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Sendung vom 24. Januar 2006
Wenn Knochen erzählen
Dass die Menschen der Vergangenheit ein Volk von Zwergen gewesen sein müssen – dieser Gedanke hat wohl schon jeden beschlichen, der schon mal zu Besuch in einer mittelalerlichen Burg war und sich über die niedrigen Türen, winzigen Betten oder kleinen Rüstungen gewundert hat. Und deshalb ist es gängige Meinung, dass die Menschen im Lauf der Geschichte konstant größer geworden sind. Ob das wirklich stimmt, ist aber fraglich, und entsprechende Untersuchungen schwierig. Denn es gibt große Unterschiede zwischen einzelnen Regionen und Bevölkerungsgruppen. Um die Entwicklung des Größenwachstums wirklich beurteilen zu können, braucht man also eine Reihe von Knochenfunden aus derselben Gegend, und zwar über eine lange Zeit. Das gibt es nur ganz selten – doch zu den Glücklichen, die eine lückenlose Dokumentation von Knochenfunden in ihrer Gegend aufweisen können, gehören die Paläoanthropologen der Universität Jena.
An lebenden Menschen gewonnene Messdaten gibt es erst seit dem späten 19. Jahrhundert. Um die Größe vergangener Generationen zu bestimmen, müssen daher Knochen herhalten, die aus Ausgrabungen des Thüringischen Landesamts für archäologische Bodendenkmalpflege in Weimar stammen. Eine detektivische Puzzlearbeit, denn selten sind die Skelette vollständig erhalten. Deshalb muss die Körpergröße , anders als bei lebenden Menschen, anhand von langen Knochen wie dem Oberschenkelknochen mühsam rekonstruiert werden. Mehr als zweitausend Skelette von Männern, Frauen und Kindern hat das Jenaer Anthropologen-Team um Dr. Lutz Finke bislang vermessen. Sie alle stammen aus dem Mittelelbe-Saale-Gebiet, einem relativ geschlossenen Siedlungsraum zwischen Elbe, Saale und Unstrut und dem Thüringer Wald. Seit über 7.000 Jahren haben Menschen diese Gegend durchgängig bewohnt.
Aus der frühen Jungsteinzeit, ca. 5.000 v. Chr., stammen die ältesten Knochen, die Finke und sein Team vermessen haben. Der durchschnittliche Mann dieser Zeit kommt nach den Berechnungen der Anthropologen auf eine Körpergröße von 165,8 cm, die durchschnittliche Frau auf 156, 6 cm – knapp 15 cm unter der Durchschnittsgröße von heute.
In den folgenden Jahrtausenden wachsen die Menschen: 3.000 Jahre später, in der Bronzezeit, hat die mittlere Körpergröße schon um fast 5 Zentimeter zugenommen: Männer sind jetzt rund 1,70 groß, Frauen etwa 1,60.
Der Trend hält sich bis in die ersten Jahrhunderte nach der Zeitenwende: zur Zeit der Völkerwanderung im 5. bis 6. Jahrhundert n. Chr. kommen die Männer im Mittelelbe-Saale-Gebiet sogar auf eine Größe von 172,3 Zentimeter.
Doch dann machen die Forscher eine erstaunliche Entdeckung: im Hochmittelalter, der Zeit zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert n. Chr., stagniert das Wachstum bei ca. 170 Zentimetern, auch wenn es regionale Schwankungen nach unten oder oben gibt. Die Tendenz wird immer eindeutiger: im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit nimmt die Durchschnittsgröße der Menschen sogar ab.
Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert sind die Männer durchschnittlich nur noch etwa 169 Zentimeter groß. Und der Trend setzt sich fort: die Thüringischen Rekruten um 1890 bringen es nur auf eine durchschnittliche Körpergröße zwischen 165,9 und 167,1 cm – damit sind sie in etwa so groß wie ihre Vorfahren knapp 7.000 Jahre zuvor!
Erst seit dem späten 19. Jh. kehrt sich der Trend wieder um und die Menschen werden im Mittel wieder größer:
Seitdem kommen in Deutschland, aber auch in anderen westlichen Ländern, Neugeborene mit einer immer höheren Geburtslänge (und mit mehr Geburtsgewicht) zur Welt. Man kann also sagen: wirklich größer werden wir erst seit guten 100 Jahren!
Nach Ansicht der meisten Anthopologen sind Umweltveränderungen der Grund für das neue Wachstum: gesündere Ernährung, verbesserte hygienische Verhältnisse oder medizinische Versorgung. Entscheidend verändert haben sich diese Bedingungen erst innerhalb der letzten gut hundert Jahre, aber auch die vergleichsweise geringen Schwankungen der Körpergröße in den vergangen Jahrtausenden können auf die Veränderung der Lebensumstände zurückgeführt werden. So hat sich die Ernährungslage mit der Sesshaftigkeit der Menschen in der Jungsteinzeit konstant gebessert. Umgekehrt sind schlechtere Lebensbedingungen wahrscheinlich der Grund dafür, dass die Körpergröße ab der Zeitenwende stagnierte und im Mittelalter sogar zurückging. Das galt vor allem für die sich entwickelnden Städte: Hygiene, Ernährung, Luft und Klima waren dort recht ungesund für die Bewohner.
Die Größen-Entwicklung der Menschen ist also keine kontinuierliche Entwicklung, sondern eher eine Wellenbewegung durch die Zei1t. Ob die Menschen kleiner oder größer werden, ist von der Lebensform abhängig. Doch ins Unendliche werden wir auch bei immer besseren Lebensbedingungen nicht wachsen: Es gibt einen genetisch vorgegebenen Spielraum für das Längenwachstum, er kann zwar voll ausgeschöpft, aber nicht überschritten werden. Und die Anzeichen mehren sich, dass die Maximalwerte des Längen-Wachstums inzwischen erreicht sind. Einzig die Korpulenzmaße könnten noch zulegen – wie dick wir werden können, ist heute noch schwer abzuschätzen…
Jakob Kneser
Stand: 06.10.2006
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