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Sterben von Anfang an

Bauplan mit kalkuliertem Tod

  • SendeterminDienstag, 06. September 2005, 21.00 - 21.45 Uhr .

In den ersten Tagen sind alle gleich

Foto: Samen- und Eizelle
Samenzellen versuchen, in die Eizelle einzudringen

Alles beginnt mit dem Zusammenschluss von nur zwei Zellen: der größten und der kleinsten Zelle des Menschen. Die Eizelle der Frau und das Spermium des Mannes. Mit dem Verschmelzen entsteht die so genannte Zygote, aus ihr sollen einmal Billionen von Zellen werden. Eine gewaltige Aufgabe, für die nur neun Monate Zeit sind. In den ersten Tagen nach der Befruchtung sind die sich etwa alle 15 bis 20 Stunden teilenden Zellen noch identisch. Doch im Lauf der Menschwerdung sollen daraus einmal Nerven-, Haut- oder Muskelzellen entstehen: über 200 verschiedene Zellarten werden für den komplexen Aufbau des menschlichen Organismus benötigt.

Das Leben nimmt Formen an

Foto: Embryo
Ein rund vier Wochen alter Embryo

Schon nach einem Monat ist ein etwa 6 Millimeter großes Wesen entstanden, das noch mehr einem Urzeittierchen als einem Menschen ähnelt. Der Embryo wächst jetzt pro Tag einen Millimeter. Und schon jetzt hat jede Zelle ihre spezifische Aufgabe: Ein winziges Herz schlägt und pumpt das Blut durch den winzigen Körper. Mit Hilfe eines Ultraschallgeräts ist sogar schon die Tätigkeit beider Herzhälften sichtbar zu machen. Zu Beginn des zweiten Monats entwickeln sich die Anlagen für Arme, Beine, Hände und Füße. Eine gute Woche später sind die Strahlen der Finger in der Handanlage zu erkennen. Doch dann gibt es in der Weiterentwicklung ein Problem: Wenn sich die Zellen einfach nur weiter teilen, ist die Entwicklung der Hände und Füße nicht abzuschließen.

Zellen werden in den Tod geschickt

Animation: Entwicklungsstadien der Hand
Entwicklungsstadien der Hand

Die Entwicklung des Embryos, die bisher offensichtlich von ständigem Zellwachstum geprägt war, steht an einem Punkt, wo Wachstum allein keine Lösung mehr bietet. Der Bauplan für die Hand benötigt jetzt nicht noch mehr Zellen, sondern scheinbar genau das Gegenteil - den Tod von eben erst gebildeten Zellen. Nach etwa sechs Wochen sehen die Hände des Embryos noch wie kleine Paddel aus. Kurz danach sind einzelne Finger zu erkennen, die jedoch mit einer Art Schwimmhaut verbunden sind. Für eine funktionierende Hand müssen die Zellen dieser Schwimmhäute sterben. Und das tun sie – in ihnen läuft in dieser Zeit eine Art vorprogrammierter Selbstmord ab. Nur so werden die einzelnen Finger beweglich. Genauso läuft es mit den Zehen - innerhalb nur weniger Tage sterben tausende von Zellen der Haut, die die Zehen verbunden hat. Um den Tag 52, also gut sieben Wochen nach der ersten Zellteilung, ist das Sterben der Schwimmhäute an Händen und Füßen weitgehend beendet, jetzt müssen die Hände und Füße wieder weiter wachsen. Kurz darauf kann man schon im Ultraschall entdecken, wie der Daumen des inzwischen zum StichwortFetus herangereifte Embryos seinen Weg zum Mund findet - eine für alle Beteiligten beruhigende Entdeckung.

Die Augen: erst trüb, dann klar

Animation: Entstehung eines Auges
So entsteht ein Auge

Aber nicht nur bei der Konstruktion von Händen und Füßen spielt der Zelltod eine ganz bedeutende Rolle. Auch die Augäpfel könnten ohne gezielten Selbstmord nicht vollständig gebildet werden und unser Blick wäre im wahrsten Sinne des Wortes getrübt. Die Augen entwickeln sich aus einer einfachen Einstülpung der Haut zu einem komplexen Sinnesorgan. Auch hier werden Schritte erst getan, dann zurückgenommen: Die Zellkerne in der ausgebildeten Linse müssen sterben, damit die Linse durchsichtig wird und wir sehen können. Würde dies nicht geschehen, müsste der Säugling mit einem angeborenen StichwortGrauen Star auf die Welt kommen und wäre praktisch blind.

Bauprinzip Überfluss auch im Gehirn

Auch in dem noch kleinen Gehirn wird gerade Unglaubliches vollbracht. Pro Minute entstehen über 500.000 Nervenzellen. Und sie vernetzen sich untereinander mit Schaltstellen, so genannten StichwortSynapsen. In Spitzenzeiten werden in bestimmten Hirnregionen 1,8 Millionen Synapsen pro Sekunde erzeugt. Kein Wunder, dass dabei auch mal was daneben gehen kann. Vereinfacht ausgedrückt gibt es Nervenzellen, die das ihnen vorbestimmte Ziel nicht finden. Andere kommen zwar am Ziel an, aber zu spät. Alle Kontakte zu benachbarten Nervenzellen sind schon besetzt. Diese Zellen sind unnütz und begehen deshalb Selbstmord. Je nach Hirnregion gehen zwischen 35 und 80 Prozent der Nervenzellen zu Grunde. Das große Sterben im Nervensystem beginnt schon in den ersten Wochen der Entwicklung und hält bis weit nach der Geburt an. Wenn der Säugling also das erste Mal das Licht der Welt erblickt, hat sein Organismus schon Millionen von Zellen in den Tod geschickt – ohne das fortwährende Sterben gäbe es keine Entwicklung.

Stichwörter

1 Fetus
Als Fetus oder Fötus bezeichnet man den menschlichen Embryo nach der 8. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt. Ab diesem Zeitpunkt sind die Anlagen der inneren Organe ausgebildet. Zurück zum Absatz
2 Grauen Star
Der Graue Star ist eine Trübung der Augenlinse, die im gesunden Auge durchsichtig ist. Die Trübung kann entweder nur einen Teil oder aber die gesamte Linse betreffen. Die häufigste Ursache des grauen Stars bei Erwachsenen ist die schlechtere Nährstoffversorgung der Linse im Alter. Zurück zum Absatz
3 Synapsen
Synapsen sind die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen oder zwischen Nervenzellen und Muskel- oder Sinneszellen. Sie sind für die Signal-Übertragung zuständig. Bei den meisten Synapsen geschieht das mit Hilfe der Chemie: sie wandeln ein elektrisches Signal in ein chemisches Signal um. Dabei schütten sie Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter aus, die die signalempfangende Zelle anregen und dort wieder Reize auslösen. Zurück zum Absatz
:

Falko Daub

Stand: 22.10.2006


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Eine Reise durch den virtuellen Körper zeigt den Takt der Erneuerung: insgesamt sind es 50 Millionen Zellen pro Sekunde! [mehr]


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