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Sendung vom 18. Juli 2006
Wo sind die Neandertaler?
Die Neandertaler sind verschwunden. Doch wie und warum, und ob ganz spurlos oder nicht, das beschäftigt die Urmenschenforscher immer noch. Die Diskussion darüber ist nicht entschieden und besonders an einem etwa 25.000 Jahre alten Kinderskelett scheiden sich zurzeit die wissenschaftlichen Geister: Sind bei diesem Kind, das ganz sicher ein Homo sapiens ist, wieder Gene des Neandertalers ans Tageslicht gekommen? Und ist dies ein Beweis dafür, dass die Neandertaler gar nicht ausgestorben, sondern einfach in uns aufgegangen sind? Letzteres glaubt Professor Joao Zilhao von der Universität Bristol, der vor acht Jahren daran beteiligt war, dass das Kinderskelett in Portugal ausgegraben wurde. Etwa 5000 Jahre trennen es von den jüngsten Neandertalerresten, die belegen, dass diese noch vor etwas über 30.000 Jahren auf der iberischen Halbinsel lebten. In jener Zeit wanderten moderne Menschen – also die Vorfahren des etwa vier bis fünfjährigen Kindes - in diesen Teil Europas ein. Dort trafen sie auf die angestammten "alten Europäer", die Neandertaler. Und wenn dem so gewesen sein sollte, kam es möglicherweise auch zu sexuellen Kontakten.
Als moderne Menschen und Neandertaler aufeinander trafen, haben sich die Populationen der beiden Menschenarten miteinander vermischt – also auch gemeinsame Nachkommen gezeugt, glaubt Professor Zilhao. Ob dies auf friedliche oder feindselige Weise geschah, kann man nicht belegen, so der Archäologe. Alle Annahmen darüber sind Spekulation. Dass die Verbindungen aber fruchtbar waren, glaubt Zilhao anhand auffälliger Merkmale des Kinderskeletts nachweisen zu können: Das Kind, das 1998 an einem überhängenden Felsvorsprung namens Abrigo do Lagar Velho gefunden wurde, hat kürzere Schienbeine als Oberschenkelknochen, genau wie die Neandertaler. Außerdem zeigt der Unterkiefer eine weitere Auffälligkeit: eine nach hinten zum Gaumen hin abfallende Zahnreihe des Unterkiefers. Diese Merkmale des modernen Menschenkindes seien so untypisch für unsere eigenen Vorfahren, aber so charakteristisch für Neandertaler, dass deren Gene wohl im portugiesischen Kind wieder zum Vorschein kamen. Zilhao ist sicher, dass er noch weitere frühe Europäer aus demselben Zeitraum finden wird, die irgendwo an ihrem Skelett eindeutige Neandertalermerkmale vorweisen.
Glück und Unglück der Archäologen liegen häufig eng beieinander: Als das sehr zerbrechliche Kinderskelett 1998 bei Bauarbeiten zufällig entdeckt wurde, beschädigte ein Bagger den Schädel so sehr, dass dieser nur noch in Fragmenten geborgen werden konnte. Die Teile wurden etwas später in einem Krankenhaus in Lissabon in einen Medizinscanner eingelesen, um das Skelett in modernen Rechnern dreidimensional zusammenfügen zu können. Diese Methode der virtuellen Archäologie macht es möglich, auch stark beschädigte Knochen neu anzuordnen und genau zu vermessen - eine Arbeit, der sich Christoph Zollikofer von der Universität Zürich widmet. Doch seine Ergebnisse über das Kind von Lagar Velho lassen ihn der Theorie Zilhaos eher skeptisch gegenüberstehen: "Kurze Beine und gedrungene Gestalten sind keinesfalls nur typisch für die Neandertaler. Die gibt es auch heute noch bei modernen Menschen, ohne dass es Anzeichen für Gene der Neandertaler sein müssen. Dafür sind viel zu viele Generationen vergangen, seit sich die beiden Menschenarten begegnet sind." Zollikofer glaubt, dass die kurzen Waden einfach Merkmale von älteren modernen Menschen sind, deren Funktion man noch nicht kennt. Es könnten vielleicht auch Zeichen der Anpassung an das kältere Klima sein, das damals in Europa herrschte. Auch der nach hinten abfallende Unterkiefer ist für Zollikofer kein typisches Neandertalermerkmal. Diese Form liegt im Bereich der Variationsbreite von Kiefermerkmalen eines modernen Menschenkindes, so der Schweizer Experte für virtuelle Archäologie.
Die mit Spannung erwartete Untersuchung der Schädelteile und die virtuelle Rekonstruktion in Zürich ergaben nach Zollikofer, dass auch das Gehirnvolumen des Kindes dem eines Homo sapiens gleicht. Es liegt noch nicht einmal in dem Bereich, in dem man von einer Überschneidung sprechen könnte: "Der Schädel weist überall eindeutig Merkmale auf, die mit denen moderner Menschenkinder übereinstimmen und nicht mit denen von Neanderthalerkindern", stellt Zollikofer fest. Warum sollte aber ein Neanderthaler-Gen nur in den langen Röhrenknochen und so gar nicht im Schädel in Erscheinung treten? Also doch kein Mischlingskind? Die Mehrheit der Urmenschenforscher glaubt noch nicht daran, dass in Lagar Velho der Beweis für ein Rendezvous zwischen Neanderthalern und modernen Menschen gefunden wurde. Aber Joao Zilhao gibt nicht auf und sucht weiter nach Beweisen, die seine Theorie von der Vermischung der Neanderthaler mit modernen Menschen stützen.
Theorien aus der Forschung
Biologische Variante:
Neanderthaler könnten dem Klima und den Umweltbedingungen
schlechter angepasst gewesen sein als moderne Menschen. Zudem war
wahrscheinlich die Bevölkerungsdichte der Neanderthaler
kleiner als die der modernen Menschen. Eine zunehmende Vermischung
könnte dann dazu beigetragen haben, dass die Neanderthaler von
der Erde verschwanden.
Historische Variante:
Einer anderen Theorie zufolge könnten Neanderthaler auf dem
Wege verschwunden sein, auf dem Gruppen von modernen Menschen auch
heute immer wieder aussterben, sobald in ihren oft eng begrenzten
Lebensraum andere Menschen eindringen. Sie verdrängen dann
ganz einfach die alte Bevölkerung.
Harald Raabe
Stand: 02.10.2006
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