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Sendung vom 23. Januar 2007
Computerspiele und das Gehirn
Regelmäßig Fernsehen und Videos schauen, Spiele am Computer und an Spielkonsolen – nach Untersuchungen ist das schon für Grundschüler normal. Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in 10 Regionen Deutschlands stehen in den Kinderzimmern von 30 Prozent der Mädchen und über 40 Prozent der Jungen im Alter von 9 – 10 Jahren eigene Fernsehgeräte, Spielkonsolen finden sich bei 15 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Jungen. Nach der Erhebung vergnügen sich die Viertklässler auch mit einem Spiel, das erst ab 16 Jahren zugelassen ist, "Grand Thief Auto – San Andreas". Es enthält heftige Gewaltdarstellungen und verlangt vom Spieler, sich möglichst brutal durchzusetzen.
Dass die Ballerei im Kinderzimmer mit schlechten Leistungen in der Schule und aggressivem Verhalten zusammenhängt, vermuten Politiker und Gesellschaft, aber auch Wissenschaftler immer wieder. Bisher gibt es dazu widersprüchliche Studien, vor allem aber noch viel zu wenige. Die Spiele- und Computerindustrie streitet die Zusammenhänge regelmäßig ab – kein Zufall, wenn man mit Konsolen-, Video- und Computerspielen jedes Jahr mehrstellige Zuwachsraten verzeichnet. Doch die Fakten, die Hirnwissenschaftler zusammentragen, weisen auf negative Effekte hin: Einige konkrete Auswirkungen des Spielens am Computer sind eindeutig belegt. So konnten Hirnforscher eine erhöhte Aggressivität direkt nach dem Spielen zeigen. Auch der Stresspegel steigt, sogar schon beim einfachen Videoschauen ist er höher als bei Prüfungen in der Schule. Erwiesen ist auch, dass die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn durch das Spielen von Computerspielen vermehrt ausgelöst wird. Dopamin ist aber der Botenstoff, der beim Lernen eine entscheidende Rolle spielt.
Der Zusammenhang von Lernen und neuen Medien interessiert Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover besonders. Dort will man mehr über den konkreten Einfluss von Computerspielen und Videos auf die Lernleistung herausfinden. Eine der Fragen, die sich die Forscher stellen, lautet: Gibt es einen Zusammenhang zwischen schlechten Lernleistungen in der Schule, dem frühzeitigem Schulabbruch und dem Start einer kriminellen Karriere?
In einer Studie des Psychologen Florian Rehbein in Hannover wurden 360 Probanden einem Mix aus Lernen und Medienkonsum ausgesetzt. Alle mussten eine Kunstsprache lernen, die sich die Psychologen ausgedacht hatten, also Vokabeln pauken. Dazwischen gab es aber Pausen und die Teilnehmer wurden mit unterschiedlichen Medien konfrontiert: Eine Gruppe musste harte Computerspielen spielen, eine zweite harmlose, nicht gewalttätige Spiele; eine dritte wurde mit Liebesfilmen, eine vierte Gruppe mit Horrorstreifen traktiert. Die restlichen Teilnehmer bildeten die Kontrollgruppe ohne Medienkonsum – sie durften in den Lernpausen Tischtennis spielen. Bei allen wurde im Anschluss daran gemessen, wie viele Vokabeln sie sich von der neuen Sprache gemerkt hatten.
Noch werden die Daten der Studie ausgewertet. Doch die Forscher
glauben, mit ihrer Untersuchung die sogenannte
Löschungshypothese bestätigen zu können. Nach dieser
Hypothese wird gerade neu aufgenommenes Wissen von starken
emotionalen Reizen, wie sie beispielsweise bei Computerspielen
entstehen, überschrieben. Das Neue kann dann nicht in den
richtigen Gedächtnisregionen abgespeichert werden. Eine
zentrale Rolle in diesem Prozess nimmt eine Hirnregion ein, die
Hippocampus genannt wird. In ihm werden
Informationen kurzzeitig gespeichert, bevor sie ins
Langzeitgedächtnis übertragen werden. Dieser
Speichervorgang könnte durch die Computerspiele ernsthaft
gestört werden, wenn der Kurzzeitspeicher mit neuen
Informationen durch die rasanten Spiele so vollgestopft wird, dass
er praktisch überläuft und nur noch Bruchstücke der
Informationen ans Langzeitgedächtnis weitergeben kann. Da der
Hippocampus zu einem System im Gehirn gehört, in dem auch die
Gefühle verarbeitet werden, nehmen die Forscher an, dass die
starken emotionalen Reize, die Computerspiele ausüben, ein
weiterer Grund dafür sein können, dass zwar das
Computerspielen abgespeichert wird, aber eben sonst nichts
mehr.
Allerdings wissen die Forscher in Hannover auch, dass es sehr stabile "Lernpersönlichkeiten" gibt, die trotz der rasanten Spiele gut lernen. Die Ergebnisse der Studie sollen im Frühjahr 2007 vorgestellt werden.
Tilman Wolff
Stand: 23.01.2007
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