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Quarks & Co
Sendung vom 20. Dezember 2005
Jenseits des Universums
Die Erde ist nicht das Zentrum der Welt, sondern nur ein
einzelner, kleiner Planet in einem riesigen
Sonnensystem. Das wissen wir seit langem.
Auch unsere Sonne ist nur eine von vielen
Sonnen in der Milchstraße. Und selbst die
Milchstraße ist nur eine kleine Galaxie
neben unendlich vielen anderen
Galaxien in einem unfassbar großen
Universum. Und Physiker glauben heute, dass
auch das Universum nur ein winziges, unbedeutendes Teilchen in
einem noch viel größeren Gebilde ist! Das ist eine echte
Herausforderung für die menschliche Vorstellungskraft: man
rechnet darin nämlich nicht nur mit den drei Raum-Dimensionen,
die wir kennen, nämlich Länge, Breite und Höhe.
Für eine Vorstellung von der Natur des Universums sind
mindestens vier Dimensionen erforderlich: Es kommt die Zeit noch
dazu. Nach den Vorstellungen der Fachleute soll das Universum einem
Topf mit kochendem Wasser ähneln: Durch spontane
Energie-Sprünge - so genannte Raum-Zeit-Fluktuationen - bilden
sich ständig kleine Bläschen heraus, die rasch
expandieren. Und unser Universum befindet sich an der
Oberfläche eines solchen Bläschens, das vor 15 Milliarden
Jahren entstanden ist und seither ununterbrochen expandiert.
Unendlich viele andere Blasen-Universen entstehen, expandieren,
kollabieren, platzen und kollidieren miteinander. Das ist die
interkosmische Suppe, genannt Multiversum.
Welche Naturgesetze in den anderen Blasen-Welten herrschen,
entscheidet der physikalische Zufall. Einige Welten sind vielleicht
aus
Antimaterie aufgebaut. In anderen
könnten Raum oder Zeit auf merkwürdige Weise verformt
sein. Bizarre Phantasien von Science-Fiction-Autoren, wie Spiegel-Welten oder
Rückwärts-Welten, in denen die Zeit rückwärts
läuft, könnten theoretisch in unserer Nachbarschaft
wirklich existieren. Auch Welten, die sich von unserer kaum
unterscheiden und in denen möglicherweise sogar unsere
Doppelgänger leben, wären prinzipiell denkbar. Die
Physiker glauben allerdings, dass es in den meisten Blasen-Welten
überhaupt keine Materie gibt. Wenn eine Blase nur ein wenig
langsamer oder schneller als unsere expandiert, dann ist sie
entweder zu heiß und zu dicht oder, im Gegensatz dazu, zu
kalt, als dass sich dort die Bausteine des Lebens hätten
bilden können.
Nicht nur Science-Fiction-Autoren, sondern auch viele Forscher
glauben, dass es zwischen den einzelnen Blasen-Universen
Verbindungen gibt, die uns eine Reise in Parallelwelten
ermöglichen könnten. Diese Idee geht auf
Albert Einstein zurück. Nach seiner
Relativitäts-Theorie sind Raum und Zeit elastisch wie Gummi.
Unter dem Einfluss der Masse wird das Raum-Zeit-Kontinuum
gekrümmt. Schon kleinere Sterne können durch ihre
Schwerkraft eine messbare Delle im Raum verursachen. Verdichtet
sich Materie besonders stark, wie etwa nach der Explosion eines
Sterns, wird diese Delle tiefer: Ein
Schwarzes Loch entsteht. Die extreme
Gravitation führt dazu, dass aus der
Verformung im Raum-Zeit-Gefüge ein Tunnel entsteht. Dieser
Tunnel, die so genannte Einstein-Rosen-Brücke, führt
möglicherweise in ein Parallel-Universum! Eine verlockende
Reisemöglichkeit: Man könnte in den Tunnel von einer
Seite eintauchen und schon in wenigen Augenblicken in einem anderen
Universum sein. Das einzige Problem dabei wäre die extreme
Gravitation im Inneren des Tunnels. Sie würde den Reisenden in
kleinste Stückchen zerquetschen.
Erst in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts haben Physiker
eine andere Möglichkeit für Reisen in die Parallelwelten
gefunden und zwar in allerwinzigsten Größenordnungen
– so klein, dass sie mit Mikroskopen nicht mehr zu erkennen
sind. Nach den Gesetzen der Quantenmechanik ist das Vakuum in
ultrakleinen Dimensionen nicht leer. In jedem Kubikmillimeter
bilden sich ständig winzige Verformungen und Mini-Tunnel durch
die Raumzeit, so genannte Wurmlöcher. Obwohl sie unscheinbar
aussehen, können sie theoretisch Millionen von
Lichtjahren überbrücken.
Entfernungen spielen für sie keine Rolle. Das Problem bei den
Wurmlöchern ist: Sie sind extrem klein und kurzlebig. Einen
Massetransport können sie nicht leisten. Der amerikanische
Physiker Kip Thorne berechnete jedoch, dass man solche winzigen
Wurmlöcher künstlich ausdehnen und stabilisieren
könnte! Allerdings ist die Zeit für solche Manipulationen
noch nicht reif: Man benötigt dafür mehr Energie, als auf
der ganzen Erde überhaupt zur Verfügung steht.
Für den russischen Astrophysiker Sergej Krasnikov ist das jedoch kein Grund, die Hoffnung auf Raum-Zeit-Reisen aufzugeben: Er berechnete, dass einzelne Wurmlöcher, die noch in den Zeiten des Urknalls entstanden sind, zusammen mit dem Universum expandieren und sich selbst stabilisieren können. Ein ganzes Tunnelnetz von Verbindungen zwischen den Blasen-Welten wäre denkbar! Solche Wurmlöcher wären groß genug, dass ein Mensch oder sogar ein Raumschiff sie durchfliegen könnte. Man müsste also nur noch die Eingänge finden.
Da im Innern der Wurmlöcher nicht nur Raum, sondern auch Zeit gekrümmt sind, dauerte die Reise durch ein solches Loch nur wenige Augenblicke. Niemand könnte aber vorhersagen, an welcher Stelle man wieder herauskäme: Ein Parallel-Universum als Austrittsort wäre ebenso wahrscheinlich wie die Bushaltestelle zwei Straßen weiter.
Juri Klebanov
Stand: 22.10.2006
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