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Quarks & Co
Sendung vom 06. September 2005
Der Traum von Unsterblichkeit
Am Sterben führt bisher kein Weg vorbei - Umweltgifte setzen unseren Zellen zu. Strahlung verändert unser Erbgut. Abfallprodukte des Stoffwechsels lagern sich in unseren Körpern ein. Dieses Bombardement schädlicher Einwirkungen verursacht Defekte, die zum Absterben von Zellen, zum Verlust von Körperfunktionen und schließlich zum Tod führen. Altern und Tod sind also das Ergebnis einer Ansammlung von Defekten – anders gewendet: ein Versagen des Immunsystems, das die Schäden nicht reparieren kann.
Mehrzellige Organismen sind möglicherweise genetisch darauf programmiert, die Reparatur ihrer Körper zu vernachlässigen, und so Altern und Sterben zuzulassen. Um Zellschäden zu beseitigen, setzen Organismen viele Enzyme ein, die Giftstoffe aus den Zellen abtransportieren und ausscheiden. Forscher haben Gene entdeckt, die die Produktion dieser Enzyme kontrollieren und zum Teil abschalten. Diese Gene bremsen damit das Immunsystem und sparen so Energie, die der Körper dann zum Beispiel in die Fortpflanzung investieren kann. Möglicherweise hat also die Evolution Individuen begünstigt, die Energie aus ihrem Reparatursystem in ein aktiveres Reproduktionssystem umgeleitet haben. Altern und Sterben wäre somit genetisch vorprogrammiert und kein Zufall.
Tatsächlich sind Wissenschaftler dem Todesprogramm auf der Spur. 1988 bemerkte Tom Johnson an der Universität von Kalifornien in Irvine, dass eine Veränderung in einem einzigen Gen, AGE-1, Fadenwürmer bis zu 70 Prozent länger leben ließ. Seine Ergebnisse stießen in der Fachwelt auf Unglauben. Doch fünf Jahre später, im Dezember 1993, publizierte Cynthia Kenyon an der Universität von Kalifornien in San Francisco eine ähnlich aufregende Entdeckung: Sie fand heraus, dass Veränderungen in einem anderen Gen, DAF-2, Fadenwürmer doppelt so lang leben ließ wie normal. Immer noch waren die Kritiker skeptisch. Aber der Beweis für Todes-Gene wurde immer stärker: 2003 entdeckte Martin Holzenberger am Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale in Paris, dass Mäuse mit einer Mutation im Gen IGF-1R im Schnitt 26 Prozent länger lebten als ihre nicht mutierten Artgenossen. Dies war das erste Mal, dass die Wirkung einer solchen Mutation bei Säugetieren festgestellt werden konnte. Und was für Mäuse gilt, gilt möglicherweise auch für Menschen: Wir sind genetisch zum Sterben programmiert.
Wenn der Tod also genetisch bedingt ist, kann man ihn dann auch verhindern? Im Jahr 2000 hat Cynthia Kenyon eine Firma gegründet: Elixir Pharmaceuticals, die sich auf die Entwicklung von Therapien gegen das Altern spezialisiert. Durch Erkenntnisse, die sie bei Würmern gewonnen hat, möchte Kenyon zunächst altersbedingte Krankheiten wie Diabetes, neurodegenerative Krankheiten und Krebs therapieren. Auf lange Sicht will sie aber den Tod an sich hinauszögern. Damit ist sie in guter Gesellschaft: In den USA ist eine Gruppe von Unternehmern aktiv, die an Zukunftswissenschaft interessiert ist und unter anderem die bemannte Raumfahrt sponsert. Sie hat das "Institute of Biomedical Gerontology" gegründet, eine Einrichtung, die das "Problem" des Todes erforschen - und beseitigen soll. Dazu haben die Initiatoren 2003 einen Preis ausgelobt, den Methusalem-Maus-Preis: eine Million Dollar für den, der entweder die Lebensspanne einer Maus in bisher unerreichte Dimensionen verlängert oder eine alte Maus jünger machen kann.
Chef-Wissenschaftler der Einrichtung ist Aubrey de Grey – kein ausgewiesener Alters-Spezialist, sondern von Haus aus Mathematiker. Der selbst ernannte Gerontologe de Grey hat sieben Todbringer identifiziert und will sie nach und nach beseitigen. Für ihn ist der Tod nur ein technisches Problem, das durch vermehrte Anstrengungen der Wissenschaft beseitigt werden kann. Unter etablierten Altersforschern hat de Grey allerdings einen zweifelhaften Ruf – die Arbeit seines Instituts ist mehr als umstritten. Felipe Sierra, Programm-Direktor am US-amerikanischen National Institute of Aging, sagt zum Beispiel, dass "das größte Problem mit diesen Rezepten für radikale Lebensverlängerung ist, dass sie viele komplexe Komponenten haben, und dass wir immer noch weit davon entfernt sind, sie zu verstehen oder gar ihre Zusammenhänge zu begreifen."
Tristan Chytroschek
Stand: 22.10.2006