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Sendung vom 02. Januar 2007
Unser Mund – ein Ökosystem
„In meinem Mund gibt es mehr Lebewesen, als Menschen in den Niederlanden.“ Das schrieb der niederländische Tuchhändler und Hobbyforscher Antoni van Leeuwenhoek schon 1683 in einem Brief an die renommierte wissenschaftliche Royal Society. Van Leeuwenhoek ist so etwas wie der Vater der Oralbiologie. Denn er war der erste Mensch, der mit seinen selbst gebauten Mikroskopen die Mundflora genauer unter die Lupe nahm. Und tatsächlich, auch mehr als 300 Jahre später gilt: Unsere Mundhöhle ist ein idealer Lebensraum für unzählige Mikroorganismen. Sie finden hier Wärme von etwa 36ºC, Feuchtigkeit, Nahrung und viele Nischen, in denen sie sich ungestört ansiedeln und vermehren können. So wimmelt in einem Milliliter Speichel schätzungsweise bis zu einer Milliarde Lebewesen. Vereinzelt findet man hier Hefe-Pilze und manchmal sogar einzellige Tierchen wie Amöben oder Geißeltierchen. Die häufigsten Mitbewohner im Mundraum sind aber die Bakterien.
Bakterien ernähren sich in der Mundhöhle meist von Kohlenhydraten und Eiweißen, die wir mit unserer Nahrung aufnehmen. Etwa 350 verschiedene Arten haben die Wissenschaftler im Mundraum schon gefunden, man vermutet aber, dass mehr als 1000 verschiedene Arten die Mundhöhle besiedeln. Denn sie bietet viele verschiedene Lebensräume mit ganz bestimmten Eigenschaften. Meist leben verschiedene Arten zusammen in einer widerstandsfähigen Gemeinschaft, die an Oberflächen haften. Wissenschaftler sprechen dann von Biofilmen. Besonders beliebt sind die Zähne. Ihre harten, nicht abschilfernden Oberflächen bieten eine beständige Lebensgrundlage. In den Zahngruben, Zwischenräumen und am Zahnfleischrand leben deshalb große Mengen von verschiedenen Bakterienarten. Hier sind sie meist gut geschützt und können nicht so leicht durch das Kauen und den Speichelfluss weg gespült werden. Gleiches gilt für die Zungenoberfläche. Sie besteht aus verschiedenen Papillen, die eine raue, schrundige Oberfläche bilden. Hier finden zahllose Bakterien ein Zuhause.
Die Besiedlung des gesamten Mundraums durch Milliarden von Kleinstlebewesen unterscheidet sich von Mensch zu Mensch kaum. Solange die Mikroorganismen alle im Gleichgewicht miteinander stehen, bieten sie auch einen wichtigen Schutz: Sie stärken unser Immunsystem, das so permanent gezwungen ist, sich mit den Keimen der Umwelt auseinander zu setzen. Außerdem bilden sie für die Mundschleimhäute eine schützende Barriere vor Krankheitserregern. Und: Sie zerkleinern hängen gebliebene Speisereste. Doch diese Schutzeinrichtungen gibt es nur, solange keine Art die Oberhand gewinnt. Deshalb sprechen Wissenschaftler bei den Mundbewohnern auch von „opportunistischen Krankheitserregern“. Das bedeutet, dass diese Mikroorganismen dann in der Lage sind Krankheiten auszulösen, wenn das Gleichgewicht im Mund gestört und bestimmte Arten in einer Überzahl vorhanden sind. Keine Sorge übrigens: ein intensiver Kuss kann dieses Gleichgewicht der Mikroorganismen und ihre Zusammensetzung nicht entscheidend verändern. Dafür gibt es andere süße Dinge, die da erfolgreicher sind.
Eigentlich schützt der Speichel die Zähne vor Karies und dient als Puffer gegen Säuren aus der Nahrung. Doch bei zuckerreichen Süßigkeiten wie Schokolade oder Kuchen sinkt der ph-Wert im Mund für kurze Zeit stark ab und wird sauer. Das ist tödlich für bestimmte Bakterien im Mund – viele von ihnen sterben. Doch andere bekommen dann ihre große Chance: Säure liebende Bakterien wie Streptococcus mutans und Laktobazillenarten. Sie können sich dann ungestört vermehren und mit anderen Arten einen dicken Bakterienrasen – eine so genannte Plaqueschicht bilden. Dabei ernähren sie sich von den Zuckern und können selber Säuren produzieren, die den Zahnschmelz angreifen. Besonders in den gut geschützten Zahngruben und den Zwischenräumen kann so Karies entstehen – eine der hartnäckigsten Zivilisationskrankheiten.
Einige Bakterienarten, wie zum Beispiel Porphyromonas gingivalis, siedeln besonders gerne am Zahnfleischrand. Nehmen sie überhand, kann sich das Zahnfleisch entzünden und zurückbilden – dann droht der Verlust des Zahnes und sogar ein Angriff auf den Kieferknochen: Parodontose oder Parodontitis wie die Zahnärzte sagen. Rauchen erhöht das Risiko für Parodontose übrigens um ein Vielfaches. Wissenschaftler haben chemische Abwandlungen von Nikotin in der Flüssigkeit am Zahnfleischrand entdeckt. Sie vermuten, dass diese Nikotinformen die Gefährlichkeit einiger Stoffwechselprodukte von Parodontose auslösenden Bakterien verstärken. Gleichzeitig schaden diese Nikotinabwandlungen bestimmten Zellen, die an der Heilung der Zahnfleischentzündung beteiligt sind.
In 85-90 Prozent der Fälle entsteht Mundgeruch tatsächlich auch im Mund. Oft ist das hintere Drittel der Zunge der Ausgangspunkt für den schlechten Atem. Auch hier sind es Bakterien die für das Übel verantwortlich sind. Denn dieser Zungenteil bekommt durch Sprechen und Schlucken keinen Kontakt mit dem Gaumen, was zu einer automatischen Selbstreinigung im vorderen Teil führt. So können sich hier Fäulnisbakterienarten zwischen den Zungenpapillen ansiedeln, etwa das Fusobacterium nucleatum. Sie ernähren sich von dem in den Rachenraum tropfenden Nasensekret und Rückständen, die an der Zunge hängen bleiben. Besonders beliebt sind die Reste eiweißreicher Nahrung wie Fisch, Käse oder Milch. Finden diese Fäulnisbakterien viel Nahrung, können sie sich massenhaft vermehren und es fängt an zu stinken. Beim Abbauvorgang der Bakterien, die die Proteine und Aminosäuren zersetzen, entstehen übel riechende Stoffwechselprodukte: meist flüchtige Schwefelverbindungen wie Schwefelwasserstoff, der nach faulen Eiern riecht, oder das nach Fäkalien riechende Methylmercaptan. Andere unangenehme Stoffe, die entstehen können, sind beispielsweise Cadaverin, das auch in verwesenden Leichen auftritt, Putrescin, das man in verfaulendem Fleisch findet, oder Isovaleriansäure, die nach Schweißfüßen stinkt.
Mundgeruch ist also ein absoluter Kontaktkiller, der einem so manchen Kuss vermasseln kann.
Carsten Binsack
Stand: 06.10.2006