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Zwillingsforschung heute

Neue Studien zur Vererbung

  • SendeterminDienstag, 23. Mai 2006, 21.00 - 21.45 Uhr .

Lohnendes Objekt der Forschung

Foto: Professor und zwei Zwillingspaare; Rechte: WDR
Zwillinge sind lohnende Objekte für Forscher

Wissenschaftler interessieren sich besonders für Zwillinge weil sie an ihnen herausfinden können, für welche Eigenschaften eines Menschen die Vererbung, also die Gene, verantwortlich sind und welche Eigenschaften durch Erziehung und Umwelt erworben werden. Zwillinge sind für die Forschung deshalb perfekt geeignet: Wenn die Kinder in derselben Familie aufwachsen, unterliegen sie größtenteils denselben äußeren Bedingungen – das fängt schon in der Gebärmutter an und schließt Umweltfaktoren wie Ernährung, Hygiene, sozialen und finanziellen Status der Eltern genauso ein wie kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen. Wenn alle anderen Bedingungen gleich sind, dann müssten Unterschiede zwischen beiden an den Genen liegen, die entsprechenden Eigenschaften also vererbt sein, vermuten die Wissenschaftler. Zwillingsforscher suchen also gezielt nach Merkmalen, in denen eineiige Zwillinge sich mehr ähneln als zweieiige Zwillinge oder normale Geschwister.

Zwillings-Arithmetik: die Häufigkeit entscheidet

Foto: vierfache Bildteilung: Pantomime mit Ziegelstein; Rechte: WDR
Kleine Abweichungen im Verhalten geben Forschern Aufschluss über erworbene und vererbte Eigenschaften

Eine Eigenschaft, die vollständig vererbt wird, taucht bei eineiigen Zwillingen, die ja genau die gleichen Gene haben, immer bei beiden auf - oder eben bei beiden nicht. Zweieiige Zwillinge teilen sich dagegen durchschnittlich nur die Hälfte ihrer Gene. Bei ihnen taucht eine ererbte Eigenschaft daher nur in der Hälfte aller Fälle gemeinsam auf. Mathematisch wird dieser Zusammenhang durch die Korrelation ausgedrückt: Sie gibt an, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Zwilling eine bestimmte Eigenschaft hat, wenn sein Geschwister über ebendiese Eigenschaft verfügt. Wissenschaftler können so über statistische Verfahren entscheiden, ob eine Eigenschaft vererbt ist oder nicht: Bei hoher Korrelation zwischen Zwillingspaaren spricht vieles dafür, dass Gene die Eigenschaft entscheidend beeinflussen, bei geringer Korrelation beider Zwillingsgruppen, dürften eher Umwelteinflüsse die betreffende Eigenschaft prägen.

Die fünf Säulen der Persönlichkeit

Foto: Zwilling wird in MRT geschoben; Rechte: WDR
Im Magnetresonanz-Tomographen lässt sich das Denken sichtbar machen

Psychologen teilen die vielen unterschiedlichen Eigenschaften, die die Persönlichkeit ausmachen in fünf Kategorien ein, die sogenannten "Big Five":

Emotionale Ansprechbarkeit:
Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, Befangenheit, Impulsivität, Verletzlichkeit

Extraversion:
Herzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Aktivität, Erlebnishunger, Frohsinn

Offenheit für Erfahrungen:
Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Handlungen, Ideen, Werte und Normen

Verträglichkeit:
Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit, Gutherzigkeit

Gewissenhaftigkeit:
Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin, Besonnenheit

Inwiefern diese Persönlichkeitsmerkmale durch genetische Faktoren bestimmt sind, hat eine Untersuchung an der Universität Bielefeld ergeben, die Deutsche Beobachtungsstudie an erwachsenen Zwillingen (German Observational Study of Adult Twins, GOSAT). Darin wurden 300 gleichgeschlechtliche Zwillingspaare für jeweils einen Tag in verschiedenen Situationen beobachtet: sie mussten sich vorstellen, Streitgespräche mit den Nachbarn zu führen, Zeitungsschlagzeilen vorlesen oder einen Witz erzählen. Sie wurden auch beobachtet, wenn ihnen das gar nicht bewusst war, zum Beispiel beim Warten auf den nächsten Test. Aus den zahlreichen Beobachtungen, die bis zu 60 Beobachter pro Person machten, filterten die Wissenschaftler eine Zahl heraus: 42. Das ist der prozentuale Anteil, den die Gene zu den Unterschieden im Verhalten zwischen Menschen beisteuern. 26 Prozent macht die gemeinsame Umwelt der Paare aus, 32 Prozent steuern die individuellen Erfahrungen bei. Das muss aber nicht bedeuten, dass sich eineiige Zwillinge immer gleich verhalten: Die Gene beeinflussen nur Tendenzen im Verhalten. In einzelnen Situationen entscheidet natürlich jeder individuell, was er macht.

Im Kopf der Zwillinge

Foto: 3 Kugeln mit aktivierten Regionen; Rechte: RWTH Aachen
Denkmuster bei eineiigen Zwillingen und ihrem dritten Bruder

Neurologen von der RWTH Aachen haben sich genauer angesehen, wie Gedanken im Gehirn organisiert werden. Dazu mussten eineiige Zwillingspaare Gegenstände auf Fotos übergeordneten Kategorien zuordnen: einen Apfel zum Obst, den Hammer zum Werkzeug. Ihre Gehirnaktivitäten wurden im Magnetresonanz-Tomographen aufgezeichnet und dann mit denen eines weiteren Bruders verglichen, der kein Zwilling war. So konnten die Forscher feststellen, dass die Funktionen einer Reihe von Gehirnregionen offenbar genetisch vorbestimmt sind– wie das Gehirn verschaltet ist und arbeitet, ist bei den eineiigen Zwillingen ähnlicher als bei ihren normalen Geschwistern. Auch die Aachener Wissenschaftler konnten feststellen, dass nicht alles, was die Gene vorgeben, unausweichlich das Handeln bestimmt. Denn es gibt Hirnbereiche, die zwar genetisch angelegt sind, aber nicht von allen Menschen auf gleiche Weise genutzt werden.

:

Martin Rosenberg

Stand: 02.10.2006


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