Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Wissen
Quarks & Co
Sendung vom 23. Januar 2007
Lernen durch Beobachten
Vittorio Gallese schleckte gerade an einem Eis, als er per
Zufall eine der wichtigsten Entdeckungen machte, die der
Hirnforschung seit 1990 gelang. So sagt es zumindest die Legende:
In seinem Labor im italienischen Parma saß ein kleiner Affe,
dessen Gehirn an bestimmten Stellen mit Elektroden versehen war.
Die Hirnforscher um Giovanni Rizzolatti und Vittorio Gallese von
der Universität Parma interessierten sich eigentlich für
einen Bereich des Gehirns, der Bewegungen, speziell Handbewegungen,
steuert. Man wollte die Aktivität einzelner Hirnzellen messen,
wenn Primaten etwas mit der Hand tun – sich eine Nuss nehmen,
zum Beispiel. Der Makake in Galleses Versuch von 1992 tat brav das
Verlangte: Er griff nach Nüssen und seine Hirnzellen gaben
dabei elektrische Signale von sich, die aufgezeichnet wurden. Doch
dann kam die kleine Pause, in der der Versuchsleiter sich ein Eis
gönnte und der Affe noch verkabelt war. Da begann das
Aufzeichnungsgerät wieder zu knattern, und zwar genau in dem
Rhythmus, in dem Gallese
sein Eis zum Mund führte: Der Forscher
hatte im Gehirn des Affen zufällig einzelne Neuronen erwischt,
die die Bewegungen anderer widerspiegeln konnten – die
geheimnisvollen Hirnzellen bekamen den Namen "mirror
neurons", zu deutsch: Spiegelneuronen.
So kamen die Forscher aus Parma als erste auf jene spezialisierten Hirnzellen, die sowohl dann in Aktion sind, wenn Menschen selbst etwas tun, als auch, wenn sie andere nur beobachten. Denn dass auch Menschen über Spiegelneuronen verfügen, steht inzwischen außer Zweifel. Seit ihrer Entdeckung 1992 wurden die Spiegelneuronen zunächst an Affen, dann aber auch an menschlichen Gehirnen intensiv erforscht. Und obwohl man noch längst nicht alles über ihre Funktion, ihre Verteilung im Gehirn und ihre Vernetzung mit anderen Hirnzellen weiß, ist sicher, dass sie beim Menschen eine ganz besondere Rolle spielen: Sie geraten in Schwingung, wenn man andere beobachtet, Gesichter sieht, Mimik und Gestik, und Emotionen wahrnimmt. "Die Zellen zum Gedankenlesen" wurden sie schon genannt, denn selbst wenn eine Handlung nur angedeutet wird, ergänzt das Gehirn sie dank seiner Spiegelneuronen zu vollständigen Aktionen.
Ganz besonders dann, wenn ein Mensch etwas mit der Hand macht,
etwa ein Werkzeug, ein Gerät oder Geschirr, ein Handy oder
eine Fernbedienung ergreift und sich daran zu schaffen macht.
Insgesamt machen es die Spiegelneuronen möglich, die
Intentionen anderer zu verstehen, sie scheinen eine Rolle für
die Entwicklung von
Einfühlungsvermögen und für
das Gesichtererkennen zu spielen, und sie sind wahrscheinlich der
Grund dafür, warum Lachen und Gähnen so ansteckend sind.
Besonders aktiv werden sie, wenn man Bewegungen lernen
möchte.
Die Wunderzellen mit Doppelfunktion sitzen in mehreren Bereichen
des Gehirns, zum Beispiel dort, wo Bewegungen gesteuert werden,
speziell Handbewegungen. Aber sie sind auch im
limbischen System und in der linken
Hirnhälfte an der Stelle zu finden, wo das Sprachzentrum, das
Broca-Areal, sitzt. Man geht von einem ganzen System von
Spiegelneuronen aus. Absolut gesehen sind nur wenige Prozent der
Milliarden von Hirnzellen Spiegelneuronen, aber sie sind
offensichtlich auf besondere Weise mit den Bereichen vernetzt, die
für Sehen und Hören zuständig sind. Diese beliefern
die Spiegelneuronen bevorzugt mit Wahrnehmungsdaten, wenn es um das
Erkennen von Gesichtern oder Handlungen anderer Menschen geht.
Gerade für das Erlernen von Bewegungen sind die
Spiegelneuronen offensichtlich wichtig. Am Forschungszentrum
Jülich haben Hirnforscher an einem interessanten Versuch
gezeigt, wie und wann die Spiegelneuronen Resonanz geben: Probanden
wurden gebeten, sich Bilder von einer Hand anzusehen, die an einem
Gitarrenhals Akkorde greift. Dabei sollten sie sich in einem
Durchgang gar nicht bewegen, in einem zweiten sollten sie die
Griffe selbst mit den Fingern nachmachen.
Die Wissenschaftler haben dabei die Gehirnaktivität der
Probanden in einem
Kernspin-Gerät gemessen. Auf den
Kernspin-Aufnahmen reagierten in beiden Fällen dieselben
Hirnareale der Teilnehmer – es waren die für die
Steuerung von Bewegung: Obwohl es Aufgabe dieser Areale ist,
Bewegungen zu steuern, gerieten sie schon beim bloßen Ansehen
der Fotos und Videos in Aktion. Das beweist, dass dort
Spiegelneuronen arbeiten. In einem weiteren Durchgang
veränderten die Forscher das Experiment: Die Teilnehmer
bekamen die Anweisung, sich die Griffe des Musikers gut zu merken,
denn sie sollten sie später nachmachen. Und diesmal waren die
Spiegelneuronen im Bewegungszentrum des Gehirns noch viel
stärker aktiv als vorher beim bloßen Beobachten. Stefan
Vogt, Psychologe und Hirnforscher, sieht dies als Beweis dafür
an, dass Spiegelneuronen beim Lernen durch Nachmachen direkt
beteiligt sind.
Vogt arbeitet in England und untersucht am MARIARC-Zentrum in Liverpool, welche Rolle die Spiegelneuronen beim Lernen von Bewegungen spielen. Dazu setzt er sein Gitarrenexperiment aus Jülich fort: Wieder lässt er Probanden Gitarrengriffe nachmachen, teils haben sie sie vorher geübt, teils haben sie sie nie zuvor gesehen. In einem Durchgang müssen die Teilnehmer die Akkorde nachmachen, in einem anderen stellen sie sich nur vor, dass sie ihre Finger bewegen und die Griffe selbst ausführen. Auch beim bloßen Vorstellen funken die Spiegelneuronen Signale. "Es könnte sogar sein", so Stefan Vogt, "dass Menschen, die ihre Spiegelneuronen gut aktivieren können, auch besonders gut lernen." Das gilt für alle Arten von Bewegungen, vielleicht aber auch für mehr. Auf jeden Fall wissen vor allem Sportler, wie gut das mentale Training – das Sich- Vorstellen von Bewegungen oder Abläufen, aber auch das Beobachten von anderen Sportlern – auf ihre eigene Leistung wirkt. Wahrscheinlich geht auch das auf das Konto der Spiegelneuronen.
Das Lernen durch Nachmachen scheint eine wichtige Station des lebenslangen Lernens zu sein, gerade bei Babys und Kleinkindern ist das offenkundig: Sie ahmen nach, was sie sehen; wollen das tun, haben und anfassen, was andere tun, haben oder anfassen. In diesen Impulsen sind sie kaum zu bremsen - die Spiegelneuronen könnten die hirnphysiologische Grundlage dafür darstellen. Durch sie scheint das menschliche Gehirn auf das Nachahmen geradezu spezialisiert zu sein, mehr als jedes andere Säugetiergehirn - außer den Menschen besitzen nur wenige Primatenarten Spiegelneurone.
Wegen ihrer sehr grundlegenden und weit gefächerten
Funktionen für Bewegen, Lernen, Soziales und Emotionen
betrachten viele Wissenschaftler die Spiegelneuronen geradezu als
Hardware für das Menschsein. So äußerte sich zum
Beispiel der amerikanische Hirnforscher
Vilayanur S. Ramachandran, einer der weltweit
bedeutendsten Wissenschaftler seiner Disziplin: Er hält die
Entdeckung der Spiegelneuronen für eine Wende in der
Hirnforschung. Sie seien, sagt er, "für die Psychologie
das, was die Entdeckung des Erbmoleküls DNA für die
Biologie bedeutete."
Johanna Bayer
Stand: 23.01.2007
Seite teilen