Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 06. September 2005
Unsterbliche Hydra
Es gibt ein Lebewesen, das tatsächlich unsterblich ist, und es lebt direkt vor der Haustür: die Hydra, ein nur wenige Millimeter großer Süßwasserpolyp. Das unscheinbare Hohltier lebt in heimischen Teichen, Seen und Flüssen, wo es in Massen auf Blättern und Stängeln von Unterwasserpflanzen sitzt. Dort fischt es mit seinen Tentakeln nach Nahrung. Der Süßwasserpolyp ist eines der primitivsten Lebewesen überhaupt und hat das Unglaubliche geschafft: nie zu sterben. Als einziger Mehrzeller hat die Hydra ein perfektes System der Runderneuerung entwickelt. Indem der Polyp ständig alte Zellen abtötet und neue Zellen bildet, erneuert er sich fortlaufend. Im Labor beobachtet man seit Anfang der fünfziger Jahre Exemplare, die immer noch so jung wie am ersten Tag sind - die Hydra wird nie alt.
Dabei ist die Hydra klein, nackt und hat viele Feinde. Außerdem hat der Polyp mit denselben Problemen zu kämpfen wie Menschen: Schadstoffe in der Umwelt greifen seine Zellen an, Giftstoffe sammeln sich in seinem Körper, Strahlung verändert sein Erbgut. Doch anstatt Schäden in den Zellen zu reparieren, tötet die Hydra sie ab und ersetzt sie in rasantem Tempo. Alle fünf Tage erneuert sich das Tier, das Gewebe ist in ständigem Fluss. Zeitlebens entstehen neue Stammzellen – Zellen, aus denen neue Zelltypen für ganz unterschiedliche Organe entstehen können. Aus ihnen entwickeln sich später sämtliche anderen Zelltypen, die der Organismus braucht. Sie wandern durch den Körper und ersetzen die alten Zellen, die am Fuß und an den Tentakeln des Tieres abgestoßen werden. Die Hydra kann sogar Nervenzellen erneuern – einmalig im Tierreich!
Wenn man die Hydra gut füttert, verdoppelt sie innerhalb von drei bis dreieinhalb Tagen die Anzahl ihrer Zellen. Anstatt jedoch immer größer zu werden, bildet das Tier Knospen. Am Körper der Mutter entsteht ein kleiner Baby-Polyp, der innerhalb von zwei bis drei Tagen so weit herangewachsen ist, dass er sich abtrennen und sein eigenes Leben beginnen kann. In guten Zeiten kann auf diese Weise ein neuer Polyp pro Tag entstehen. In schlechten Zeiten wächst das Tier nicht und bildet auch keine Knospen. Trotzdem läuft die Zellproduktion unvermindert weiter. Es werden einfach mehr Zellen abgetötet und "recycelt"; also zersetzt und vom Körper wieder aufgenommen. Diese ständige Neuproduktion der Zellen braucht jedoch Energie, und so wird das Tier während der Hungerphasen langsam kleiner. Trotzdem erhält die Hydra auch in schlechten Zeiten den Mechanismus von Zell-Neubildung und Zelltod aufrecht, um das Altern zu vermeiden.
Die Hydra ist ein sehr einfaches Lebewesen, neben den Schwämmen eines der primitivsten mehrzelligen Tiere überhaupt. Sie besitzt nur drei verschiedene Stammzell-Linien. Aber anders als die primitive Hydra haben höher entwickelte Tiere viel mehr und differenziertere Zelltypen, aus denen ihr Organismus aufgebaut ist. Und der menschliche Körper ist sehr kompliziert, deswegen funktioniert die ständige Erneuerung bei uns nicht.
Doch Wissenschaftler sind fasziniert von der Hydra-Strategie und versuchen herauszufinden, warum diese ständige Erneuerung so perfekt funktioniert. Denn das Erstaunliche ist, dass es keine Entgleisungen gibt, zum Beispiel keinen Krebs. Krebs ist ein unkontrolliertes Zellwachstum, das normales Gewebe verdrängt oder zerstört. Die Krebszellen ignorieren die Bremssignale des Körpers, weil die Gene für den Empfang dieser Signale verloren gegangen sind oder abgeschaltet wurden. Bei der Hydra passieren solche genetischen Pannen trotz wilden Zellwachstums nicht. Ein Erklärungsversuch dazu besagt, dass die Zellen des Polypen so schnell eliminiert werden, dass es erst gar nicht zu Krebs kommen kann. Die Überlebensstrategie der Hydra kann somit viel zum Verständnis von Krankheiten und Alterungsvorgängen beim Menschen beitragen.
Tristan Chytroschek
Stand: 22.10.2006
Seite teilen