Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 12. Juli 2005
Mangelware: Wasser
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben weltweit etwa 1,1 Milliarden Menschen keine verlässliche Versorgung mit sauberem Wasser. Das heißt, diese Menschen können sich innerhalb eines Umkreises von einem Kilometer nicht mit genügend Trinkwasser (mind. 20 Liter pro Tag und Person) versorgen. Besonders vom Trinkwassermangel betroffen sind Entwicklungs- und Schwellenländer. Dort trifft es die ländliche Bevölkerung am schlimmsten. In vielen Regionen müssen die Menschen täglich mehrere Kilometer weit gehen um an einige Eimer Wasser zum Trinken und Kochen zu gelangen. Denn in vielen Gebieten gibt es nicht genügend Grundwasser um Brunnen zu bohren. Alternative Methoden der Trinkwassergewinnung könnten die Probleme mildern. Aber auch reiche Länder haben – je nachdem in welcher Region sie liegen – große Probleme ihre Bevölkerung mit genügend Trinkwasser zu versorgen. Ihnen gelingt es aber durch den Einsatz ihrer finanziellen Mittel den Mangel zu beseitigen.
Mitte der 80er Jahre gingen Schätzungen davon aus, dass
Oberflächen- und Grundwasserreserven in Saudi-Arabien bei
steigendem Wasserverbrauch nur bis zum Jahr 2019 ausreichen
würden. Keine Idee schien den Saudis absurd genug um das
Problem zu lösen. Ein saudischer Prinz finanzierte
Forschungen, die die Nutzung von Eisbergen zur Wasserversorgung in
Saudi-Arabien untersuchten. Aufgrund schlechter Erfolgsaussichten
wurden diese Forschungen eingestellt. Recht schnell erkannte man,
dass der einzige Weg die Bevölkerung mit ausreichend
Trinkwasser zu versorgen die
Meerwasserentsalzung war. Die Saudis
begannen massiv in die Meerwasserentsalzung zu investieren. Alleine
eine Anlage für eine Kapazität von 160 Millionen
Kubikmeter Wasser pro Jahr kostete den Wüstenstaat 1990 rund
1,4 Milliarden Dollar. Ziel war, es bis zum Jahr 2000 die
Produktion auf 1,85 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zu erhöhen.
Dies wurde nicht erreicht. Trotzdem gewinnt Saudi-Arabien heute mit
seinen Meerwasserentsalzungsanlagen mehr Trinkwasser als jede
andere Nation der Welt. Eine ausreichende Wasserversorgung hat in
Saudi-Arabien höchste wirtschaftliche und politische
Priorität. Informationen über den derzeitigen Stand der
Entwicklung werden deshalb als Geheimnisse der nationalen
Sicherheit behandelt.
Für ärmere Nationen ist die Meerwasserentsalzung
aufgrund der enormen Kosten keine reelle Möglichkeit den
Trinkwasserbedarf zu decken. Sie sind darauf angewiesen die
natürlichen Süßwasserressourcen effizienter zu
nutzen. Große Teile Indiens leiden unter Wassermangel, denn
dort regnet es gewöhnlich nur im Sommer. Dann bringt der
Südwestmonsun das kostbare Nass, das in
vielen Gegenden neun Monate lang nicht vom Himmel fällt. In
Indien lieferte dieser Monsunregen jahrhundertelang das
lebensnotwendige Wasser. In großen Becken, Wassertanks und
künstlichen Seen sammelten die Menschen den Regen. So gelang
es ihnen selbst in der Wüste Thar im Nordwesten des Landes
genügend Wasser zu sammeln um den Bedarf für das gesamte
Jahr zu decken. Das in Seen angestaute Wasser versickerte langsam
im Boden und speiste so das Grundwasser. Die Brunnen lieferten so
in den trockenen Monaten den nassen Segen.
Doch die indische Regierung hat versucht die Wasserversorgung zu modernisieren und zentral zu regeln. In den vergangenen Jahrzehnten baute der Staat zahlreiche Staudämme, um auch die trockenen Regionen ganzjährig mit Wasser zu versorgen. Die Menschen haben sich fast blind auf die moderne Technik verlassen. Doch das staatliche System hat versagt. Die traditionellen Wassersammelsysteme sind infolge dessen in vielen Orten zusammengebrochen.
Und auch die Neubildung von Grundwasser wurde dadurch verhindert. Die staatlichen Vorräte reichten nicht, um in den Trockenperioden genügend Wasser zu liefern. Heute besinnt man sich in vielen Gegenden zurück auf die jahrhunderte alte Tradition des Regenwassersammelns. Umweltorganisationen, wie das Center for Science and Environment ( CSE ), haben schon vor über 20 Jahren damit begonnen die Tradition des Sammelns von Regenwasser zu dokumentieren. Heute wird dieses Wissen genutzt, um den Menschen die Verantwortung für ihr Wasser zurückzugeben.
Auch in der Atacama-Wüste in Chile ist Wassermangel an der
Tagesordnung. Obwohl die Region direkt an der Pazifikküste
liegt, ist sie eine der trockensten Landstriche der Erde. Wenn
jedoch morgens das kalte Wasser des
Humboldt-Stroms auf warme Luft vom
Festland stößt, entsteht Nebel. Dieser zieht am
Vormittag über das Land.
Seit Ende der 80er Jahre hat man dieses Nebelwasser für die Menschen nutzbar gemacht. In der Nähe des kleinen Fischerdorfs Chungungo auf dem Hügel unweit der Küste hat eine kanadische Hilfsorganisation Netze aufgestellt, die den Nebel fangen. Wenn der Nebel durch die Netze zieht, kondensiert er an den Maschen. Tropfen für Tropfen fließt er in eine Rinne und anschließend in ein großes Becken. Von dort fließt das Wasser über Rohre ins Dorf. Mit 72 Netzen, die jeweils eine Fläche von 48 qm haben, gelingt es so etwa 12.000 Liter Trinkwasser pro Tag zu sammeln. Rund 30 Liter stehen jeder Person in Chungungo täglich zur Verfügung. Die Wartung der Anlage ist sehr einfach, alle Materialien sind in Chile preiswert erhältlich. Die Hilfsorganisation hat nach wenigen Jahren ihre Arbeit beendet. Heute führen die Bewohner des Dorfes die Anlage in Eigenregie.
Ein Problem, das häufig mit Wassermangel einhergeht: das wenige Wasser ist nicht sauber: Insgesamt haben 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Tag für Tag sterben 6000 Kinder auf der Welt, weil das Trinkwasser verschmutzt und mit Keimen belastet war. Helfen können da mobile Wasseraufbereitungsanlagen. Sie machen praktisch jedes Wasser zu reinem Trinkwasser. Viren, Bakterien, Chemikalien und sogar nukleare Verunreinigungen holen die Anlagen aus dem Wasser - und das ganz ohne chemische Zusatzstoffe. Das verunreinigte Wasser wird durch eine semipermeable Membran gepresst. Die Verunreinigungen bleiben an der Membran hängen, das Wasser aber gelangt hindurch. Ein sogenanntes Umkehr-Osmose Verfahren. Die Poren der Membran sind nur 0,0001 Mikron (= 0,0001 Mikrometer; 1 Mikrometer ist ein tausendstel Millimeter) klein und damit viel kleiner als Viren oder gar Bakterien.
Frank Endres
Stand: 12.07.2005
Seite teilen