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Sendung vom 02. Januar 2007
Wie Babys mit dem Mund die Welt erobern
Ein Neugeborenesweiß noch nichts, es kann sich kaum bewegen, das Sehen muss erst noch erlernt werden, der Tastsinn der kleinen Händchen ist noch nicht entwickelt. Und nun soll es sich in der Weltzurechtfinden. Eine enorme Herausforderung!
Einziges Hilfsmittel ist zunächst nur der Mund des Babys: als Tastorgan von Geburt an hochsensibel! Das einzige Hilfsmittel? Nicht ganz: ein Baby kann auch schon sehr gut hören und riechen. Aber es kann noch nicht sprechen, allenfalls schreien, wenn ihm was nicht passt. Babyforscher verstehen inzwischen immer besser: der Mund ist für das Baby ein zentrales Tor zur Welt – und dank seines Mundes ist es vielleicht doch nicht ganz so hilflos...
Wissenschaftler haben es mit modernen Ultraschallkameras detailliert dokumentiert: der Mund ist schon im Mutterleib in Aktion. Föten saugen offenbar gerne und oft am Daumen, im zweiten Drittel der Schwangerschaft sogar durchschnittlich 18 mal pro Stunde – vielleicht, um Saugbewegungen zu üben?
Gleich nach der Geburt gibt es die große Herausforderung: das erste Finden der Brustwarzen der Mutter. Sicher ist, dass das Baby ohne angeborene Reflexe bei der Suche scheitern würde. Neben dem Geruch – auf der Brustwarze der Mutter befinden sich Duftdrüsen, die das Baby leiten – führen vor allem Tastbewegungen des Mundes das Baby zum Ziel. Erst wenn es sicher die Brustwarze mit dem Mund umschlossen hat, setzt der Saugreflex ein.
Außer Trinken hat ein Neugeborenes natürlich noch andere Bedürfnisse. Durch Zufriedenheit oder durch Quengeln, Weinen und Schreien kann es mit Erwachsenen zwar kommunizieren, aber dabei nur sehr elementar seine Befindlichkeit und Wünsche mitteilen. Es führt kein Weg vorbei: Irgendwann muss das Kind Sprechen lernen. Doch wie beginnt das Baby damit? Babyforscher vom Leipziger Forschungslabor für frühkindliche Entwicklung haben entdeckt: schon Neugeborene sind in der Lage, vorgesprochene Vokale mimisch nachzuahmen, also bei einem geduldig vorgesprochenen „A“ den Mund zu öffnen, oder bei einem vorgesprochenem „M“ die Lippen zusammenzupressen. Das alles allerdings noch ohne den dazugehörigen Ton. Die Leipziger Forscher vermuten, dass es sich bei dieser Nachahmungsreaktion um eine Vorstufe des Spracherwerbs handeln.
Wenn das Kind ein paar Wochen älter ist, kann es das Gesicht von Erwachsenen schon differenzierter erkennen, und auf Ansprache mit unterschiedlichsten Gesichtsausdrücken und Mundbewegungen reagieren. Aber es kann immer noch nicht sprechen. Sind seine Mundreaktionen zu diesem Zeitpunkt jedoch Imitationen des Gesehenen, oder versucht das Baby, schon aus eigenem Antrieb aktiv zu handeln? Eltern werden wahrscheinlich instinktiv die letztere Variante bejahen. Für Wissenschaftler ist die Klärung dieser Frage eine große Herausforderung: Wie kann man das Kommunikationsverhalten weniger Wochen alter Babys untersuchen?
Leipziger Forscher vom Institut für frühkindliche Entwicklung konzentrierten sich zum Beispiel auf ein winziges Detail: das bei Babys in diesem Alter oft zu beobachtende Herausstrecken der Zunge, wenn sich Erwachsenen ihnen zuwenden. Sie fanden heraus, dass Babys ihre Zunge nicht nur herausstrecken, wenn Erwachsene mit ihnen reden, sondern auch, wenn die Erwachsenen plötzlich verstummen. Sie verstehen das als Reaktion des Babys, die Situation verändern zu wollen „Ich sehe ein Gesicht – aber es ist keine Aktion mehr zu sehen!“. Bestätigt sehen sich die Wissenschaftler durch Beobachtungen an Kindern, die ein paar Wochen älter sind: in der gleichen Situation strecken sie ihre inzwischen recht gut koordinierten Ärmchen zum Gegenüber aus, die Zunge spielt dann keine Rolle mehr.
Wieder ein paar Wochen später kann das Kind mit seinen Ärmchen zwar schon Gegenstände ergreifen, doch der ganz feine Tastsinn der Hände muss noch ausgebildet werden. Deshalb bleibt auch in dieser Phase für das Baby der Mund das Tor zur Welt: alles und jedes nimmt es in den Mund, um es zu erfassen und wichtige Informationen zu sammeln. Wertvolle Daten, die das Baby in seinem Gehirn nachhaltig speichert. Bis es in ein paar Monaten auf den voll ausgebildeten Tastsinn seiner Hände vertrauen kann, wird es mit dem Mund also noch viele überraschende Erfahrungen machen.
Mike Schaefer
Stand: 06.10.2006
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