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Eine Frau gegen die Statistik

Der Fall Sally Clark

  • SendeterminDienstag, 17. Oktober 2006, 21.00 - 21.45 Uhr .

Zwei tote Babys in einem Jahr

Foto: Sally Clark und Ehemann
Anklage wegen zweifachen Mordes: Sally Clark

Manipulationen und falsche verstandene Statistiken können einfach nur ärgerlich sein – aber sie können auch gravierende Folgen haben. In England musste eine Frau ins Gefängnis, weil ein Sachverständiger grundlegende Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung außer Acht ließ und das Gericht ihm glaubte.

Der Fall Sally Clark beginnt mit dem plötzlichen Tod ihres ersten Kindes: Die Rechtsanwältin aus Manchester bekommt 1996 ihren ersten Sohn Christopher, ein gesundes Kind. Doch nach 11 Wochen ist er tot – Stichwort"plötzlichen Kindstod", diagnostizieren die Ärzte. Tragisch für die junge Mutter, doch nicht so ungewöhnlich: Das Schicksal trifft jedes Jahr einen von rund 2.000 gesund geborenen Säuglingen, die genauen Ursachen kennt man nicht.
Die Ärzte raten Sally Clark dazu, bald wieder schwanger zu werden. Dann könne sie das schreckliche Erlebnis psychisch besser verarbeiten. Ein Jahr später, am 29.11.1997, kommt der zweite Sohn Harry auf die Welt.

Schuldig durch falsche Wahrscheinlichkeit?

Foto: leeres Kinderbett
Wie oft kommt der plötzliche Kindstod in einer Familie wirklich vor?

Aber auch Harry stirbt im Alter von acht Wochen - jetzt werden die Behörden misstrauisch. Sally Clark wird angeklagt wegen zweifachen Mordes. Neben undurchsichtigen und widersprüchlichen Gutachten der Pathologen ist es vor allem die Stellungnahme eines Mannes, die das Gericht überzeugt: Der Kinderarzt Professor Roy Meadow hält es für äußerst unwahrscheinlich, dass in einer Familie zweimal hintereinander der plötzliche Kindstod auftritt. Meadow führt schon länger einen Kampf gegen diese Diagnose, denn seiner Meinung nach verbirgt sich dahinter meistens Mord durch die Eltern. Meadows rechnet vor: In einer von 8.500 Familien, deren Situation mit der von Sally Clark vergleichbar ist, stirbt ein Säugling zufällig an plötzlichem Kindstod, also besteht dafür eine Wahrscheinlichkeit von 1:8500 dafür. Für das zweite Kind besteht eine genauso große Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Meadows multipliziert also die Wahrscheinlichkeiten und kommt auf eine Zahl von 1: 72.250.000. Soll heißen: Nur in einer von 72 Millionen Familien würde das Schicksal tatsächlich zweimal auf so grausame Weise zuschlagen. In England wäre das alle hundert Jahre einmal der Fall. Meadows interpretiert sein Ergebnis als Wahrscheinlichkeit für Sally Clarks Unschuld – die damit also äußerst gering wäre. Diesem Argument folgt das Gericht, und Sally Clark wird im November 1999 wegen zweifachen Mordes zu zweimal lebenslänglich verurteilt.

Widerspruch von Statistik-Experten

Die Königliche Statistische Gesellschaft protestiert gegen den "Missbrauch von Statistik" vor Gericht: Zunächst einmal ist es rein statistisch überhaupt nicht zulässig, die Zahl von 8500 einfach zu multiplizieren. Das käme nur in Frage, wenn die beiden Todesfälle völlig unabhängig voneinander wären. Man vermutet aber gerade beim plötzlichen Kindstod, dass es noch unbekannte Ursachen in den Genen oder in der Umwelt gibt, die solche Todesfälle zur Folge haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einer Familie zwei Kinder sterben, ist also deutlich höher, als Meadows berechnet hat.

Wie klein ist "klein genug"?

Foto: Justizia und Waagschalen mit Prozentwerten
Wie groß sind die Wahrscheinlichkeiten für Schuld oder Unschuld?

Es gibt aber noch ein weiteres Problem bei Meadows' Argumentation, unter Statistikern bekannt als "prosecutor's fallacy", was man etwa als "Trugschluss des Anklägers" übersetzen könnte. Angenommen, die Wahrscheinlichkeit für den plötzlichen Kindstod sei mit 1:72,25 Millionen korrekt berechnet – die Zahl alleine sagt überhaupt noch nichts aus. Der Staatsanwalt interpretiert sie aber als "Wahrscheinlichkeit für Unschuld" und legt nahe: "Weil die Zahl klein ist, muss die Wahrscheinlichkeit für Schuld groß sein." Korrekterweise müsste er jedoch die "Wahrscheinlichkeit für Schuld" unabhängig davon ermitteln, und dann die beiden Zahlen gegenüberstellen. Man müsste also überschlagen, wie viele Mütter ihre beiden Kinder töten: Macht so etwas eine von 100 Millionen oder eine von einer Milliarde? Erst durch den Vergleich dieser beiden Zahlen könnte man überhaupt eine Aussage treffen, aber man sieht auch sofort, wie absurd so eine Aussage wäre.

Freispruch nach drei Jahren

Sally Clark bleibt noch bis Januar 2003 inhaftiert. Ihr drittes Kind wird zu Pflegeeltern gegeben. Ihr Leben ist zerstört, weil ein Medizin-Professor mit Zahlen jongliert hat. Erst nach drei Jahren erreicht ihr Mann eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Und diesmal wird sie freigesprochen, allerdings aus anderen Gründen: Die Anklage hatte im ersten Prozess verschwiegen, dass der kleine Harry eine starke Bakterien-Infektion hatte.

Stichwörter

1 Plötzlicher Kindstod
Der plötzliche Kindstod ist ein Alptraum vieler Eltern: Ihr scheinbar gesundes Baby liegt eines Tags plötzlich und ohne erkennbaren Grund tot in seinem Bett, eine organische Ursache ist nicht zu finden. Den plötzlichen Kindstod diagnostiziert der Pathologe, wenn er alle anderen möglichen Todesursachen ausgeschlossen hat. Betroffen sind meist Babys zwischen vier Wochen und einem Jahr. Bis heute kennt man die Todesursache nicht genau. Manche Theorien verdächtigen Bakterien oder Pilze. Auch die Gene und bestimmte Lebensumstände scheinen den plötzlichen Tod zu begünstigen. Heute weiß man, dass vor allem das Rauchen der Mütter schon während der Schwangerschaft, eine Bauchlage des Kindes und eine zu hohe Raumtemperatur das Risiko vergrößern. Tragisch ist, dass bis in die neunziger Jahre hinein den Müttern in England geraten wurde, ihr Baby auf dem Bauch schlafen zu lassen, weil man sonst Haltungsschäden befürchtete. Als man dazu überging, die Rückenlage zu propagieren ("Back to sleep"-Kampagne), konnte die Zahl der Todesfälle drastisch gesenkt werden. Zurück zum Absatz
:

Martin Rosenberg

Stand: 22.10.2006


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