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Tödlicher Sex?

Liebe unter Spinnen

  • SendeterminDienstag, 26. September 2006, 21.00 - 21.45 Uhr .

Acht Beine und ganz viele Augen

Foto: Vogelspinne
Die Vogelspinnen gehören zu den größten Spinnen

Sex unter Spinnen hat keinen guten Ruf. Schließlich hat fast jeder schon einmal davon gehört, dass das gierige Spinnenweibchen den Bräutigam nach der Hochzeitsnacht verspeist. Doch die Wirklichkeit ist – wie immer – weniger reißerisch und viel komplexer. Doch erstmal von vorne: Das, was man landläufig als Spinne bezeichnet, ist die bekannteste Gruppe der Spinnentiere. Sie werden auch als die echten Spinnen (Araneae) bezeichnet. Mit etwa 38.000 Arten stellen sie zugleich die artenreichste Ordnung der Spinnentiere dar. Zu den Spinnentieren gehören auch Skorpione und Milben, nicht aber Krebse oder Insekten. Der Körper der Spinnen besteht grob aus zwei Teilen, die über einen Stiel mit einander verbunden sind: das Vorderteil, umgeben von einem festen Chitinpanzer, und das meist etwas größere Hinterteil. Die acht Beine, das Gehirn, sechs bis acht Augen, Mund und die Kieferklauen samt Giftdrüsen in der Spitze gehören zum Vorderteil. Das Hinterteil beherbergt Herz, Atemorgane, Magen, Fortpflanzungsorgane und den After, der von den Spinndrüsen umgeben ist.

Kein bestes Stück beim Spinnenmännchen

Spinnenweibchen sind deutlich größer als Männchen. Diese haben zwar Hodenstränge, aber keine Penisstruktur, so dass sie auf ein anderes Organ angewiesen sind, das sie zur Begattung nutzen: Sie verwenden das löffelartige Ende ihres Kiefertasters, um ihre Spermien in die Geschlechtsöffnung des Weibchens einzuführen. Der Kiefertaster des Männchens und die Geschlechtsöffnung des Weibchens sind für jede Spinnenart typisch und passen genau ineinander.

Tödlicher Geschlechtsakt

Foto: Schwarze Witwe (Lacreductus mactans)
Schlechter Ruf wegen schlechter Angewohnheit: Die Schwarze Witwe verzehrt nach dem Geschlechtsakt gerne mal den Partner. Immerhin kommt das Männchen so der späteren Brut zu Gute

Da Spinnen im Allgemeinen Einzelgänger und auch sehr wehrhaft sind, müssen sich die kleineren Männchen etwas einfallen lassen, damit sie sich einem Weibchen nähern können. Denn sie werden vom Weibchen oft nicht als Liebhaber in spe erkannt – sondern als Beute. Für das Männchen ist die Paarung also immer riskant, und wenn es nicht das richtige Balzritual vollführt, dann wird es gefressen. Deshalb hat jede Spinnenart ein eigenes Balzritual: So vollführen männliche Wolfspinnen regelrechte Tänze. Sie winken den Weibchen heftig mit beiden Kiefertastern und wackeln mit dem Körper hin und her. Springspinnen tanzen, um ihre erotische Absicht zu demonstrieren. Männliche Kreuzspinnen hingegen zupfen in einem bestimmten Rhythmus an dem Netz des Weibchens. Dadurch besänftigt, lässt sie das Männchen herankommen.

Auch Bestechung hilft

Die Männchen einer in Südfrankreich beheimateten Kreuzspinnenart springen ihre Weibchen regelrecht an. Während er dann seinen mit Samen gefüllten Taster zur Geschlechtsöffnung des Weibchens bringt, schlägt sie schon ihre Klauen in seinen Hinterleib. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei und das Weibchen verzehrt das Männchen. Das Männchen der Jagdspinne Pisaura Listeri fängt eine Fliege, spinnt sie ein und stolziert mit dem Brautgeschenk zur Auserwählten. Nimmt sie die Fliege an, kann das Männchen sie begatten. Es ist sogar beobachtet worden, dass das Männchen das Brautgeschenk wieder mitnimmt. Doch nicht immer ist der Sex bei Spinnen gefährlich bis unerfreulich. Einige Arten leben sogar zusammen in einem Gespinst. Die riesige Netzspinne Nephila zum Beispiel duldet das kleinere Männchen in ihrem Netz. Die Vogelspinnen gehören zu den größten Spinnen Schlechter Ruf wegen schlechter Angewohnheit: Die Schwarze Witwe verzehrt nach dem Geschlechtsakt gerne mal den Partner. Immerhin kommt das Männchen so der späteren Brut zu Gute

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Foto: Wolfsspinne
Rührende Brutpflege: Die Wolfspinne trägt ihre Jungen mit sich herum

Alle Spinnen erblicken aus Eiern das Licht der Welt. Häufig trägt die Spinnenmutter die Eier in einem speziellen Kokon mit sich herum oder bewacht diesen. Die Jungen schlüpfen nach zwei bis acht Wochen aus dem Ei. Sie sind dann, anders als etwa Schmetterlinge, schon als fertige Spinnen zu erkennen. Doch erst nach der ersten Häutung verlassen sie das Gespinst des schützenden Kokons und machen sich auf in die weite Welt. Einige Arten spinnen dazu einen Faden, von dem sie sich davontragen lassen. Sie erreichen so Entfernungen von mehreren 100 Kilometern. Bei der Wolfspinne dagegen bleiben die Jungspinnen noch etwa acht Tage lang auf dem Rücken der Mutter.

Bis zur Geschlechtsreife sind Spinnen extrem regenerationsfähig. Sie können sogar verlorene Beine wieder ersetzen. Die Weibchen einiger Vogelspinnenarten werden in Gefangenschaft bis zu 30 Jahre alt. Die Männchen leben in der Regel nur 1-3 Jahre.

Die Wahrheit über Spinnen, Sex und Horrormärchen

Sex bei Spinnen muss also nicht immer tödlich enden, und auch sonst gibt es viele Verleumdungen, die über die nützlichen Tiere kursieren.

Hier ein paar Richtigstellungen:

"Spinnenweibchen fressen die Männchen immer nach dem Sex auf."

Nein! Viele Männchen können fliehen, bevor sie von dem Weibchen als Beute erkannt werden. Und die Seidenspinne Nephila lebt sogar mit ihren Männchen in einem Netz.

"Verschiedene Spinnenarten können sich untereinander paaren."

Nein! Die sekundären Geschlechtsorgane des Männchens einer Art und die Geschlechtsöffnung des Weibchens passen genau ineinander. Eine artfremde Befruchtung ist deswegen nicht möglich.

"Spinnen legen ihre Eier auch unter die Haut von anderen Tieren und sogar Menschen."

Da die Spinnen keinerlei Vorrichtung haben, um die Eier zu injizieren, ist das falsch. Die Geschichte, nach der eine Frau nach einem Tropenurlaub eine Beule im Gesicht bekam, die unter der warmen Dusche aufplatzte und Unmengen von kleinen Spinnen entließ, ist eine moderne Wandersage und komplett erfunden.

:

Hilmar Liebsch

Stand: 28.09.2006


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