geschlechter-Klischees in den Köpfen von Männern und Frauen herumgeistern.
Georg Wieghaus
Stand: 21.10.2006
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