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Sendung vom 29. August 2006
Schlankmacher auf Rezept?
Renate S. ist 58 Jahre alt. Seit mehr als zehn Jahren hat sie deutliches Übergewicht, fast 30 überflüssige Kilos trägt sie mit sich herum. Ihre Gesundheit leidet, einen Bandscheibenvorfall hatte sie bereits und sie leidet unter Diabetes. Alles hat die Berlinerin schon versucht, um abzunehmen. Doch ganz gleich, ob Atkins-Diät, Trennkost oder Weight Watchers, nach kurzfristigen Erfolgen landete sie wieder bei ihrem Ausgangsgewicht – der bekannte Jojo-Effekt. In einer Berliner Zeitung stieß sie schließlich auf eine Anzeige. Dort wurden Probanden für den klinischen Test einer neuen Abnehm-Pille gesucht, die mit einen ganz neuartigen Wirkmechanismus besitzen soll. Renate S. entschließt sicht, an der Studie teilzunehmen.
Die ersten Erläuterungen der Studienkoordinatorin klingen vielversprechend. Doch bevor Renate S. einsteigen kann, muss sie sich einer ganzen Reihe von Voruntersuchungen unterziehen. Die sollen klären, ob sie überhaupt teilnehmen darf – Freiwillige, die an chronischen Infektionen wie beispielsweise Hepatitis leiden, dürfen nicht an der Studie teilnehmen. Das Risiko wäre zu hoch
Renate S. wird zugelassen, und im Frühjahr 2002 nimmt sie die erste Tablette. Zwei Jahre lang schluckt sie täglich die Pille, doch weiß sie nicht, ob sie dabei tatsächlich den Wirkstoff Rimonabant einnimmt. Denn bei der Studie handelt es sich um eine so genannte Doppel-Blind-Studie: Einige Teilnehmer bekommen eine wirkungslose Plazebo-Pille, doch weder Versuchsleiter noch Probanden wissen, wer das echte Medikament eingenommen hat. Erst am Ende werten Unbeteiligte die Versuchsreihen aus. So können falsche Ergebnisse aufgrund von subjektiven Voreinstellungen und Interpretationen ausgeschlossen werden.
Während der zwei Jahre muss die 58-Jährige auch ihre Ernährung umstellen. Ihr tägliches Kalorienkonto wird zu Beginn der Studie auf 1400 Kalorien begrenzt. Bis zum Ende wird sie ihren Kalorienbedarf auf gerade mal 1200 Kalorien abgesenkt haben. Jeden Tag führt sie akribisch Protokoll: Sie notiert, wann sie was, wo und vor allem aus welchem Grund gegessen hat. Gemeinsam mit Ernährungsberaterinnen analysiert Renate S. in regelmäßigen Abständen die Protokolle, um Fehler oder Schwächen auszumachen. Freiwillig fängt sie auch an, auch an, Sport zu treiben - Geräteturnen.
Tatsächlich macht sich eine Änderung bemerkbar: Nach einem Jahr hat Renate S. 10 Kilo abgenommen. Sie wiegt jetzt knapp 90 Kilo bei einer Größe von 1,68 Meter – für sie schon ein beachtlicher Erfolg im Vergleich zu den über 100 Kilo, die sie zu Beginn der Studie auf den Rippen hatte.
Und: Im Gegensatz zu vielen anderen Studienteilnehmern, die aus unterschiedlichen Gründen vorher aufgeben, steigt sie nicht aus, sondern macht weiter. Sie fühlt sich gut, keine Spur von Nebenwirkungen. Denn deren Auftreten wird kontrolliert, dazu muss sie in regelmäßigen Abständen einen Fragebogen ausfüllen. Nach zwei Jahren ist es dann soweit, die Studie geht zu Ende und wird ausgewertet. Der Blick auf die Waage zeigt: Renate S. hat fast 20 Kilo abgenommen. Erst hinterher erfährt sie, dass sie eine von denen war, die das echte Medikament bekommen haben – und bei ihr hat es die erhoffte Wirkung entfaltet.
August 2006: Auch zwei Jahre nach dem Ende der Rimonabant-Studie hat Renate S. ihr neues Gewicht von rund 80 Kilo gehalten. Die Ursachen für diesen Erfolg sieht die 58-Jährige allerdings weniger in der Wirkung der Pille, sondern in der Diät, die sie seitdem diszipliniert durchhält. Denn schon während der Studie unterbrach die Klinik den Versuch zwischendurch für sechs Wochen. Doch auch in dieser Zeit hat Renate S. kontinuierlich abgenommen, obwohl sie das Medikament nicht einnahm. Trotzdem würde sie an einer vergleichbaren Studie jederzeit wieder teilnehmen, denn die regelmäßigen Gewichtskontrollen und die kontinuierliche Ernährungsberatung während der Studie haben ihr geholfen, die Ernährung dauerhaft umzustellen.
Thomas Kresser
Stand: 28.09.2006
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