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Der gesunde Mittagsschlaf

Erfolg durch Power-Nap

  • SendeterminDienstag, 09. Mai 2006, 21.00 - 21.45 Uhr .

Es überfällt uns täglich: das Mittagstief

Foto: Frau ruht sich auf Akten aus
Viele Chefs sehen es nicht gern, und sogar Freiberufler haben Hemmungen, sich den Kurz-Schlaf zu gönnen

Kennen Sie das? Sie arbeiten, es ist zwischen 13 und 14 Uhr, und Sie werden immer müder und müder. Auch der Kaffee oder ein Plausch mit den Kollegen hilft nur bedingt. Am liebsten würden Sie den Kopf auf den Tisch legen und schlafen. Warum machen Sie es nicht einfach? Schon seit langem ist bekannt, dass der Rhythmus des Menschen um 14 Uhr auf Ruhe eingestellt ist. StichwortChronobiologen, also Forscher, die sich mit dem biologischen Zeitrhythmus beschäftigen, halten das Phänomen des Mittagslochs für ganz natürlich. Und das beste Hilfsmittel in diesem Moment ist ein kurzer Mittagsschlaf. Den würden zwar viele gerne halten, doch nur wenige erlauben es sich tatsächlich oder haben dazu die Möglichkeit. Viele Chefs sehen es nicht gern, und sogar Freiberufler haben Hemmungen, sich den Kurz-Schlaf zu gönnen. Dabei haben gerade besonders erfolgreiche Menschen regelmäßig ihren Mittagsschlaf zelebriert, unter anderem Albert Einstein, Thomas Mann oder Margaret Thatcher. Auch Gold-Biathlet Sven Fischer nutzt jede freie Minute für einen erquickenden Kurzschlaf tagsüber. Aber was ist dran am gesunden Nickerchen, modisch "StichwortPower-Napping" genannt? Wir haben den Test gemacht.

Der Quarks-Test: Fit durch Mittagsschlaf?

Foto: graues Testgerät, Anzeige 234
Das unauffällige Gerät testet, wie wach die Versuchspersonen sind: Bleiben sie zehn Minuten lang aufmerksam und reaktionsschnell?

Für den Test haben wir uns von Schlafexperten ein Gerät geborgt, das die Daueraufmerksamkeit prüft und damit Rückschlüsse auf den Grad der Wachheit oder Schläfrigkeit der Testperson erlaubt. In der Forschung heißt dieser Test StichwortPVT – er enthält eine einfache Aufgabe, bei der die Probanden kontinuierlich zehn Minuten lang auf einen Reiz reagieren müssen, zum Beispiel eine Taste drücken. Der PVT-Test ist sehr simpel: Das Gerät hat einen kleinen Bildschirm, auf dem wie bei einer Stoppuhr die Zeit in Ziffern durchläuft. Der Unterschied zur Stoppuhr ist, dass nicht die Testperson den Start auslöst, sondern das Gerät selbst. Sobald das geschieht, soll die Versuchsperson eine Taste drücken. Das Gerät misst somit, wie viel Zeit zwischen Erscheinen der Null und dem Tastendruck vergeht. Die Zahl, die bei Tastendruck stehen bleibt, gibt die Reaktionszeit in Millisekunden an. Das Auslösen des Zählers erfolgt in unregelmäßigen Abständen, so dass die Testteilnehmer nicht vorhersehen können, wann sie drücken müssen. Zehn Minuten dauert der Versuch, und er ist mit Absicht etwas langweilig gestrickt: Die Probanden sollen keine spielerische Motivation entwickeln, dies könnte das Testergebnis verfälschen. Wer müde ist, kann mit einem solchen Test recht gut entlarvt werden.

Chef gegen Mitarbeiterin

Foto: Cornelia Scharnagl und Dr. Bernhard Kallup auf dem Parkplatz
Die Versuchspersonen: Dr. Bernhard Kallup ist bekennender Power-Napper, Cornelia Scharnagl schläft nicht am Arbeitsplatz

Unsere beiden Probanden arbeiten in einem Büromöbelunternehmen: Dr. Bernhard Kallup ist Chef der Firma, Cornelia Scharnagl arbeitet als Produktmanagerin. Kallup ist ein bekennender Power-Napper, er lebt diese Einstellung sehr offen: Seine Mitarbeiter können ihn bei seinem Mittagsschlaf auch durch die gläserne Bürotür beobachten. Cornelia Scharnagl hält keinen Mittagsschlaf am Arbeitsplatz, sie ist die Vergleichsperson im Test. Am Morgen um 10 Uhr messen wir zum ersten Mal: Bernhard Kallup hat eine durchschnittliche Reaktionszeit von 229 Millisekunden (ms). Die Ergebnis-Kurve des Tests zeigt eine relativ konstante Aufmerksamkeit über die gesamte Zeit. Cornelia Scharnagl bringt es um 10 Uhr sogar im Durchschnitt auf 210 ms. Sie ist also etwas schneller, das liegt wohl daran, dass sie jünger ist. Je nach Alter und Geschlecht fallen die Reaktionszeiten ohnehin bei einem PVT-Test unterschiedlich aus. Das können wir für unseren Versuch aber ignorieren – wir setzen die individuellen Werte vom ersten Durchgang am Morgen einfach als persönlichen Ausgangswert an. Die späteren Ergebnisse werden dann jeweils mit diesem Wert verglichen. Unsere beiden Probanden gehen jetzt nun ihrer normalen Arbeit nach.

Das Mittagstief schlägt zu

Foto: Kallup zurückgelehnt im Bürostuhl, die
Füße hoch, Augen zu
Bernhard Kallup nutzt die Mittagspause für einen Nickerchen von 15 Minuten im Büro

Um 12.30 Uhr ist Mittagspause, beide gehen in der Kantine essen. Auf den Kaffee nach dem Essen müssen sie heute aber verzichten - das Koffein würde das Testergebnis verändern. Als wir nach dem Essen testen, erreicht Bernhard Kallup im Durchschnitt eine Reaktionsgeschwindigkeit von 308 ms – er ist also langsamer geworden. Im Vergleich zum Morgen hat er nur noch 74 Prozent seiner Leistungsfähigkeit. Zudem zeigt der Verlauf der Ergebnis-Kurve, dass seine Konzentration innerhalb des 10-Minuten-Zeitraums abnimmt. Cornelia Scharnagl kommt statt auf 210 ms auf 281 ms, das entspricht 75 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit vom Morgen. Beide sind also in etwa demselben Ausmaß langsamer geworden. Doch Cornelia Scharnagls Ergebnis-Kurve zeigt eine deutliche Streuung von Anfang an: Ihre Konzentrationsfähigkeit schwankt recht stark. Beide Probanden sind im klassischen Mittagstief – wir lassen eine Stunde verstreichen. In dieser Stunde arbeitet Cornelia Scharnagl durch, Bernhard Kallup hingegen macht ein kleines Nickerchen von 15 Minuten. Schon seit Jahren beherrscht er die Technik, schnell mal zwischendurch abschalten zu können: Innerhalb von wenigen Minuten kann er einschlafen, ob im Flugzeug, im Büro oder irgendwo anders.

Der dritte Test zeigt einen Unterschied

Grafik: Zwei Kurven, gelb und rot
Die von uns aus den vier Testergebnissen nachgestellten Leistungskurven zeigen: Beide Teilnehmer sind um 13 Uhr im klassischen Mittagstief. Durch das Nickerchen schnellt die gelbe Kurve von Bernhard Kallup jedoch direkt nach oben, während Cornelia Scharnagls Leistungskurve bis 17 Uhr langsam ansteigt

Um 14.00 Uhr drücken wir beiden Teilnehmern wieder die Testgeräte in die Hand. Cornelia Scharnagls Werte liegen fast unverändert bei 280 ms im Durchschnitt. Ihr bleiben also 75 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit im Vergleich zum Morgen. Wieder zeigen die Werte außerdem, dass ihre Aufmerksamkeit im Verlauf der Prüfung stark schwankt. Doch beim Chef sehen die Werte anders aus: Bernhard Kallup kommt auf 237 ms - das entspricht 97 Prozent vom persönlichen Ausgangswert! Und dazu zeigt seine Verlaufskurve, dass er seine Aufmerksamkeit während der 10-Minuten Testphase recht stabil halten kann. Er ist also nur minimal langsamer als beim ersten Test am Morgen – und hat dem Mittagstief erfolgreich ein Schnippchen geschlagen.

Kurz vor Feierabend testen wir noch einmal. Der vierte Durchgang nach 16 Uhr zeigt: Bernhard Kallup erreicht 238 ms, dies entspricht 96 Prozent seiner Reaktionszeit vom Morgen. Cornelia Scharnagl braucht im Durchschnitt 228 ms, bis sie reagiert, sie ist damit auch wieder auf 92 Prozent ihrer Reaktionszeit angelangt. Beide sind einige Stunden nach dem Mittagessen ungefähr auf gleichem Niveau - der Vorteil des Nickerchens ist ausgeglichen. Das stimmt mit Ergebnissen der Chronobiologen überein: Menschen erreichen um 17h wieder ein Leistungshoch, auch wenn sie nicht geschlafen haben.

Tipp:
Ein Power-Nap sollte zwischen 10 und 30 Minuten dauern, länger nicht. Denn sonst sinkt man in den Tiefschlaf und das ist tagsüber ungünstig – man wird dann schlechter wieder wach. Wer nach dem Nickerchen mit der anschließenden kurzen Schlaftrunkenheit zu kämpfen hat (die Dauer der Schlaftrunkenheit entspricht der Dauer des zuvor gehaltenen Kurzschlafs), der sollte vorher einen Espresso trinken. Das Koffein nämlich wirkt erst nach einer halben Stunde und hilft als Anschubkraft direkt nach dem Mittagsschlaf.

Wenn Sie wissen wollen, wie wach bzw. schläfrig Sie in diesem Moment sind, dann machen Sie einfach unseren Aufmerksamkeitstest.

Stichwörter

1 Chronobiologie
Der Wortbestandteil "chronos" stammt aus dem Griechischen und bedeutet Zeit. Die Chronobiologie beschäftigt sich mit der inneren Uhr von Lebewesen. Die Wissenschaft von der Chronobiologie ist auf keinen Fall mit der so genannten "Biorhythmik" zu verwechseln, die kein wissenschaftliches Fach ist. Zurück zum Absatz
2 Power-Napping
Statt des deutschen Worts "Mittagsschlaf" findet man immer wieder die englische Bezeichnung "Power-Napping". Grund dafür ist wahrscheinlich das negative Bild, dass das klassische Wort Mittagsschlaf bei vielen hervorruft. Die Wörter "power nap" kann man mit "Energie-Schlaf" oder "Energie-Nickerchen" (engl. to nap: einnicken, kurz schlafen) übersetzen. Das Wort "power" für Kraft ruft wahrscheinlich in Anlehnung an den Sport eine positive Assoziation mit Leistung und Aktivität hervor. Zwar entspannt man sich beim Mittagsschlaf und leistet nichts – allerdings tankt man wieder auf und hat hinterher frische Kräfte zur Verfügung. Die Wirkung des Mittagsschlafs trifft die Bezeichnung "Power-Napping" daher recht gut. Zurück zum Absatz
3 PVT
PVT steht für "psychomotoric vigilance task". Dieser Test ist ein Aufmerksamkeitstest. Das Wort Vigilanz leitet sich aus dem Lateinischen ab: "vigilantia" bedeutet Wachsamkeit. In der Schlafforschung misst man den Grad der Wachheit und Aufmerksamkeit mit zwei verschiedenen Aufgabentypen, dem klassischen Vigilanztest und dem Daueraufmerksamkeitstest. Die klassische Vigilanzaufgabe dauert eine halbe Stunde, hier wird die kontinuierliche, selektive Aufmerksamkeit während einer monotonen Überwachungstätigkeit gemessen. Es gibt nur selten einen schwachen Reiz, auf den reagiert werden muss. Der zweite Aufgabentyp prüft die Daueraufmerksamkeit, und zwar die kontinuierliche, speziell gerichtete Aufmerksamkeit: Dabei müssen die Probanden dauernd reagieren, und im Gegensatz zum klassischen Vigilanztest kommen die Reize viel öfter. Unser PVT-Test aus dem Film gehört zu diesem zweiten Aufgabentyp. Er besteht aus einer einfachen Reaktionszeitaufgabe, bei der man Tasten drücken muss. Sie dauert nur 10 Minuten. Schlafmediziner verwenden den Test, um die Veränderungen der Aufmerksamkeit im Verlauf eines Tages abzubilden. Zurück zum Absatz
:

Sandra Jolk

Stand: 02.10.2006


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