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Sendung vom 23. Mai 2006
Zwillingsforschung heute
Wissenschaftler interessieren sich besonders für Zwillinge weil sie an ihnen herausfinden können, für welche Eigenschaften eines Menschen die Vererbung, also die Gene, verantwortlich sind und welche Eigenschaften durch Erziehung und Umwelt erworben werden. Zwillinge sind für die Forschung deshalb perfekt geeignet: Wenn die Kinder in derselben Familie aufwachsen, unterliegen sie größtenteils denselben äußeren Bedingungen – das fängt schon in der Gebärmutter an und schließt Umweltfaktoren wie Ernährung, Hygiene, sozialen und finanziellen Status der Eltern genauso ein wie kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen. Wenn alle anderen Bedingungen gleich sind, dann müssten Unterschiede zwischen beiden an den Genen liegen, die entsprechenden Eigenschaften also vererbt sein, vermuten die Wissenschaftler. Zwillingsforscher suchen also gezielt nach Merkmalen, in denen eineiige Zwillinge sich mehr ähneln als zweieiige Zwillinge oder normale Geschwister.
Eine Eigenschaft, die vollständig vererbt wird, taucht bei eineiigen Zwillingen, die ja genau die gleichen Gene haben, immer bei beiden auf - oder eben bei beiden nicht. Zweieiige Zwillinge teilen sich dagegen durchschnittlich nur die Hälfte ihrer Gene. Bei ihnen taucht eine ererbte Eigenschaft daher nur in der Hälfte aller Fälle gemeinsam auf. Mathematisch wird dieser Zusammenhang durch die Korrelation ausgedrückt: Sie gibt an, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Zwilling eine bestimmte Eigenschaft hat, wenn sein Geschwister über ebendiese Eigenschaft verfügt. Wissenschaftler können so über statistische Verfahren entscheiden, ob eine Eigenschaft vererbt ist oder nicht: Bei hoher Korrelation zwischen Zwillingspaaren spricht vieles dafür, dass Gene die Eigenschaft entscheidend beeinflussen, bei geringer Korrelation beider Zwillingsgruppen, dürften eher Umwelteinflüsse die betreffende Eigenschaft prägen.
Psychologen teilen die vielen unterschiedlichen Eigenschaften,
die die Persönlichkeit ausmachen in fünf Kategorien ein,
die sogenannten "Big Five":
Emotionale Ansprechbarkeit:
Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, Befangenheit,
Impulsivität, Verletzlichkeit
Extraversion:
Herzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit,
Aktivität, Erlebnishunger, Frohsinn
Offenheit für Erfahrungen:
Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Handlungen, Ideen,
Werte und Normen
Verträglichkeit:
Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen,
Bescheidenheit, Gutherzigkeit
Gewissenhaftigkeit:
Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben,
Selbstdisziplin, Besonnenheit
Inwiefern diese Persönlichkeitsmerkmale durch genetische
Faktoren bestimmt sind, hat eine Untersuchung an der
Universität Bielefeld ergeben, die Deutsche Beobachtungsstudie
an erwachsenen Zwillingen (German Observational Study of Adult
Twins, GOSAT). Darin wurden 300 gleichgeschlechtliche
Zwillingspaare für jeweils einen Tag in verschiedenen
Situationen beobachtet: sie mussten sich vorstellen,
Streitgespräche mit den Nachbarn zu führen,
Zeitungsschlagzeilen vorlesen oder einen Witz erzählen. Sie
wurden auch beobachtet, wenn ihnen das gar nicht bewusst war, zum
Beispiel beim Warten auf den nächsten Test. Aus den
zahlreichen Beobachtungen, die bis zu 60 Beobachter pro Person
machten, filterten die Wissenschaftler eine Zahl heraus: 42. Das
ist der prozentuale Anteil, den die Gene zu den Unterschieden im
Verhalten zwischen Menschen beisteuern. 26 Prozent macht die
gemeinsame Umwelt der Paare aus, 32 Prozent steuern die
individuellen Erfahrungen bei. Das muss aber nicht bedeuten, dass
sich eineiige Zwillinge immer gleich verhalten: Die Gene
beeinflussen nur Tendenzen im Verhalten. In einzelnen Situationen
entscheidet natürlich jeder individuell, was er macht.
Neurologen von der RWTH Aachen haben sich genauer angesehen, wie Gedanken im Gehirn organisiert werden. Dazu mussten eineiige Zwillingspaare Gegenstände auf Fotos übergeordneten Kategorien zuordnen: einen Apfel zum Obst, den Hammer zum Werkzeug. Ihre Gehirnaktivitäten wurden im Magnetresonanz-Tomographen aufgezeichnet und dann mit denen eines weiteren Bruders verglichen, der kein Zwilling war. So konnten die Forscher feststellen, dass die Funktionen einer Reihe von Gehirnregionen offenbar genetisch vorbestimmt sind– wie das Gehirn verschaltet ist und arbeitet, ist bei den eineiigen Zwillingen ähnlicher als bei ihren normalen Geschwistern. Auch die Aachener Wissenschaftler konnten feststellen, dass nicht alles, was die Gene vorgeben, unausweichlich das Handeln bestimmt. Denn es gibt Hirnbereiche, die zwar genetisch angelegt sind, aber nicht von allen Menschen auf gleiche Weise genutzt werden.
Martin Rosenberg
Stand: 02.10.2006