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Sendung vom 23. Mai 2006
Vererbt oder erworben?
Als Begründer der Zwillingsforscher gilt der britische Allroundwissenschaftler Sir Francis Galton (1822-1911), ein Cousin Charles Darwins. Bei Forschungsreisen im südwestlichen Afrika verglich er die intellektuellen Fähigkeiten der Afrikaner mit denen der britischen Kolonialherren. Dass die Afrikaner dabei schlechter abschnitten, war kein Wunder - schließlich wurden sie nach britischen Maßstäben von einem Briten getestet. Galton schloss aus seinen Untersuchungen, dass die Intelligenz vererbt wird und schlug als erster vor, zur Überprüfung dieser Hypothese Zwillingspaare heranzuziehen. Er führte seine Forschungen mit Fragebögen durch und fand seine Vermutungen bestätigt: So kam er zu dem Schluss, dass die britische Oberschicht ihren Status als gesellschaftliche Elite einem vererbten Genie verdankte. Galton machte sich Sorgen darum, dass diese Familien immer weniger Kinder bekamen, und dass deshalb die allgemeine Intelligenz abnähme. Der Staat sollte deshalb Heirat und Fortpflanzung in diesen Kreisen fördern und gleichzeitig die Fortpflanzung der unteren Klassen durch Kontingente begrenzen. Für dieses Prinzip, das auf eine Optimierung der Menschen hinauslief, prägte er den Ausdruck "Eugenik".
Die Zwillingsforschung warf daher Fragen auf, über die ganze politische Systeme in erbittertem Streit lagen: Werden die Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen vererbt oder erworben? Seit der Aufklärung galt der Grundsatz: "Alle Menschen sind gleich, Unterschiede entstehen ausschließlich durch unterschiedliche Lebensbedingungen". Wenn jetzt doch die Gene über den Menschen regieren sollten, hätte der alte Feudalismus recht: eine hierarchische Ordnung der Gesellschaft läge in der Natur des Menschen. Die beiden Standpunkte erlebten Anfang des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Ausprägungen – und Galtons Eugenik sollte dabei besonders unrühmliche Wirkungen zeigen.
Die Kommunisten in der Sowjetunion lehnten die Vorstellung von Vererbung durch Gene ab. Im Sinne der marxistischen Theorie ging der Biologe Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) davon aus, dass für die Vererbung der gesamte Organismus zuständig ist und deshalb auch erworbene Fähigkeiten vererbt werden. Seine Folgerungen wurden später als falsch entlarvt, doch zunächst machten sie die Zwillingsforschung überflüssig - sie wurde in der Sowjetunion eingestellt.
Ganz anders in Deutschland – hier stieß die Lehre von der Eugenik auf große Resonanz bei den Nationalsozialisten. Galtons Vorstellungen kamen ihnen gerade recht für ihr Konzept von einer nordischen Herrenrasse. Der Mediziner Otmar von Verschuer (1896-1969) systematisierte die Zwillingsforschung und legte eine umfangreiche Kartei der genetischen Defekte in der deutschen Bevölkerung am Frankfurter Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene an. Sein Mitarbeiter Josef Mengele (1911-1979) forschte als Lagerarzt im KZ Auschwitz und konzentrierte sich besonders auf Zwillinge. Er experimentierte mit Bestrahlungen, Bluttransfusionen, Geschlechtsumwandlungen und Gift und legte dabei eine unfassbare Grausamkeit an den Tag: Mengele ließ Neugeborene verhungern, um zu sehen, wie lange sie ohne Nahrung leben und tötete Kinder, wenn deren Zwilling starb, um die Leichen zu vergleichen. Von rund 3.000 Zwillingen in Auschwitz überlebten nur 157.
Die Zwillingsforschung geriet durch die Nazi-Gräuel in Verruf. In der Folge erlebten wissenschaftliche Theorien wie der Behaviorismus ihren Aufschwung, die den Menschen wieder hauptsächlich als Produkt seiner Umwelteinflüsse sahen. Folgerichtig fanden die wenigen Forscher, die Zwillingspaare untersuchten, auch keinerlei Gemeinsamkeiten, die nicht durch die gemeinsame Umgebung zu erklären gewesen wären. Ende der 60er Jahre ging jedoch eine aufsehenerregende Studie durch die wissenschaftliche Welt, die das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen ließ: Der britische Psychologe Cyril Burt (1883-1971) veröffentlichte 1966 Daten über 53 getrennt aufgezogene Zwillingspaare. Burt sah in diesen Daten den Beweis für eine Vererbung der Intelligenz, denn trotz unterschiedlicher Milieus, in denen die Zwillinge herangewachsen waren, waren die Intelligenzquotienten sehr ähnlich. Diese Befunde hatten Konsequenzen: Politiker in den USA forderten, dass Schwarze nicht gemeinsam mit Weißen in die Schule gehen sollten, Begründung: Ihr Intelligenzquotient liege durchschnittlich um 15 Punkte niedriger. An dieser genetischen Voraussetzung könne die Umwelt ja nichts ändern, und die schwarzen Kinder würden die weißen am Lernen hindern. Solche Forderungen verschärften die Rassenkonflikte in den USA, die in dieser Zeit gerade mit Vehemenz ausgetragen wurden. Vermutlich waren Burts Ergebnisse jedoch gefälscht: Seine Daten waren viel zu genau, und die Stichprobe unglaubwürdig groß. Heute haben sich die großen Stürme in der Zwillingsforschung gelegt: Man hat sich darauf geeinigt, dass sowohl die Gene als auch die Umwelt ihren Teil zur Persönlichkeit des Menschen beitragen.
Martin Rosenberg
Stand: 02.10.2006
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