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Warum küssen wir?

Theorien zu einem rätselhaften Phänomen

  • SendeterminDienstag, 02. Januar 2007, 21.00 - 21.45 Uhr .

Das seltsame „Mund-auf-Mund-Drücken“

Foto: Küssende, nah
"Mund-auf-Mund-Drücken" beim Menschen

Wenn ein Außerirdischer das Paarungsverhalten von Menschen beobachten würde, fiele ihm bestimmt dieses seltsame Verhalten des „Mund-auf-Mund-Drückens“ bei paarungswilligen Erwachsenen auf. Und sicher hätte er große Schwierigkeiten, die Bedeutung dieses Rituals zu ergründen. Überraschenderweise könnten ihm menschliche Wissenschaftler dabei nur bedingt weiterhelfen. Denn der Kuss ist tatsächlich ein nur wenig erforschtes Phänomen! Das verblüfft, spielt der Kuss doch in der Kunst und im persönlichen Erleben des Menschen eine herausragende Rolle. Vielleicht liegt es daran, dass Psychologen und Sexualwissenschaftler sich in den letzten Jahrzehnten auf die Untersuchung der rein körperlichen Sexualität konzentriert haben, und dabei die Psychologie des Kusses und seine Bedeutung für zwei Liebende dabei etwas aus dem Auge verloren haben. Immerhin haben aber Verhaltensforscher einige spannende Theorien entwickelt, wie das Küssen in der Entwicklungsgeschichte der Menschen entstanden sein könnte.

Auch Affen küssen

Foto: küssende Schimpansen
Auch sie küssen sich – zur Versöhnung

Tierforscher haben entdeckt, dass auch bei einigen Affenarten geküsst wird, zum Beispiel bei Schimpansen. Allerdings küssen sich Affen eher selten, und auch nicht in Paarungsabsicht, sondern zum Beispiel als Versöhnungsgeste nach einem Streit. Aber immerhin: Daraus könnte man folgern, dass Affen und der Menschen das Küssen vor langer Zeit von einem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben. Dann wäre das Küssen wesentlich älter als die Gattung Mensch und keineswegs eine Erfindung des Homo Sapiens. Doch ob die biologischen Vorfahren des Menschen sich wirklich und, wenn ja, wie geküsst haben, wird selbst die gründlichste Ahnenforschung wohl nie herausfinden.

Die Kuss-Fütterung

Der bekannte Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat bei seinen vielen Reisen ausführlich die „Kuss-Fütterung“ dokumentiert, die in einigen Volksgruppen auch heute noch praktiziert wird, zum Beispiel bei den Himbas in Afrika. Die Mutter kaut dabei die Nahrung für ihr Kind vor und überträgt sie dann per Mundkuss. Mund- zu Mundfütterung ist auch bei vielen Tierarten üblich. Aus seinen Beobachtungen entwickelte Eibl-Eibesfeldt die Vorstellung, das Küssen von erwachsenen Menschen könnte sich irgendwann aus der liebevollen Kussfütterung des Nachwuchses entwickelt haben. Viele Wissenschaftler halten Eibl-Eibesfeldts Theorie für plausibel.

Von der Mutterbrust zum Kuss

Foto: Baby trinkt an Mutterbrust
Erinnern wir uns beim Küssen an die Mutterbrust?

Aus der Mutter-Kind Beziehung entwickelte auch der Psychoanalytiker Sigmund Freud seine Theorie: Ihm zufolge könnte die Brustfütterung der Ursprung des Kusses sein. Dabei ging Freud von seinem eigenen Konzept der „oralen Phase“ bei Babys und Kleinkindern aus: In den ersten Wochen und Monaten ist der Kindermund eine hochsensible erogene Zone und das Saugen an der Mutterbrust dadurch ein sehr lustvolles, Freud zufolge sogar ein sexuelles Erlebnis. Auch beim Erwachsenen ist der Mund noch eine bedeutende erogene Zone. Und so könnte die Lust am Küssen sich aus den lustvollen Erfahrungen der „oralen Phase“ entwickelt haben – sozusagen eingesogen mit der Muttermilch.

Analschnüffeln – Ursprung des Küssens?

Der Kuss
Grafik: Kuss
  • WDRZum Kuss
    Hier lesen Sie "Was Küssen im Körper macht"

Einige Kuss-Theoretiker, wie die Kulturhistorikerin Ingelore Ebberfeld, sind davon überzeugt, dass das Küssen ursprünglich in der Sexualität verwurzelt ist. Sie suchen deshalb den Ursprung des Kusses nicht in der Brutpflege, sondern im sexuellen Verhalten von Säugetieren. Auch die säugen und füttern ihren Nachwuchs liebevoll, aber sie küssen sich nicht als Erwachsene. Stattdessen schnüffeln sie am Anal- und Genitalbereich ihrer Artgenossen, zum Beispiel bei der Begrüßung und bei der Partnerwahl. Der Geruch dieser Region ist für sie entscheidend. Die Parallele zum Kuss drängt sich hier auf – auch Menschen „beschnüffeln“ sich küssend, etwa bei Begrüßungen, aber auch als intimes Paar. Das geschieht vor allem dann oft und gerne, wenn sie den Geruch des Anderen mögen. Dabei spielen StichwortDuftstoffe eine Rolle, die die Haut ausscheidet und die bewusst oder unbewusst vom Gegenüber wahrgenommen werden. Auch wenn es für einige recht unappetitlich klingen mag: Das Analschnüffeln könnte der Ursprung des Küssens sein.

Noch gibt es keine Gewissheit, aber vielleicht könnten bei einem so komplexen Phänomen wie dem Küssen Aspekte aus allen Theorien gleichzeitig zutreffen. Das ist noch nicht umfassend untersucht worden, eine einheitliche und allgemein akzeptierte Antwort auf die Frage “Warum küssen wir?“ steht noch aus. Der Kuss bleibt also auch für die Wissenschaft weiterhin ein faszinierendes Geheimnis.

Stichwörter

1 Duftstoffe
Duftstoffe, die im Tierreich bei der Partnerwahl eine Rolle spielen sind die so genannten Pheromone. Sie wirken auf das Verhalten von Artgenossen und lösen bei ihnen ein instinkthaftes Verhaltensprogramm auslösen. Es gibt darunter Sexuallockstoffe, aber auch Duftstoffe, die Aggressionen oder Revierverhalten hervorrufen. Ob Pheromone in diesem Sinn beim Menschen auch wirken, ist umstritten. Denn echte Pheromone konnten beim Menschen bisher noch nicht nachgewiesen werden. Klar ist aber, dass Körpergerüche in der Kommunikation zwischen Menschen trotzdem eine Rolle für Sympathie und Antipathie spielen. Zurück zum Absatz
:

Mike Schaefer

Stand: 06.10.2006


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