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Sendung vom 11. April 2006
Die Ruine von Tschernobyl
Von Ferne sehen wir bereits das Kraftwerk vor uns liegen. Darum herum eine wundervolle, schneebedeckte und scheinbar unberührte Landschaft. Kaum zu glauben, dass sich hier vor 20 Jahren einer der schrecklichsten Unfälle des Industriezeitalters ereignet hat. Uns interessieren die Nachwirkungen der Katastrophe: Reinhard Lennartz vom Forschungsinstitut Jülich und Ranga Yogeshwar wollen in der Umgebung des Kraftwerks von Tschernobyl Strahlungsmessungen durchführen. Wie viel Aktivität ist im Jahr 2006 noch nachzuweisen? Mit dem Kamerateam kommen wir zur Schranke der 30-Kilometer-Sperrzone. Unsere Sondergenehmigung für die Dreharbeiten wird genau kontrolliert, denn die Sperrzone ist streng bewacht - Unbefugte sollen draußen bleiben. Auf den Straßen hier ist die Strahlenbelastung etwa 10 Mal höher als die natürliche Erdstrahlung in Deutschland. Dabei besteht noch keine Gesundheitsgefahr, wir können uns in dem großen Areal also ohne besondere Schutzanzüge bewegen.
Unser erstes Ziel ist ein Waldstück, das etwa zwei Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt. Hier färbten sich nach dem Unglück die Bäume von der Strahlenbelastung rot und starben ab, seitdem heißt die Stelle "Roter Wald". Die toten Bäume wurden inzwischen abgeholzt, der Boden neu bepflanzt. Nichts Rotes ist zu sehen, der Wald sieht ganz normal aus. Wir wollen wissen, wie viel Strahlung hier noch nachzuweisen ist, dafür haben wir ein Dosisleistungsmessgerät dabei. Wir messen 17 Mikrosievert pro Stunde. Das ist etwa 50 Mal höher als der Normalwert von 0,3 Mikrosievert. Diese Belastung an den Bäumen ist enorm, wenn man bedenkt, dass sie erst nach dem Unglück gepflanzt worden sind. Mit einem Spaten stechen wir ein Stück Waldboden ab und messen erneut. Ein paar Zentimeter tief ist die Radioaktivität am geringsten, doch je näher man zur obersten Humusschicht kommt, desto mehr steigt sie an. Dass sich das aktive Material oben sammelt, liegt an den Wurzeln der Pflanzen: Sie befördern es mit dem Wasser immer wieder nach oben. Denn das radioaktive Cäsium, um das es sich hier handelt, ist wasserlöslich. Es ist mit dem Regen nach dem Unglück in den Boden gelangt. Cäsium ist chemisch eng verwandt mit Kalium, und Kalium ist knapp. Deshalb haben sich die Wurzeln der Pflanzen darauf spezialisiert, diesen Mineralstoff wieder aus dem Humus herauszusaugen. Auf diesem Weg reichern sie sich aber auch mit dem radioaktiven Cäsium an. Die Pflanzen sterben, verrotten und neue Pflanzen nehmen das Cäsium wieder auf – ein Teufelskreis, der noch lange so weitergehen wird, denn die Halbwertszeit von Cäsium beträgt 30 Jahre.
Unser nächstes Ziel ist ein Schrottplatz, und zwar kein gewöhnlicher. Hier verrotten Hubschrauber, Schützenpanzer, Feuerwehrautos, Krankenwagen und Busse. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie strahlen und waren am 26. April 1986 und den Tagen darauf im Einsatz. Am Eingang des abgezäunten Platzes messen wir eine Strahlenbelastung von 0,13 Mikrosievert pro Stunde. Zum Vergleich: in Nordrhein Westfalen ist die Belastung im Freien etwa 0,06 Mikrosievert pro Stunde. An den Fahrzeugen liegt der Wert deutlich höher. Vor allem dort, wo viel Luft zirkuliert: bis zu 32 Mikrosievert pro Stunde. Was wir hier messen, ist so etwas wie das Echo der Belastung, der die Menschen vor 20 Jahren beim Katastropheneinsatz ausgesetzt waren.
Viele Kilometer kämpfen wir uns danach auf kleinen, teilweise ungeräumten Straßen durch den Schnee. Unser Führer kennt sich gut aus und nach fast einer Stunde Fahrt sind wir tatsächlich da: ein Bauerngehöft, ärmlich sieht es aus, aber sonst ganz normal. Wenn wir nicht wüssten, dass wir uns in der 30-Kilometer-Sperrzone befinden, wäre das nichts Besonderes. Doch hier wohnen tatsächlich wieder Menschen. Viele der zwangsausgesiedelten Dorfbewohner aus der Umgebung des Kraftwerks haben es in der Fremde nicht ausgehalten und wollten zurück in die Heimat. Weil es keinen anderen Platz gab, gingen sie heimlich ins Sperrgebiet. Inzwischen werden sie von der ukrainischen Regierung zumindest geduldet. Viele der wilden Siedler wissen jedoch nicht, wie hoch das Risiko ist, dem sie sich durch die Strahlenbelastung aussetzen. Deshalb freut sich die Familie, dass wir Messgeräte mitbringen. An der Haustüre messen wir zum ersten Mal: 0,1 Mikrosievert pro Stunde. Das ist erstaunlich gering, wenn man bedenkt, dass wir uns dicht an der Kraftwerksruine befinden. Wir untersuchen auch eine Kuh, der wir das Messgerät ans Fell halten. Das Gerät zeigt: im Muskelgewebe des Hinterbeins hat sich offenbar Radioaktivität eingelagert. Die Bewohner freuen sich über unseren Besuch und sind erleichtert, dass wir bei ihnen keine große Strahlenbelastung finden. Angesichts der ärmlichen Verhältnisse beschämt uns ihre Gastfreundschaft geradezu. Doch wir sind beruhigt, dass die Menschen hier einen Ort gefunden haben, an dem vergleichsweise wenig radioaktiver Niederschlag herunterging.
Jetzt näheren wir uns der Ruine des Kraftwerks – dem Sarkophag. Sarkophag wird sie genannt, weil der explodierte Reaktor noch im Jahr 1986 mit einem dicken Betonmantel eingehüllt wurde. Das Wrack strahlt immer noch extrem und die Hülle hat schon Risse, sie könnte bald einstürzen. Deshalb muss der Sarkophag jetzt von außen und innen gesichert werden, was für die Bauarbeiter ein erhebliches Strahlenrisiko bedeutet. Wenn der alte Schutzmanteleinstürzt, droht eine neue massive Strahlenbelastung - das muss auf jeden Fall verhindert werden. Deshalb planen Ingenieure einen gigantischen neuen Sarkophag. Der soll über dem alten Sarkophag erreichtet werden, ein Gebäude der Superlative. Es muss Anforderungen erfüllen, wie sie an kein anderes Bauwerk auf der Welt gestellt werden: 150 Meter lang und 92,5 Meter hoch; Lebensdauer: mindestens hundert Jahre. Um die Arbeiter beim Bau nicht zu sehr zu gefährden, soll der neue Sarkophag außerhalb vorgefertigt und dann über die Ruine geschoben werden. Wenn die neue Hülle über dem alten Sarkophag liegt, dringt kein Staub mehr nach außen, egal was innen passiert. Das ist auch nötig, denn drinnen geht die Arbeit weiter: der Reaktor samt altem Schutzmantel wird dann demontiert – eine Aufgabe für die nächsten hundert Jahre.
Als wir die Absperrungen des Kraftwerks passieren, ist uns doch etwas mulmig zumute - bald erreichen wir die Stelle, an der die Katastrophe geschah. Dafür die Genehmigung zu bekommen, war enorm schwer, bis zuletzt blieb es unklar, ob wir tatsächlich hinein dürfen. Zuerst kommen wir in eine Art Schleuse. Hier müssen wir unsere Kleider ausziehen und stattdessen in Schutzanzüge und Stiefel schlüpfen, dazu einen Atemschutz anlegen. Unsere Kameras verpacken wir sorgfältig in Plastikfolie - die teuren Geräte sollen nicht durch radioaktiven Staub für immer unbrauchbar werden. Unser erster Weg führt uns in einen Kontrollraum. Von hier aus werden die Bauarbeiten am Sarkophag geleitet und überwacht. Auf den Monitoren sehen wir, wie die Bauarbeiter in 40 Metern Höhe daran arbeiten, die morsche Betonhülle zu stabilisieren. Unten im Kontrollraum messen wir eine Strahlenbelastung von 1,6 Mikrosievert pro Stunde. Der Raum ist gut abgeschirmt.
Über lange Gänge gelangen wir schließlich ins Innere des Sarkophags. Wir betreten einen düsteren Raum. Es ist die Leitwarte des Blocks 4. Nackte Schaltpulte sind noch zu erkennen. Die Elektronik ist ausgebaut. Ranga Yogeshwar lässt sich die Stelle zeigen, an der die Kraftwerksbesetzung am 26. April 1986 um ein Uhr morgens vergeblich den Notabschaltknopf drückte. Wir messen 10 Mikrosievert pro Stunde. Das ist erstaunlich wenig, wenn man bedenkt, wie nah wir an dem zerstörten Reaktor sind. Dann gelangen wir zum Vorplatz des Sarkophags, auf dem gerade gebaut wird. Die Anzeige unseres Messgeräts schnellt in die Höhe: 470 Mikrosievert pro Stunde! Das ist der höchste Wert, den wir auf unserer Reise gemessen haben - 10.000-mal mehr als die natürliche Belastung durch Erdstrahlung. Das kommt von dem alten Reaktor, und durch die Bauarbeiten wird zusätzlich noch Strahlung freigesetzt. - wer sich hier ohne Schutzanzug und Atemmaske bewegt, läuft Gefahr, an Krebs zu erkranken. Aber auch mit Schutzausrüstung ist es auf Dauer ein riskanter Job. Wir beneiden die Arbeiter nicht, die hoch über uns auf Gerüsten die Betonwand um die Reaktor-Ruine ausbessern. Wir gehen schnell weiter, aber sie müssen bleiben. Diese Männer werden nicht die letzten sein, die sich einer Gefahr aussetzen, um den Reaktor zu sichern. Experten gehen davon aus, dass wohl noch 100 Jahre vergehen werden, bis das Wrack endgültig demontiert und dekontaminiert ist.
Reinhart Brüning
Stand: 02.10.2006
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