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Sendung vom 02. Januar 2007
Die Zunge - ein wahres Multitalent
Die Zunge ist ein wahrer Alleskönner – und tatsächlich braucht sie viele Talente, um ihren täglichen Aufgaben gerecht zu werden: ob sie schmeckt, tastet, prüft oder artikuliert, immer ist sie in voller Aktion. Beispiel Essen: Sobald wir Nahrung aufnehmen, beginnt die Arbeit der Zunge. Sie wendet den Bissen immer wieder hin und her und bewegt sich dabei in alle erdenklichen Richtungen. Diese extreme Beweglichkeit der Zunge ist nur durch die besondere Architektur ihrer Muskeln möglich. Sie verlaufen in drei verschiedene Richtungen: vertikale Muskelfasern und Längs- sowie Quermuskelfasern durchdringen einander wie ein dreidimensionales Netzwerk, wobei die Fasern senkrecht zueinander stehen. Aus dem Zusammenspiel zwischen diesen drei Muskeltypen entsteht die hohe Flexibilität der Zunge
Mit Hilfe des Speichels vermengt die Zunge die Nahrung im Mund
zu einem einheitlichen Brei. Währenddessen überprüft
sie die Inhaltsstoffe: schmeckt der Brei süß und ist
demnach besonders nahrhaft? Oder bitter, was auf Giftstoffe
hinweist? Um das zu ermitteln, liegen auf der Oberfläche der
Zunge Geschmacksknospen – je nach Alter des Menschen zwischen
4.000 und 9.000. Und jede Geschmacksknospe enthält im Schnitt
50 Geschmacksrezeptorzellen. Die Geschmacksknospen sitzen
ihrerseits in so genannten Geschmackspapillen. Sie
vergrößern die Fläche der Zunge um ein Vielfaches
und sorgen dafür, dass die einzelnen Geschmacksqualitäten
verstärkt wahrgenommen werden. Physiologen nennen das die
Lupenwirkung der Zunge. Aufgrund ihrer Form unterscheiden sie die
Geschmackspapillen in Wall-, Blatt-, Faden- und Pilzpapillen. In
den Papillen sitzen die eigentlichen Geschmacksrezeptoren, sie
erkennen entweder süße, salzige, saure oder bittere
Inhaltsstoffe. Neben diesen vier Grundgeschmäckern gibt es
noch Rezeptoren für einen würzigen Brühe-Geschmack,
in der Wissenschaft
Umami genannt. Er ist seit einigen Jahren als
fünfte Geschmacksrichtung anerkannt. Der Umami-Geschmack
signalisiert der Zunge eiweißhaltige Nahrung. Neue Studien
deuten darauf hin, dass die Geschmackspapillen auch Fett als eigene
Geschmacksrichtung wahrnehmen können.
Unter den verschiedenen Rezeptor-Typen spielen die Bitter-Rezeptoren eine besondere Rolle. Im Gegensatz zu allen anderen Rezeptoren sind sie überlebenswichtig, denn sie erkennen giftige Substanzen in der Nahrung, vor allem in Pflanzen und Pilzen. Die meisten natürlichen Giftstoffe weisen nämlich einen ausgeprägten Bitter-Geschmack auf – daran hat sich der menschliche Geschmackssinn im Laufe der Evolution angepasst. Kein Wunder also, dass dieser Rezeptortyp wesentlich sensibler ist als alle anderen: Im Vergleich zu den Süß-Rezeptoren ist er um den Faktor 100.000 empfindlicher! Und der Bittersinn ist zusätzlich in der Lage, zwischen den unterschiedlichsten Bitterstoffen unterscheiden. Dazu verfügt er über 25 verschiedene Bitterrezeptortypen. Zum Vergleich: Es gibt lediglich einen Süß- und einen Sauerrezeptortyp.
Jeder der 25 Bitter-Melder ist auf einen anderen Bitterstoff spezialisiert. Nur wenn sie keinen Alarm schlagen, schiebt die Zunge die Nahrung wie ein automatisches Fördersystem portionsweise in Richtung Rachen, normalerweise jeweils eine Menge von 5-15 Millilitern. Sobald die Zunge die Nahrung vollständig in Richtung Rachen weitergeleitet hat, beginnt die eigentliche „Mundarbeit“: Die Zunge beginnt, den gesamten Mundraum nach hängen gebliebenen Essensresten abzusuchen.
Dank ihrer großen Beweglichkeit kann die Zunge mühelos jede Stelle im Mundraum erreichen und auf Fremdkörper oder Unebenheiten absuchen. Dazu verfügt sie über den sensibelsten Tastsinn im menschlichen Körper – wie leistungsfähig die Zunge dabei ist, zeigt ein oft angewendeter medizinischer Test: Ärzte kennen als Kriterium für die Feinheit des Tastsinns die Fähigkeit, zwei dicht nebeneinander liegende Punkte noch als voneinander getrennt wahrnehmen zu können. Neurologen verwenden diesen so genannten Zweipunkt-Test, um zum Beispiel Störungen der Nervenleitungen bei Schlaganfallpatienten zu erkennen. Getestet wird mit einer Art Zirkel, mit dem der Arzt ganz leicht die Haut des Patienten anpiekst, und zwar an verschiedenen Körperstellen jeweils zwei Punkte. Je näher die Stellen beieinander liegen können und dennoch als zwei Punkte und nicht als einer wahrgenommen werden, desto empfindlicher ist der Tastsinn. Dieser Zweipunkt-Unterschied beträgt am Oberschenkel 68 Millimeter, am Rücken 54 Millimeter, an der Stirn 22, am Fingerrücken 16, am Daumen 9, an der Nasenspitze 7, an der Lippe 4, an der Fingerspitze zwei – aber an der Zungenspitze nur einen Millimeter! So entdeckt die Zunge jede noch so kleine Unebenheit und kann zum Beispiel Nahrungsreste aus dem Mundraum entfernen.
Auch wenn sie für das Sprechen nicht alleine verantwortlich ist: Ohne die Zunge ließen sich Buchstaben, Wörter und Sätze nur undeutlich bilden. Denn die Zunge stellt zusammen mit Mund und Rachen einen Schalltrichter her, der für das Sprechen unerlässlich ist. Die von den Stimmbändern erzeugten Geräusche und Klänge werden erst dort zu Sprechlauten moduliert. Gemeinsam mit Lippen und Zähnen verwandelt die Zunge die Töne aus der Kehle in Buchstaben, Wörter und Sätze. Bei dieser Lautbildung ist die Zunge extrem geschickt und schnell: normalerweise bringt sie es auf mehr als 90 Wörter pro Minute. Extrem schnelle Zungen schaffen sogar bis zu 400 Wörter in der Minute, ohne dabei ihre Koordination zu verlieren. Dabei greifen sie auf ein Repertoire von mehr als 20 verschiedenen Bewegungen zurück.
Thomas Kresser
Stand: 06.10.2006
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