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Quarks & Co
Sendung vom 26. September 2006
Die perfekten Jäger
Spinnen leben räuberisch. Sie ernähren sich in der
Regel von Insekten oder Käfern, die größeren
Spinnenarten wagen sich aber auch an kleine
Nager oder Echsen heran. Die südamerikanische Sumpfjagdspinne
hat es selbst auf kleine Fische abgesehen. Wie die Spinnen an ihre
Beute kommen, ist allerdings sehr unterschiedlich. Und anders, als
man oft glaubt, spinnt die Mehrzahl der Spinnenarten keine Netze,
sondern benutzt ganz andere Tricks.
Die wohl bekannteste Methode der Spinnen, an Nahrung heranzukommen, ist es, ein Netz zu spinnen und darauf zu warten, dass ein Opfer hinein fliegt oder hinein springt. So machen es die Kreuzspinnen, die Hauswinkelspinnen und viele andere Webspinnen. Kein Netz ist aber so beeindruckend, wie das der Seidenspinne Nephila. Sie baut mit bis zu zwei Metern Durchmesser das größte Spinnennetz der Welt. Die Spinne Hyptiotes hält ihr Netz mit einem Faden fest. Fliegt ein Beutetier hinein, lässt sie das Netz los – das Beutetier ist in der Falle. Die in den Tropen lebende Dinopis fängt ihre Beute auch mit einem Gespinst. Allerdings hängt sie an einem Faden und spannt ihr Netz zwischen ihren vier vorderen Beinen auf. Kommt ein Insekt vorbei geflogen, breitet sie es auseinander und wirft das Netz über ihr Opfer.
Krabbenspinnen gelten als Meister der Tarnung, oft sitzen sie auf Blüten und warten auf die Nektar suchenden Insekten, etwa Bienen. Die weibliche Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) passt ihre Körperfarbe wie ein Chamäleon dem Untergrund an. Landet ein Beutetier, kann sie es mit einem kurzen Sprung packen. Weil sie ein starkes Gift besitzt, kann sie sogar Insekten erlegen, die wesentlich größer sind als sie selbst. Noch raffinierter ist die australische Krabbenspinne (Thomisus spectabilis). Sie reflektiert UV -Strahlung und lockt so Honigbienen an. Denn Bienen können UV -Licht wahrnehmen und lieben stark kontrastierend gemusterte Blüten. Die Krabbenspinne versteckt sich also nicht wirklich, sondern lockt mit einer Leuchtreklame. Vogelspinnen streifen nachts auf der Suche nach Beute umher oder lauern ihr bewegungslos auf. Sie können nicht gut sehen, aber die Haare an ihren Beinen spüren selbst den feinsten Lufthauch. Bemerkt die Spinne auf diese Art ein vorbeilaufendes Opfer, schnappt sie mit den Vorderbeinen zu. Da Vogelspinnen besonders groß sind, fangen sie auch die größten Beutetiere. Das geht bis hin zu kleinen Nagern und Reptilien. Zur Verteidigung können Vogelspinnen Haare von ihrem Hinterteil auf den Gegner abschießen, die mit Gift versehen sind. Berühren sie menschliche Haut, brennt es wie bei einem Kontakt mit Brennnesseln. Sehr trickreich bei der Jagd sind die Falltürspinnen. Sie graben sich einen Bau in die Erde und verdecken diesen mit einer Klappe, die sie aus selbstgesponnen Fäden und Erde herstellen. In diesem Loch lauern sie hinter ihrer gut getarnten Falltür. Kommt ein Opfer vorbei, spürt die Spinne in der Höhle dies an den feinen Bodenerschütterungen. Sie klappt die Tür blitzschnell auf und schnappt zu.
Springspinnen sind mit ca. 5.000 Vertretern die häufigste Spinnenart. Sie verdanken ihren Namen ihrer Jagdtechnik, denn sie überfallen ihr Opfer durch einen für ihre Körpergröße gewaltigen Sprung. Er kann bis zu 30 Zentimeter weit sein, das ist etwa das Dreißig- bis Hundertfache ihrer Körpergröße. Ein Mensch könnte mit dieser Sprungkraft ein Fußballfeld überqueren. Damit die Springspinne ihr Opfer auch erkennen kann, muss sie sehr gut sehen können, und in der Tat haben Springspinnen den besten Gesichtsinn. Sie nutzen zwei Augenpaare. Eines davon kann gut in der Nähe sehen, ist also eher kurzsichtig. Das andere kann sehr gut Dinge auf Distanz erkennen, ist also weitsichtig.
Die in den südamerikanischen Tropen lebende Sumpfjagdspinne lebt an Gewässern. Sie jagt kleine Fische unter Wasser. Die Sumpfjagdspinne lauert am Ufer und fühlt auf der Wasseroberfläche mit ihren Vorderbeinen Bewegungen auf und unter Wasser. Wenn ein Beutetier herankommt, taucht sie blitzartig unter und packt es. Das Besondere dabei ist, dass sie nicht nass wird. Dank ihrer besonderen Körperbehaarung bildet sich um sie herum ein Luftpolster, das sie vor der Nässe schützt.
Die Springspinne Portia jagt andere Spinnen. Sie gilt als die Raffinierteste unter den Spinnen, denn sie kann ihre Jagdstrategie dem Opfer anpassen. So zupft sie zum Beispiel bei bestimmten Spinnen in dem Rhythmus am Netz, wie es normalerweise ein balzendes Männchen dieser Art tun würde. Das Weibchen, das im Netz sitzt, lässt sich davon beruhigen und erwartet den Besuch eines harmlosen Freiers – stattdessen kommt die gefährliche Portia herein.
Eine andere Taktik setzt die Spinne Portia ein, um die riesige Seidenspinne Nephila zu überlisten. Das Nephilaweibchen ist für eine Portia zu groß. Aber das Männchen, das mit im Netz des Weibchens lebt, ist gerade richtig. Portia muss also nur das Weibchen weglocken und hat dann freie Bahn, um an das Nephila-Männchen ranzukommen. Dafür greift die Räuberin zu verschiedenen Strategien. So zupft sie auf bestimmte Art und Weise an dem Netz, um dem Weibchen Beute vorzutäuschen. Klappt das, schleicht sich Portia in das Netz und wartet einen günstigen Augenblick ab, in dem das Nephilaweibchen ihr Männchen verlässt, um die vermeintliche Beute zu holen. Dann greift Portia das ahnungslose Männchen an. Dass die Springspinne Portia sich so planvoll verhalten kann, ist Naturforschern noch ein Rätsel. Bei einem bestimmten Test, in dem planvolles Handeln zum Erfolg führt, ist sie sogar besser als Ratten und Affen, die als recht intelligent gelten.
Spinnen ernähren sich hauptsächlich von Insekten. Doch die sind von einem ungenießbaren Chitin- Panzer umgeben, den die Spinne nicht ohne weiteres knacken kann. Um an das nahrhafte Innere zu kommen, injizieren Spinnen dem Opfer eine Verdauungsflüssigkeit. Oft erfüllt diese Funktion auch schon das Spinnengift. Die Säfte lösen Fleisch und Organe der Beute regelrecht auf, so dass die Spinne sie nur noch ausschlürfen muss. Sie verdaut ihre Opfer also außerhalb des Magens, im Übrigen eine sehr energiesparende Methode.
Alle Spinnen erzeugen Gift. Es handelt sich dabei meist um ein Nervengift, das das Opfer lähmt. Es gibt aber auch Spinnengifte, die zersetzend wirken. Wirklich gefährlich sind nur sehr wenige Spinnenarten: etwa 30-40 von insgesamt 35.000 bisher bekannten. Vorsicht ist geboten, wenn man allergisch auf die Gifte reagiert. Vor allem Personen, die auf Wespenstiche allergisch reagieren, sollten aufpassen.
Die Funnel-Web-Spinne (Trichterspinne) aus Australien und die so genannte brasilianische Wanderspinne Phoneutria aus der Familie der südamerikanischen Kammspinnen gelten als die giftigsten Spinnen überhaupt. Ihr Biss kann tödlich sein. Als Schwarze Witwe bezeichnet man die Vertreter der Gattung Lacreducutus. Sie umfasst über 30 verschieden Arten. Wirklich gefährlich sind nur die Schwarzen Witwen aus tropischen Ländern. Wegen ihrer geringen Größe und der geringen Giftmenge können aber auch sie nur kranke oder geschwächte Menschen ernsthaft gefährden. Der Biss des in Süddeutschland beheimateten Dornfingers (Cheiracanthium punctorium) kann immerhin mehrere Tage schmerzen. In Australien wurden seit 1927 dreizehn Todesopfer gezählt, sie gehen vor allem auf das Konto der Funnel-Web-Spinnen. Diese Tiere sind so genannte Kulturfolger, die in menschlichen Siedlungen leben und dem Menschen nachziehen. Dabei kommen sie auch in die Städte, zum Beispiel nach Sydney. Aus Südamerika werden ebenfalls Todesfälle durch Spinnenbisse berichtet. Hier kommt vor allem die Phoneutria in Frage. Insgesamt gesehen ist die Gefahr durch Spinnen aber sehr gering, da die weder giftig genug noch groß genug sind, um den Menschen wirklich gefährlich zu werden.
Hilmar Liebsch
Stand: 28.09.2006
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