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Quarks & Co
Sendung vom 26. September 2006
Spinnen und Menschen
Beim unverhofften Anblick einer Spinne empfinden viele Menschen
Unbehagen, Ekel, vielleicht auch ein halb fasziniertes Gruseln,
oder eben sogar – Angst. Eine kurzzeitige, schnell
abklingende Reaktion, die man meist schon wenige Minuten
später wieder vergessen hat, wenn die Spinne wieder aus dem
Blickfeld ist. In Deutschland leben aber nach Schätzungen rund
200.000 Menschen, für die Spinnen ein riesiges Problem sind:
Sie leben ständig mit der Angst, irgendwo auf eine Spinne zu
treffen und reagieren im Ernstfall mit regelrechter Panik.Sie
richten ihren Alltag so ein, dass sie möglichst keiner Spinne
über den Weg laufen. Doch die Tiere sind potenziell
überall, man kann sie nicht vermeiden. Menschen mit schwerer
Spinnenangst treffen dagegen die umständlichsten Vorkehrungen:
Sie verschließen zum Beispiel selbst bei großer Hitze
alle Fenster, nehmen nie an einem Picknick teil, meiden oder
misstrauen generell Orten, bei denen sie vermuten oder erfahren
haben, dass dort Spinnen anzutreffen sind: etwa Kellerräume,
Aufzüge, Terrassen oder Gärten. Bei einem solchen
Verhalten sprechen Fachleute nicht mehr von Spinnenangst, sondern
von einer
Spinnenphobie.
Die 17jährige Jana aus Dresden ist ein solcher Fall. Als kleines Kind wachte sie eines Nachts auf und beobachtete mit Entsetzen, wie sich eine Spinne an einem Faden direkt über ihrem Gesicht abseilte. Seitdem lebt sie in der Angst, dass Spinnen in sie hineinkrabbeln könnten, womöglich, um in ihr Eier abzulegen. Das hatte ihr Bruder ihr angedroht, der sich über ihre Angst lustig machen wollte. Natürlich kennt Jana die Argumente der Biologen – Spinnen legen keine Eier in Menschen ab, und sind auch ansonsten in Deutschland völlig ungefährlich. Doch wie alle Phobiker kann sie ihre Angstreaktionen nicht mit dem Verstand kontrollieren. Mitmenschen reagieren auf die Panikattacken von Spinnenphobikern oft genervt oder mit harschen Sprüchen, etwa: „Die soll sich nicht so anstellen!“. Für Jana ist das wenig hilfreich.
Spinnenangst läßt sich behandeln, doch trotz enormer Therapieerfolge gibt es auch Einschränkungen. So wissen die Psychologen noch zu wenig darüber, wie spezifische Phobien, zum Beispiel gegen Spinnen, überhaupt entstehen – warum also viele Menschen nur Unbehagen gegenüber Spinnen empfinden, andere aber übersteigerte Angst entwickeln. Bei Jana scheint die Sache einfach: Sie hatte ihr Urerlebnis mit der Angst, als die Spinne nachts über ihrem Gesicht baumelte. Die meisten Spinnenphobiker haben eine solche Urerfahrung gar nicht und brechen trotzdem in Panik aus, wenn sie eines der Krabbeltiere erspähen. Wenn, wie bei Jana, tatsächlich nur eine Spinnenphobie vorliegt und keine weiteren Angststörungen bestehen, gibt es allerdings hervorragende Aussichten, mit einem Konfrontationstraining die Spinnenphobie in den Griff zu bekommen.
Sich ausdauernd mit einer Spinne zu beschäftigen, sie sogar anzufassen, oder sie über den eigenen Körper laufen zu lassen, ist natürlich das Letzte, was sich Spinnenphobiker wünschen. Doch ein so genanntes Konfrontationstraining gegen Spinnenangst verlangt genau das! Ein Horrortrip, wie viele Betroffene anfangs befürchten, ist ein solcher Kurs aber keineswegs. Nur hart bis an ihre persönliche Grenze müssen alle gehen – aber eben nicht darüber hinaus. Das auf Erkenntnissen der Verhaltenstherapie entwickelte und meist von Psychologen durchgeführte Training soll vor allem eine Erfahrung vermitteln: Wenn man sich immer wieder erneut mit Spinnen befasst, nimmt die Angst nicht bis zum Verrücktwerden zu, wie die Trainingsteilnehmer vorher mutmaßen. Sondern es passiert genau das Gegenteil: Die Angst nimmt ab. Die Patienten machen also wiederholt die Erfahrung, dass sie im Angesicht des Feindes ihre Angstreaktionen kontrollieren können. Und die Spinnen ihnen tatsächlich nichts tun – eine Erfahrung mit tatsächlich befreiender Wirkung.
Quarks & Co hat Jana bei ihrem ersten Spinnenangsttraining am Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden begleitet. Janas persönliches Ziel ist es dabei, irgendwann eine Spinne eigenhändig aus ihrer Nähe entfernen zu können.
Hierzu leitet der Trainer Jana behutsam über kleine Herausforderungen zu immer neuen Mutproben. Jana hat dabei beachtliche Fortschritte gemacht. Das soll und kann kein Maßstab für andere Betroffene sein, es ist nur ein Beispiel. Und: Die Trainings können nur erfolgreich sein, wenn die Teilnehmer auch zu Hause fleißig weitermachen; sich also im Alltag wiederholt etwa mit einer Spinne im Einmachglas konfrontieren, oder – für Fortgeschrittene – das Einfangen einer Spinne im Glas üben. Nur dann gibt es laut den bisherigen Erfahrungen die Chance, dass die Spinnenangst sehr bald Vergangenheit ist. Und, wie Psychologen versprechen, für immerhin 80 Prozent der Betroffenen.
Mike Schaefer
Stand: 27.09.2006
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