Die zahmen Füchse von Nowosibirsk

Gene machen lieb und niedlich

  • Dienstag, 06. Juni 2006, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Ein ehrgeiziger Plan

Foto: Beljaew mit Silberfuchs

Der Forscher und sein Lebenswerk: Dmitri Beljaew und einer seiner Silberfüchse

Es waren etwas eigenwillige wissenschaftliche Thesen, die Anfang der 1950er Jahre in der UdSSR galten: Der sowjetische Chef-Biologe Trofim Lysenko, ein Vertrauter Stalins, bestritt unter anderem die Existenz von Genen und dominierte die gesamte Forschung im Land. Ein ungutes Klima – wer andere Ansichten vertrat, musste mit politischer Verfolgung rechnen. Das traf auch den Biologen Dmitri Beljaew, der wegen seiner kritischen Haltung seinen Posten als Direktor eines Forschungslabors in Moskau verlor. Doch in Nowosibirsk, an der sibirischen Abteilung der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, konnte er heimlich weiter an seinem Lebenswerk arbeiten: der Erforschung der Domestizierung.

1959, sechs Jahre nach Stalins Tod, ist der Einfluss Lysenkos endlich so weit zurück gedrängt, dass der Startschuss zu einem einzigartigen Experiment fallen kann: Beljaew will beweisen, dass Gene, die bei Tieren für ein zahmes Verhalten verantwortlich sind, auch eine Reihe anderer Merkmale kontrollieren. Könnten diese möglicherweise auch körperliche Besonderheiten wie ein geschecktes Fell, ein aufgerollter Schwanz oder Schlappohren sein? Bereits Charles Darwin hatte festgestellt, dass sich viele Haustiere durch diese Merkmale von ihren wilden Verwandten unterscheiden.



Zucht auf Zahmheit

Um das Rätsel zu lösen, besorgt sich Beljaew 30 männliche und 100 weibliche Silberfüchse von einer Pelzfarm in Estland. Mit ihnen beginnt er die Zucht. Um alle Veränderungen bei den Nachkommen auf die Gene zurückführen zu können, bestimmt der Forscher nur ein einziges Auswahlkriterium, die Zahmheit: Sind die Tiere zutraulich, lassen sie sich mit der Hand füttern, haben sie Angst, wenn Menschen sich ihrem Zwinger nähern? Allerdings bleibt der Kontakt der Füchse zu Menschen dabei auf ein Minimum beschränkt. Wenn die Welpen einen Monat alt sind, bekommen sie zum ersten Mal Futter von der Hand eines Menschen angeboten, der gleichzeitig mit der anderen Hand versucht, das Tier zu berühren. Jeden Monat wiederholen Beljaew und seine Mitarbeiter den Test, sowohl im Einzelkäfig als auch in Gruppen mit anderen Tieren. Als die Welpen im Alter zwischen sieben und acht Monaten geschlechtsreif werden, teilen die Wissenschaftler sie anhand ihres Verhaltens in mehrere Klassen ein. Füchse, die bei den Tests fliehen oder beißen, kommen in Klasse 3. Klasse-2-Füchse sind die Tiere, die Berührung zulassen, aber keine Reaktion darauf zeigen. Anders sieht es bei den Tieren der Klasse 1 aus: Sie reagieren mit freudigem Winseln und Schwanzwedeln auf die Menschen. In den Anfangsjahren sind nur 20 Prozent der Fähen und lediglich vier bis fünf Prozent der Rüden so zutraulich, dass mit ihnen weitergezüchtet wird.

Die Füchse verändern sich

Foto: Mitarbeiterin mit Silberfuchs

Die zutraulichen Füchse genießen menschliche Liebkosungen

Und Beljaews Plan geht auf – nur wenige Jahre später, bei den Füchsen der sechsten Generation, kann sein Team eine weitere Klasse einführen: 1E, die domestizierte Elite. Diese Tiere sind fügsam und gelehrig, suchen von sich aus den Kontakt zu Menschen, schnüffeln und lecken an deren Händen, konkurrieren miteinander um Zuneigung. Kurz: Sie verhalten sich wie Hunde. Nach zehn Generationen sind 18 Prozent der Tiere solchermaßen domestiziert, nach zwanzig sind es schon 35 Prozent und nach 35 Generationen fast 80 Prozent. Heute sind die Füchse so zutraulich, dass es in Sibirien bereits erste Pläne gibt, sie als Haustiere zu vermarkten. Als Ursache des neuen Verhaltens machen die Wissenschaftler einen Unterschied im Hormonhaushalt aus: Die Konzentration bestimmter Stresshormone im Blut steigt bei wilden Füchsen im Alter von zwei bis vier Monaten stark an, was sie Menschen gegenüber scheu werden lässt. Bei Beljaews zahmen Füchsen verändert sich der Hormonspiegel jedoch erst wesentlich später und bleibt auf einem geringeren Niveau. Je domestizierter die Füchse werden, desto später werden sie also erwachsen.

Schlappohren und geschecktes Fell

Foto: Mitarbeiterinnen mit Füchsen

Die unterschiedlichen Fellschattierungen sind die offensichtlichsten Veränderungen der zahmen Füchse

Auch das Äußere der zahmen Füchse beginnt sich zu verändern: Sie haben weiße Flecken am Kopf, später tragen manche Tiere am ganzen Körper ein geschecktes Fell. Immer mehr Füchse bekommen sogar Schlappohren und aufgerollte Schwänze, ähnlich wie manche Hunderassen. Beljaew fällt auf, dass es sich dabei um Merkmale handelt, die bei Wildtieren normalerweise nur im Welpenalter auftreten. Bei seinen zahmen Füchsen bleiben sie erhalten. Nach etwa 15 bis 20 Generationen kommen schließlich Füchse mit Unter- oder Überbissen zur Welt; manche haben kürzere Schwänze und Beine als die Tiere einer Vergleichsgruppe.

Damit hat Beljaew sein Ziel erreicht, die Lehre Lysenkos ist widerlegt: Die Zucht nach Verhaltensmerkmalen zieht die genetische Beeinflussung vieler anderer Merkmale nach sich. Zudem konnte er beweisen, dass die Auslese nach Zahmheit die Entwicklung der Tiere beeinflusst – domestizierte Tiere bleiben in gewissem Sinne in ihrer Entwicklung auf der Baby-Stufe stehen: Schlappohren, Bellen, und auch die Zutraulichkeit zum Menschen sind bei ihren wilderen Argenossen spätestens mit der Geschlechtsreife verschwunden.



Nur zufällig unser bester Freund?

Foto: Mitarbeiterin mit Fuchs

Ein Blick genügt, und der Fuchs weiß, wo er sein Futter findet

2005, fast ein halbes Jahrhundert nach Beginn des Versuchs, erweitert der amerikanische Anthropologe Brian Hare das sibirische Experiment: Er untersucht die Fähigkeit zahmer Füchse, menschliche Gesten zu interpretieren. Bei verschiedenen Tests schneiden die Fuchswelpen ebenso gut ab wie Hundewelpen und bei weitem besser als Wölfe und Schimpansen, mit denen Hare die gleichen Tests gemacht hat. Das zeigt, dass Auswahl und gezielte Zucht zahmer Tiere ausreichen, um auch ihr Verständnis von menschlicher Körpersprache zu verändern. Möglicherweise wurden also Hunde – zumindest in den ersten Jahrtausenden ihrer Geschichte – gar nicht wegen ihrer Kommunikationsfähigkeiten gezüchtet, wie oft angenommen wird. Vielleicht sind diese nur ein Nebenprodukt der Domestikation. Dabei muss es nicht unbedingt systematisch zugegangen sein, die Auswahl erfolgte am Anfang der Beziehung zwischen Mensch und Hund vermutlich mit eher schlichten Methoden: Tiere mit problematischem Verhalten wurden wohl einfach verjagt oder verspeist.

: Matthias Janssen


Stand: 02.10.2006, 22:05 Uhr


Stichwörter

Trofim Lysenko
Trofim Denissowitsch Lysenko, ukrainischer Biologe, lebte von 1898 bis 1976. Er war unter anderem Direktor des Instituts für Vererbungslehre und Zuchtauslese und Präsident der Akademie der landwirtschaftlichen Wissenschaften. Seine Vererbungstheorie wich von den Mendelschen Gesetzen ab und ist wissenschaftlich längst widerlegt, wurde aber mit Hilfe staatlicher Unterstützung zur Doktrin.
Domestizierung
Unter "Domestizieren" versteht man das Zähmen von Wild- zu Haustieren.
Silberfuchs
Der Silberfuchs (vulpes vulpes) ist eine Farbspielart des bekannten Rotfuchses. Sein Fell ist schwarz mit silbrig-weißen Spitzen.
Fähe
Bezeichnung für einen weiblichen Fuchs.
Stresshormon
Unter den von Beljaew gemessenen Hormonwerten waren vor allem die Kortikoide interessant. Diese Gruppe von Hormonen regulieren Stressreaktionen und wirken auch auf andere Bereiche des Verhaltens. Sie werden auch als Kortikosteroide bezeichnet und gehören zur Stoffklasse der Steroide, zu der unter anderem die Sexualhormone zählen.

Grafik: Hund gegen Katze: der Quarks-Test zum Mitmachen

Hund gegen Katze

Wer ist schlauer, Hund oder Katze? Testen Sie Ihren Liebling.

[mehr]

Die Top10 Videos im April

Schauen Sie sich hier die beliebtesten Quarks & Co-Videos aus dem April an.

[mehr]

Die Top Zuschauerfragen

Hier sehen Sie die beliebtesten Zuschauerfragen und ihre Auflösungen.

[mehr]

Service

Skript, Newsletter, Mitschnitt & Co.

[mehr]