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Quarks & Co
Sendung vom 26. September 2006
Woher kommt die Angst vor Spinnen?
Spinnen stellen in Mitteleuropa keine Gefahr für Menschen
dar. In Deutschland gibt nur
zwei Arten, deren Biss etwa einem Wespenstich
gleichkommt, und diese Arten kommen zudem überaus selten vor.
Und doch empfinden die meisten Deutschen beim Anblick einer Spinne
Unbehagen, Ekel, und eben: Angst. Erstaunlich angesichts der
geringen Bedrohung, die von den Tieren ausgeht. Wissenschaftler
haben unterschiedliche Erklärungen für das Phänomen
der besonders in westlichen Zivilisationen weit verbreiteten
Spinnenängste, zum Teil widersprüchliche.
Einige Psychologen vermuten, dass der Mensch besonders vor Tieren Angst entwickelt, die sich genetisch sehr von ihm unterscheiden. Die Spinne könne sich zudem sehr schnell und für den Menschen nur schwer berechenbar bewegen, und urplötzlich in seiner Nähe auftauchen. Biologen wenden dagegen ein, dass diese Merkmale auch auf Fliegen, Mücken oder Wespen zutreffen. Und die sind zum Teil für den Menschen wesentlich gefährlicher als Spinnen, aber sie lösen bei ihm viel seltener Ängste aus.
In den 1970er Jahren haben Psychologen die menschliche Spinnenangst in zahlreichen Tests untersucht. Dabei stellten sie fest, dass ihre Probanden auf Bilder von Spinnen stärker mit Angst reagierten als auf potenziell lebensgefährliche Alltagsgegenstände wie Autos oder Steckdosen. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass die Angst vor Spinnen seit Urzeiten genetisch vererbt wird. Dagegen wenden Biologen ein, dass bis heute keine extrem gefährliche Spinnenart gefunden wurde, die den Hintergrund für eine solche vererbte Angst bilden könnte. Die ältesten Spinnenfunde stammen aus Bernstein, also uraltem Baumharz, das die fossilen Krabbeltiere konserviert hat. Die darin gefundenen Spinnen waren bis zu 200 Millionen Jahre alt. Die Biologen glauben: Diese Arten waren für Menschen keineswegs gefährlicher als heutige Spinnen, und schon gar nicht konnten sie das Überleben der Gattung Homo Sapiens insgesamt in Frage stellen. Eine genetische Vererbung der Spinnenangst aufgrund einer früheren realen Bedrohung erscheine daher unplausibel.
Zudem weisen Kulturwissenschaftler und Ethnologen darauf hin, dass in vielen Völkern außerhalb des christlich-westlichen Kulturkreises die Spinnenangst nicht so verbreitet ist wie bei uns. Die Spinne wird rund um den Globus oft sogar religiös verehrt, zum Beispiel bei mehreren Indianerstämmen Nordamerikas: Dort gilt sie als gottnahes Wesen, das bei der Erschaffung der Welt half, das Tor des Menschen zum Leben hütet, und den Menschen Weisheit sowie die Kunst des Spinnens und Webens schenkte. Wo das Christentum herrschte, wurde die Spinne jedoch mit Tod, Teufel, Pest und bösen Frauen in Verbindung gebracht. Der große Arzt Paracelsus, ein bedeutender, gläubiger Mediziner im 16. Jahrhundert, verbreitete ernsthaft, dass Spinnen aus dem Menstruationsblut von Frauen entstehen und vom Teufel ausgebrütet werden. Und Hexen würden das Gift dieser Spinnen verwenden, um Männer impotent zu machen.
Wenn Eltern ein entspanntes Verhältnis zu Spinnen haben, dann ist die Chance größer, dass auch ihre Kinder wenig Angst vor Spinnen zeigen. Umgekehrt berichten Therapeuten, dass bei Spinnenphobikern oft auch ein Elternteil Angst vor Spinnen hatte. Ist Spinnenangst also reine Erziehungssache? Das wiederum könnte der These von einer genetisch vorgeprägten Spinnenangst widersprechen. Was aber immer die Ursache sein könnte – dass Menschen von jeher ein besonderes Verhältnis zu Spinnen haben, ist unbestritten. Seit Tausenden von Jahren löst sie beim Menschen intensive Reaktionen aus wie Faszination, Angst, Vergötterung und Verteufelung. Ein Grund könnte sein, dass es auf der ganzen Welt und in allen möglichen ökologischen Nischen Spinnen gibt – Spinnen sind wirklich überall. Vielleicht haben sie deshalb in nahezu allen Kulturen einen festen Platz in Literatur, Kunst und Religion, als geheimnisvolles Symbol-, Rettungs-, Schutzoder eben auch Horrortier erobert. Das hat so noch kein anderes Lebewesen geschafft.
Mike Schaefer
Stand: 28.09.2006
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