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Quarks & Co
Sendung vom 11. April 2006
Der Weg zur Bombe
Die Welt streitet um Atombomben: Wer hat sie, wer bastelt dran, wer kontrolliert wen? Hintergrund für die Diskussion ist die Befürchtung, dass ein Atomkraftwerk, das Energie liefert, ganz leicht auch zur Rüstungsfabrik werden kann. Uran oder Plutonium, etwas Sprengstoff und eine Neutronenquelle – fertig ist die Atombombe, zumindest theoretisch. Praktisch ist es allerdings nicht ganz so einfach, eine Kernwaffe zu bauen, denn ein enormer technischer Aufwand ist dazu nötig.
Das geeignete
Uranisotop-235 kommt in der Natur nur in
extrem geringen Mengen vor. In natürlichem Uran befinden sich
gerade mal 0,7 Prozent waffentaugliches Uran-235. Bei den
restlichen 99,3 Prozent handelt es sich um nicht-spaltfähiges
Uran-238. Dieses Natururan eignet sich weder für ein
Atomkraftwerk noch für eine Atombombe. Doch beide Uranisotope
kommen in der Natur nur gemischt vor. Uran-235 muss daher
angereichert werden. Das bedeutet, dass zunächst beide
Uranarten voneinander getrennt werden und anschließend ein
Urangemisch mit einem ausreichend hohen Anteil von spaltbarem
Uran-235 hergestellt wird. Dieser Prozess des Anreicherns erfolgt
in speziellen Anlagen. Durch verschiedene Trennverfahren wird hier
der Gehalt des spaltfähigen Urans Schritt für Schritt
erhöht. Besitzt ein Land erst einmal eine solche Anlage, kann
es nicht nur Spaltmaterial für den Betrieb eines
Kernkraftwerks produzieren, sonder auch genügend
waffentaugliches Uran für eine Bombe herstellen. Allerdings
ist das Anreichern der schwierigste Schritt beim Bombenbasteln, es
ist teuer und aufwändig. Während das Kraftwerksuran nur
mit etwa drei Prozent Uran-235 angereichert sein muss,
benötigt man für eine Atombombe hochangereichertes Uran
mit einem Gehalt von über 80 Prozent an spaltfähigem
Uran. Längst nicht jedes Land, das Kernkraftwerke hat, besitzt
auch Anlagen zur Anreicherung von Uran. Ist diese Hürde
allerdings genommen, steht dem Bau der gefürchteten Waffe
nichts mehr im Weg.
Es gibt aber noch einen Trick, um an waffenfähiges Material für eine Atombombe zu kommen. Dazu lässt sich ein Nebenprodukt aus dem Betrieb eines Atomkraftwerks missbrauchen. Atomkraftwerke erzeugen neben Wärme und Strom nämlich auch noch Plutonium. Dieses für den Menschen giftige Schwermetall entsteht während des Kraftwerkbetriebs in den Uran-Brennstäben der Kernkraftwerke. Es ist hoch radioaktiv und spaltbar. In einem Reaktor mit einer elektrischen Leistung von 1.300 Megawatt fallen jährlich insgesamt mehr als 100 Kilo waffenfähiges Plutonium (Pu-239) an. Dieses gefährliche Spaltmaterial wird dann in Wiederaufarbeitungsanlagen aus den abgenutzten Brennelementen isoliert, und kann direkt wieder als neuer Spaltstoff verwendet werden - nicht nur für Kernkraftwerke. Bei einem entsprechenden Aufbau der Atombombe reichen schon sechs Kilogramm Plutonium aus, um eine Sprengkraft von 20 Kilotonnen zu erreichen - das entspricht fast der doppelten Sprengkraft der 64 Kilogramm schweren Uran-Bombe, die am 6. August 1945 über Hiroshima detonierte.
Nach dem zweiten Weltkrieg, als der Rüstungswettlauf zwischen den politischen Blöcken begann, entwickelten sowjetische Wissenschaftler einen speziellen Reaktortyp - den RBMK-Reaktor. Die Besonderheit dieser Reaktorlinie ist der Austausch von Brennelementen während des Betriebs, womit lästige Stillstands- und Wartungszeiten entfallen. Doch der Wechsel einzelner Brennstäbe bei laufendem Reaktor hat noch einen anderen entscheidenden Vorteil: Waffenfähiges Plutonium ist zu jeder beliebigen Zeit ohne größere Schwierigkeiten verfügbar. Der Aufrüstung sind keine Grenzen gesetzt.
Die RBMK-Reaktoren gibt es auch heute noch. Allerdings verpflichtete sich die Sowjetunion 1970 zusammen mit den anderen Atommächten USA, Großbritannien, später auch Frankreich und China, im Atomwaffensperrvertrag zur Abrüstung ihrer Kernwaffen. Den Vertrag haben mittlerweile auch Staaten unterzeichnet, die keine Atomwaffen besitzen, damit verzichten sie von vornherein auf nukleare Rüstung. In regelmäßigen Abständen führt die Internationale Atomenergiebehörde Kontrollen durch und prüft die Einhaltung des Vertrags. Es gibt eindeutig Fortschritte in der Abrüstung – aber trotzdem werden noch immer Atomwaffen gebaut. Im Jahr 2006 dreht sich eine erregte Debatte um den Iran, der bestrebt ist, Nuklearwaffen zu entwickeln – zumindest wird das vermutet. Eine absolute Kontrolle über die strikte Trennung von militärischer und ziviler Nutzung der Atomtechnik ist nicht möglich. Will man die Verbreitung von Atomwaffen stoppen, müsste die logische Konsequenz daher ein Ausstieg aus der Kernenergie sein.
Vera Pfister
Stand: 02.10.2006
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