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Quarks & Co
Sendung vom 26. September 2006
Angst: Alarm im Gehirn!
Angst ist ein natürlicher Schutzmechanismus – und oft ist sie einem nicht einmal bewusst: Wir ducken uns, wenn uns etwas entgegenfliegt. Wir springen zur Seite, wenn ein Auto dicht an uns vorbeifährt. Solche instinktiven Reaktionen können ablaufen, bevor bewusst wird, was passiert. Dieser instinktive Teil der Angstreaktionen im Gehirn kann oft Leben retten. Doch er kann auch aus dem Gleis geraten – und bisher sind noch längst nicht alle Mechanismen der Angst im Gehirn aufgeklärt. Studien haben gezeigt, dass gerade bei der Angstreaktion die noch unbewusste Wahrnehmung einer Gefahr eine große Rolle spielt.
Die Wege, die die Angst im Gehirn nimmt, sind beim
natürlichen Angstempfinden und beim Phobiker zunächst
noch dieselben. Sieht man etwa das Huschen einer Spinne, wird
dieser Reiz über das Auge und den Sehnerv in wenigen
Millisekunden bis zum entwicklungsgeschichtlich ursprünglichen
Teil des Gehirns, in das
limbische System getragen. Dort gelangt der
Reiz in den Thalamus, einen Bereich, den man mit Schaltzentrale
oder Tor zur – noch unbewussten – Wahrnehmung
umschreiben kann. Die allererste Information dringt also
zunächst noch nicht ins Bewusstsein vor, sie lautet in etwa:
gefährlich krabbelndes Objekt. Der Thalamus beginnt mit der
Vorverarbeitung der Signale. Er funkt die Reize auch an das
Verstandeszentrum in der Großhirnrinde, aber bis das Bild
dort verarbeitet wird und ins Bewusstsein dringt, hat der so
genannte Mandelkern im Unterbewusstsein schon längst reagiert:
Lautet sein Urteil Furcht, löst er das Angstprogramm aus. Der
Körper reagiert sofort mit bestimmten Notfallmaßnahmen.
Die Steuerzentren des Gehirns für das Hormonsystem
veranlassen, dass Stresshormone ausgeschüttet werden. Der
Körper wird reflexhaft in Alarmbereitschaft gesetzt: Adrenalin
strömt ins Blut, das Herz klopft schneller, die Atmung
erhöht sich. Fliehen oder Kämpfen – darauf ist der
Körper nun in Sekundenschnelle vorbereitet.
Während die Angst körperlich geworden ist, wird erst bewusst, was man da eigentlich sieht, das Großhirn hat mit der Verarbeitung begonnen. Über die Sehrinde und weitere Großhirns erkennen wir jetzt nicht nur das gefährlich krabbelnde Objekt als Spinne. Das bewertet auch anhand der Erinnerungen und Erfahrungen mit Spinnen jetzt die Situation schätzt ein, was zu tun ist: Bedeutet das Tier eine tatsächliche Gefahr? Entscheidet Verstandeszentrum dagegen, wird diese Information zum immer noch alarmierten Mandelkern geschickt. Die Angstreaktion wird gestoppt und die körperlichen Symptome klingen ab.
Nicht so bei Phobikern. Bei ihnen hat die Großhirnrinde keine Chance. Gehirnforscher vermuten, dass das zum einen daran liegt, dass Spinnenphobiker negativere Erinnerungen an Spinnen haben. Aber selbst wenn die Großhirnrinde die Gefahr als als gering erkennt und Entwarnung gibt, lässt sich die Angstreaktion bei Phobikern nicht mehr so leicht stoppen. Herzrasen, Schweißausbrüche, hektische Atmung – die Panikattacke ist in vollem Gange. Es dauert viel länger als bei der natürlichen Angstreaktion, bis die körperlichen Symptome abklingen und die Attacke vorbei ist. Beim nächsten Anblick einer Spinne wird die Erinnerung des Phobikers durch die letzte Panikattacke vermutlich noch negativer sein, aber nicht, weil er sich zwingend an eine gefährliche Situation erinnert, sondern weil ihm die körperlich unangenehme Panikreaktion noch in den Knochen steckt. Ein Teufelskreis, aus dem schwer auszubrechen ist. Wenn die Phobie, etwa durch eine Konfrontationstherapie erfolgreich behandelt wird, kann das Gehirn lernen die Angst-Reaktionen wieder realistisch einzuschätzen und den Teufelskreis zu stoppen.
Anke Rau
Stand: 28.09.2006
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